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Kritik

Windmühlen des Glaubens

Zum s. g. „Lutherjahr“, der 500. Jährung der Reformation, hat Zaimoglu einen historischen Roman vorgelegt, der auf Luther einen kritisch-spöttelnden Blick wirft, aber seiner Sprache huldigt.
Hamburg

Das Szenario:

Sommer 1521. Hinter Luther liegen der Anschlag seiner Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg, der römische Prozess und die Verhängung des Wormser Edikts. Kurfürst Friedrich der Weise hat den Reformator zu dessen eigenem Schutz entführen lassen und hält ihn seit dem 4. Mai  auf der Wartburg fest, unter dem Pseudonym „Junker Jörg“.

Diesen Luther des Frühsommers 1521 entwirft Zaimoglu als einen überspannten und kränkelnden Mann, bestimmt von fanatischem Zorn auf Juden, Türken, 'Falschgläubige' und vor allem die Kirchenoberen, die den Ablasshandel zu einem so heuchlerischen wie blühenden Geschäft gemacht haben; wetternd gegen den Papst und dessen Willensvollstrecker nennt er diese verächtlich „Römlinge“ und verwirft ihr Tun wortreich in Briefen, die er aus der engen Burgkammer an seine Freunde Melanchthon und Spalatin schreibt: „In Rom schaut der Christ tief in die Hölle, an dem Papst sind Rüben und Sack verloren. (…) Er hat mich für einen Ketzer ausgeschrien.“ - „Zehn Krüppel Mannschaft hat der Krüppel zu Rom, was will er mir drohen, ist er unüberwindlich […]? Ich möcht unsrers Erlösers Freilassung, denn Rom nahm ihn gefangen, sie schimpfen mich Lügner“.

Dem gegen falsche Glaubenswelten wütenden Luther hat Zaimoglu eine fiktive Figur als Erzähler in erster Person, den Landsknecht Burkhart, als persönlichen Leibwächter zur Seite gestellt. Ein mit allen Lebenswassern gewaschener, waffenfähiger Realist und – pikanterweise – bekennender, wenn auch alles andere als strikter Katholik, der nun den „Ketzer“ Luther just vor den eigenen römischen Konfessionsgenossen schützen und sich dauernd verbeißen muss, ein Wort im eigenen Sinne gegen die Reformierten zu führen.

Doch dieser Haudegen ist so klug, Brotauftrag von religiöser Überzeugung zu unterscheiden: Treu seinem Dienstherrn Friedrich, dessen Sold er für die  Ausführung des Schutzauftrags empfängt, erspürt er blicksicher Luthers Todfeinde, wo er selbst keine hätte.

Und so entsteht zwischen dem 'Don-Quijotesken' Luther und seinem 'Sancho Panza' Burkhart eine Beziehung, die für den Fortgang der Sprach- und Religionsgeschichte von Bedeutung ist ...

Luther nämlich verzweifelt auf der Burg. So überzeugt er ist, sich mit seiner Kirchenkritik im Recht zu befinden, so wenig findet er einen Anker für die eigene Glaubenspositionierung. Was ist der rechte Glaube? Wie unterscheidet man ihn vom falschen in einer Welt, in der es von Aberglauben, medizinischen Irrtümern, Schwindlern und Verrückten geradezu wimmelt? Umso kniffliger noch, als Luther selbst in den Verdacht der Häresie geraten ist. Glaubensüberzeugung und Glaubensverwirrung geben sich hier die verteufelte Hand. Der kopfklare Kirchenkritiker Luther ist doch gefangen in der alten Welt der Geister und Hexen und ungläubigen Menschen: Der jüdische Arzt darf ihn nicht behandeln; ständig fühlt er sich vom bösen Dämon umschlichen und attackiert und vermutet in jeder Katze den Satan. Die Welt ist ein Sündenpfuhl und allen Schimpfes würdig; nicht einmal richtig essen mag er: der Mann ist hohes nervliches Risiko gefahren und für heutige Begriffe nahe der Paranoia.

Da hilft der realistische Weltsinn des Landsknechts. Wann immer das „Mönchlein“, in geschlossenen Studierzimmern sozialisiert, „ein Buchmensch“, dem alles Fleischliche – Sexualität, Jagd, Krankheiten – zuwider sind, aus der Burg in die Welt hinaus tritt, ist dieser schelmische Schutzengel, der die Welt von unten kennt, dabei, schirmt ab, besänftigt, vermittelt.

Es ist, als habe Zaimoglu seinen Luther an der Seite Burkharts unters Volk geschickt – ob in ein Feindesgemetzel, einen Besuch im Haus einer Hure, eine berittene Attacke gegen unheilige Berggeister, eine Sauferei in einer Spelunke „inmitten katholischer Teufel“ oder in eine Treibjagd – damit er diesem aufs Maul schaue und dessen Sprache vor Ort studiere. Wie sonst nämlich soll der Buchmönch zu seiner so deftigen, bildreichen Sprache gelangt sein, mit der er als Bibelübersetzer berühmt wurde?

