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Kritik

Glücklich war gestern

In Finn-Ole Heinrichs neuem Erzählband „Gestern war auch schon ein Tag“ präsentiert sich das Schicksal alles andere als in Geberlaune: Gleich in der Auftaktgeschichte berichtet der Erzähler vom Alltag mit seiner Freundin, der infolge eines Unfalls ein Bein amputiert wurde: „Ihr singendes Gurgeln aus dem Bad am Morgen, dass sie nicht aufhören kann zu lachen und zu plappern nach dem ersten Kaffee, die vielen ausgeschnittenen Artikel, die sie in ihrer Wohnung verteilt wie eh und je […]. So habe ich mich verliebt, in ihr stolzes, amüsiertes Clowngesicht, in diese Art, immer ein bisschen zu übertreiben, alles mit einem Lächeln sehen zu können. Und jetzt. Es ist nichts kaputt. Ich kann wichsen. Ich kann mich zwingen, dabei an Susan zu denken“.

Heinrich führt konsequent fort, was sein Debütband „Die Taschen voll Wasser“ bereits auszeichnete, der (von der Band Muff Potter entliehene) Titel betont aber den kritischen, tristen Einschlag der acht jüngsten Geschichten. Die Tristesse kommt dabei stets auf einem von zwei Wegen daher: Entweder erlebt das eigentlich heile, mehr oder weniger studentische Milieu einen Einbruch, der die Hauptfigur aus der Bahn wirft. Oder aber der Erzähler wagt den Blick auf die Unterschicht und sozialen Underdogs – und will den trostlosen Trott ihrer Lebenswelten ausleuchten.

Letzteres gelingt dem Autor weniger überzeugend. Hier werden zu oft gängige Klischees bedient und die Geschichten drohen dabei manchesmal in Sozialromantik abzugleiten. Es werden eindringlich die Erlebnisse von Fußballhooligans, Müllmännern und jugendlichen Straftätern geschildert – und dies stets aus der Ich-Perspektive. Heinrichs Stil stößt sich dabei an den widerständigen Figuren. So bleibt etwa der von Gewaltlust und Alkohol berauschte ‚Bewusstseinsstrom‘ des Fußballhooligans Dixi phrasenhaft und konturlos: „Wir pfeifen und brüllen was wir können und schubsen die Leute, ich tret den Vater von dem kleinen Jungen vor mir, der fällt nach vorn, in eine Gruppe Studenten“, „Abpfiff, Randale, Gegröle“.

Überzeugend hingegen sind jene Erzählungen, in denen sich die heile Studentenwelt mit einem Mal mit einer bislang verdrängten Wirklichkeit konfrontiert sieht. Allen voran steht dabei die längste und (neben „Sie hat den Herbst gewonnen“) beste Erzählung „Marta“. Hier gelingt es Heinrich auf authentische Weise, zwei unvereinbare Welten sich kurzzeitig berühren zu lassen: Paul, ein lethargischer, norddeutscher Student, schildert rückblickend die Affäre mit der drogensüchtigen Marta – mit der er die letzten Wochen ihres kurzen Lebens verbringt. Nach einem unromantischen Aufeinandertreffen („Ich hatte Marta gefunden. Wie sie im Morgengrauen schlafend in der Bahn lag, mit offenem Mund“), zieht er nach einer zögerlichen Kennlernphase spontan bei ihr ein. Heinrichs poetische Beobachtungsgabe, sein Fabulieren des Weiblichen, muss sich diesmal an einer Scheiternden entzünden – und dies gelingt ihm auf anrührende Weise: „Sie trank, als ginge es darum, irgendetwas aufzufüllen. Sie trank wie andere schlafen, tief und fest, gegen die Müdigkeit. Marta war Alkoholikerin, nach normalen Maßstäben, aber darum ging es bei ihr längst nicht mehr. Es ist keine Entschuldigung, aber sie war gesellig und freundlich, witzig, laut und angenehm, wenn sie trank. Das Wippen ihrer Füße nach dem ersten Schluck Wodka am Morgen – zum Verlieben. Ihr unerschöpflicher Vorrat an Trinksprüchen, ihr Radius, der mit jedem Schluck wuchs, als wollte sie sich mit ihren übertriebenen Gesten in den Raum graben, Wurzeln schlagen“.

Finn-Ole Heinrich verlässt dabei nicht die ihm eigene Sensibilität, die seine Sprache auszeichnet, sondern fordert sie vielmehr, sich am faszinierenden Fremden zu beweisen. Eine Leidenschaft treibt seine Sprache voran, die in aller Unmöglichkeit der Umstände es schafft, Poetisches aufblitzen zu lassen – und darin gleichsam versucht, Marta zu retten: „Marta, pausbäckig und Obst essend. Zärtlich, sinnlich, leicht zu erregen. So ging es, nicht lange, aber es ging“, „Ich liebte Marta, obwohl das Wahnsinn war. Denn Marta würde sterben“.

Allein schon diese Geschichte macht den neuen Erzählband wertvoll – in ihrer Authentizität gelingt die Darstellung des unbekannten Milieus, vor der die fast kindlich-poetische Neugier nicht halt machen will. So schwankt Finn-Ole Heinrichs Erzählstil zwischen rotzfrech und melancholisch, und wirkt trotz der Härte seines Themas stets lebensnah und respekt-, ja liebevoll. Und daneben blitzen beiläufig Sätze auf voll poetischer Kraft, die der Erzähler unkommentiert verklingen lässt, welche im Leser aber umso länger nachhallen: „Wir saßen im Gras und kriegten nasse Ärsche, obwohl die Sonne inzwischen brannte. ‚Das Leben ist an die Lebenden vergeudet‘ sagte Marta etwas wichtigtuerisch…“.

Finn-Ole Heinrich
Gestern war auch schon ein Tag
Mairisch
2009 · 160 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-938539149
Erstveröffentlicht: 
literaturkritik.de

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