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Kritik

Das andere Ende der Sprachlosigkeit

Hamburg

„Feridun Zaimoglu unternimmt den ernsthaften Versuch, unbürgerliche Literatur zu schreiben. So etwas traut sich kaum noch ein Autor.“ – dieses Zitat aus einer ZEIT-Rezension schmückt den Umschlag von Zaimoglus neuem Roman „Isabel“. Klingt gut, ein wenig provokativ auch, indem es sich auf die aktuelle Feuilletondebatte zur Verbürgerlichung oder wahlweise Verprovinzlichung der deutschen Gegenwartsprosa bezieht. Bloß stimmt es weder, dass sich das kaum ein Autor traut, noch dass Zaimoglu hier etwas „Unbürgerliches“ vorlegt, was auch immer das sein soll.

Protagonistin Isabel ist so unbürgerlich gar nicht, nur weil sie eben nach dem fluchtartigen Auszug bei ihrem gut situierten Ex mit wenig Geld vor sich hinlebt, mal unter all den Bekloppten auf den Straßen Berlins, mal bei Mama und Papa in der Türkei, deren größte Sorge ist, dass Töchterchen alle Avancen potentieller Ehemänner in den Wind schlägt. Sie hängt in Obdachlosenheimen und Suppenküchen ab, bedient sich bei einer Kleiderausgabe für Bedürftige und führt ihren kläffenden kleinen Handtaschenköter auf einem Transenstrich spazieren, wobei mal mehr, mal weniger glaubwürdige Dialoge entspringen, die insgesamt aber ähnlich ziellos dahindümpeln wie die reichlich unsympathische Hauptfigur.

Deren männlicher Gegenpart heißt Marcus, ist Ex-Soldat, war im Kosovo, wo er unabsichtlich ein Kind überfahren hat, also traumatisiert, wie es sich für einen Romansoldaten gehört. Überhaupt gibt es ja nur drei Varianten: Held, Arschloch oder Traumatisierter. Hier also Klischee T. Auch Marcus durchlebt seine Malaisen an jenem Ort, der im bürgerlichen Feuilleton für gewöhnlich als „Rand der Gesellschaft“ (was immer das sein soll) bezeichnet wird, schwankt zwischen Selbstzweifeln und einer tumben Cholerik, die ihn mitunter in Schwierigkeiten bringt – und natürlich tastet er sich Stück für Stück an Isabel heran, damit das Geheimnis der toten gemeinsamen Freundin gelüftet werden kann.

Trotz vieler interessanter Ansätze bleibt die Handlung doch recht dünn, in die Tiefe der Figuren geht es höchstens andeutungsweise mal, zumeist kratzt die Erzählung an diversen Oberflächen, man wird das Gefühl nicht los: an zu vielen. Dabei spielt auch die Sprache eine zentrale Rolle. Sie wirkt gehetzt, kommt in kurzen und kürzesten Sätzen daher, die gern mal auf wesentliche grammatikalische Elemente, die einen Satz zu einem Satz machen, verzichten. Man kann das wohlwollend als Stilmittel verstehen, das mit der Ruhelosigkeit der Figuren korrespondiert. Oder aber man empfindet es als ein unausgegorenes Gestammel, das den Lesefluss zu einer Holperpiste degradiert. Ob nun Absicht oder nicht - „Isabel“ wirkt über weite Strecken mehr nach Skizze als nach fertigem Roman, sowohl inhaltlich als auch stilistisch.

Feridun Zaimoglu
Isabel
Kiepenheuer & Witsch
2014 · 240 Seiten · 18,99 Euro
ISBN:
978-3-462-04607-6

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