Augenzwinkernd unterläuft Zaimoglu hier so die offizielle Schreibung vom autarken Genie Luther und teilt dem Landsknecht Burkhart, einer Figur des von Luther verachteten „tollen Pöbels“1 auf subtile Weise eine maßgebliche Rolle bei der Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache zu.

Und mehr noch: Zaimoglu verknüpft die s. g. Reformatorische Wende („Turmerlebnis“) mit der Figur des Landknechts. Burkhart nämlich erweist sich – trotz aller Martialität bei der Verteidigung Luthers gegen dessen Feinde – als letztlich humaner und toleranter als dieser. Dem in der Wut verbal gegen Juden, Türken, eigene Fleischesregungen und seinen waffenfähigen Beschützer stürmenden Reformator hält er seine fundierte Menschenkenntnis entgegen und spiegelt Luthers Verhalten: „Hat dich Gott erhoben, Luther? […] Was bist du nur unbarmherzig […] Du donnerst wider Türck und Jud, Luther, ich wünscht, du würdest wenige Tode künden.“ Burkhart fordert von Luther Dialog auf Augenhöhe: „Genug der Predigt. Ich spreche zu dir, sprich du zu mir.“ Im Gefolge dieses realistischen Dauerbeschusses dämmert es dem Reformator allmählich; seine Zwanghaftigkeit weicht dem reformatorisch so bedeutsamen Gnadengedanken.

Das Gnadenerlebnis kommt hier also nicht als punktuelle Erleuchtung irgendwann in den Jahren 1511 bis 1518 bei Bibellektüre im Turm, sondern prozessual durch Konfrontation mit dem realen Leben, vermittelt durch den Landsknecht Burkhart. Als Luther, auf Freundesbesuch in Wittenberg und wieder der Esslust mächtig, sich beim Schlingen den Kiefer verrenkt und der Landknecht die Blockade durch eine Ohrfeige löst, sind zwar die Freunde entsetzt, Luther aber nennt das Paradoxon: „Der Teufel gab mir die Kiefersperre […], ihn hat der Krieger geschlagen. Satan ist der Vater meiner Theologie, ohne die Anfechtung hätt ich nicht können finden zum Heil.“

An dieser Unterscheidungsfähigkeit des 'Wahren' vom 'Falschen' soll nun auch das Volk Teil haben, um Gnade erfahren zu können: „und nun muss ich fertigen das Meisterstück, das Neu Testament Teutsch.“ Das Bibelwort also gilt als der endlich gefundene Anker, die Fundierung für die eigene „lutherische“ Glaubensrichtung.

Diese scheinbar unumstößliche Basis bricht Zaimoglu jedoch unverzüglich ironisch, indem er Melanchthon auf Luthers „Meine neue Schreibart ist teutsch“ relativierend antworten lässt: „Gemäß der griechisch Wort der Apostel.“ Somit wird deutlich: Bis zuletzt bleibt der Reformator ein Epigone im Glauben, laut Burkhart „der sturste Ochs, den ich kenne […], der wie die Pfaffen meiner Kirche eifert […] ein kalter Pfaff“. Worin seine eigentliche Leistung gemäß Zaimoglus Interpretation besteht, lässt ihn der Romancier allerdings auch kurz – und (wiederum ironischerweise) von allen Umstehenden außer Burkhart unbeachtet – aussprechen: „Ich schenk die verteutschte Schrift. Im Verteutschen und nicht im Fälschen bekenn ich.“

Als ob Sprache nicht schon Fälschen wär!

Der eigentliche Protagonist des Buches ist also die Sprache, der Zaimoglu mit diesem Werk eine außerordentliche, originelle Hommage darbringt. Denn der gesamte Roman inklusive der fiktiven Briefe Luthers ist konsequent in Lutherischem Deutsch gehalten. Dass Zaimoglu darin dem historischen Luther – der war etwas besonnener in seinen Briefen – nicht so ganz gerecht wird, ist nebensächlich: Dies ist ja ein historischer Roman, eine Fiktion, und wie man weiß, spielen solche ja häufig auf hochaktuelle Themen an. Welche Frage aber wäre derzeit (politisch) aktueller als jene, ob Menschen an den Scharnierstellen der Macht überhaupt ihre eigenen Prämissen reflektieren, bevor sie ihre „good news“, die Evangelien der Neuzeit, ausstreuen?

Feridun Zaimoglu
Evangelio · Ein Luther-Roman
Kiepenheuer & Witsch
2017 · 352 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-462-05010-3

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