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Hitlersohn

Feridun Zaimoglu beweist mit einem 800 Seiten starken historischen Roman "Siebentürmeviertel" ungewöhnlich langen Atem.
Hamburg

Ganz klar: Dieser Roman ist am Besten in Bezug auf den Zeitpunkt seines Erscheinens zu lesen. Handelt es sich doch bei Zaimoglus neuem Wälzer "Sibentürmeviertel" um ein Buch über die - Obacht! - Integration eines deutschen Flüchtlingskindes in einem - erneut Obacht! - "Multikultiviertel" in Istanbul während der Nazizeit. Mithin: Um einen sanften Hinweis besonders an jene Bewohner Mitteleuropas, die weder "das Sozialamt der Welt" sein wollen noch besonders viel "Platz im Boot" übrig sehen - den Hinweis nämlich, dass sich die Rollen von "Flüchtling" und "Gastgeber" genausogut ändern könnten. Sogar noch, warum diese zeitgenössischen Konzepte von "Integration" und "Multikulturalität" so problematisch sind, kann anhand der Story und der Szenerien in "Siebentürmeviertel" diskutiert werden - ohne, dass die betreffenden Worte selber in dem Roman in diesem Sinne vorkämen. Zwar weist das Buch eine deutliche Tangente zum Hier-und-Jetzt auf, aber als saftiger Roman hat es doch mehr und anderes als bloß, sagen wir, Thesentheater zu bieten.

Da wäre zunächst die Sprache, wie Zaimoglu sie benutzt: Eine aufzählende, gerade eben noch nicht telegrammhafte Kunstsprache, fokussiert auf den unmittelbaren Eindruck, den die Dinge auf das Erzählsubjekt machen, den Jungen Wolf. Dieser Fokus wird auch unterstützt durch die Entscheidung, wörtliche Rede nicht durch Anführungszeichen zu markieren, sondern nur durch Doppelpunkte: Was geschieht, was gesehen und gesagt wird, bildet sich uns als ununterbrochenes Kontinuum gleichberechtigt nebeneinander stehender Impulse ab. Auch, wenn Wolf selbst reflektiert, spricht oder handelt - sogar, wenn solches Reflektieren, Sprechen und Handeln gut in der Handlung oder im Subtext vorbereitet ist - wird der Text getragen vom Vorschein eines nicht-kausalen Hintereinander und vermittelt so eine eigentümliche, traumartige Wirkung. Aber vielleicht ist "traumartig" zuviel gesagt: Zumindest haben wir den Eindruck, unser Erzählsubjekt stünde den eigenen Handlungen, Aussagen und Emotionen gegenüber genauso weit aussen vor wie der Rede der anderen Figuren oder den Geschehnissen rundum. Mit diesem Eindruck ist vielleicht die migrantische Fremdheit "zwischen den Identitäten" ganz gut beschrieben: Wer bin ich hier und was ist es, das ich hier empfinde?

Von dieser Traumartigkeit unberührt bleibt, dass es einen wohlgefügten Plot gibt, der sich unkompliziert erschließt und der so mannigfaltige Auffächerungen ermöglicht, dass es uns auf den grob 800 Seiten, gegliedert in zwei Großabschnitte und 99 Kapitel, benannt nach den 99 Beinamen Allahs, nicht langweilig wird. Die Ausgangslage ist die folgende: Wolfs Vater, in seiner Heimat von den Nazis verfolgt, findet 1939 mit seinem Sohn Unterschlupf bei seinem alten Bekannten Abdullah Bey und dessen Familie im Siebentürmeviertel in Istanbul. Als Gerüchte im Viertel die Runde machen, wonach "der Deutsche" sich mit Billigung des Hausherrn an dessen Tochter vergehe, zieht dieser weiter und lässt seinen Sohn bei Abdullah Bey zurück, der Wolf nun an Sohnes statt annimmt. Das Heranwachsen des "Ariers", wie viele ihn nennen, geht einher mit dem Navigieren der "fremden", "rauen" Sitten des "Gastlandes", besser: des Gastbezirks, denn das Siebentürmeviertel ist multiethnisch, und die Bedeutung von Selbst- und Fremdzuschreibungen wie  "Türke", "Armenier", "Grieche", "Jude" usw. für die Identität seiner einzelnen Bewohner ist kaum zu überschätzen.

Dass sich zwar nicht alle Figuren immer, aber doch die meisten Figuren die meiste Zeit über eines eigenartig "hohen Tons" bedienen, wenn sie sprechen, erlebt man der schon geschilderten Erzählstimme wegen nicht als Bruch. Gleichwohl liegt hier am ehesten eine Schwachstelle von "Siebentürmeviertel". Im Nachhinein betrachtet - will sagen, nicht, solange ich lese, aber sehr wohl, sobald ich das Buch zur Seite lege - erscheint mir, als gäbe es eine Inkongruenz zwischen einerseits der konsequent durchkomponierter Erzählhaltung samt den Figurenstimmen - also der Sprachebene, die an Legenden, Heiligenvitae, archaisierenden Kunstmärchen orientiert scheint - und andererseits dem Plot und dem deutlichen Anspruch des Romans, die nebeneinander existierenden sozialen Wirklichkeiten des Siebentürmeviertels in ihrer geballten Gruseligkeit und ihrer Brüchigkeit am Vorabend (bzw. im zweiten Teil gleich nach dem Ende) des Weltkrieges zu schildern. Denn: In dieser Sprache dargestellt, und bevölkert von Leuten, die so reden, wirkt nichts mehr brüchig. Ich schlage eine beliebige Seite auf, um zu demonstrieren, was ich meine:

Du hältst mir meine Dummheit vor?
Wie hast du davon erfahren, Tochter?
Ein langes Frauenhaar hatte sich an seiner Halskette verfangen, sagt Derya.
Gestand er sofort?
Nein, er log mich an. Seine Mutter soll ihn umarmt und dabei ein Haar verloren haben.
Wolf, du bist ein begabter Liebesbote.
Danke, sagte ich.

Alles in Allem: "Siebentürmeviertel" funktioniert als facettenreiche Kontemplation über die tieferen Schichten der deutschen und der türkischen Geschichte. Zaimoglu kann sich zu Gute halten, einen Tonfall gefunden zu haben, der viele widerstrebende Arten von Inhalten, Atmosphären und selbst von Diskursen aufnimmt. Der Preis dafür ist, dass der Roman streckenweise das Gepränge einer kunstreich-künstlich archaisierenden Legendenerzählung annimmt, die zwar wohlgefällig zu lesen, aber auch befremdlich ist. Doch wie schon der große Fritz Teufel sagte: "Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient..."

Feridun Zaimoglu
Siebentürmeviertel
Kiepenheuer & Witsch
2015 · 800 Seiten · 24,99 Euro
ISBN:
978-3-462-04764-6

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