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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Bis die Sonne von einem Baum fiel und sich das linke Bein brach.

Hamburg

Aufgerissen, verwundet, zerstückelt – das sind die Gedichte von Fiston Mwanza Mujila. Ein Aufschrei der Verzweiflung, der herausschreit, was für gewöhnlich verdrängt und verschwiegen wird. Die Gedichte in „Le Fleuve dans le Ventre. Der Fluß im Bauch“ sind keine Gedichte, welche man still für sich lesen kann – sie verlangen richtiggehend laut gesprochen, gesungen oder gar geschrien zu werden.

Viele der Gedichte beschwören eine hoffnungslose Trostlosigkeit:

SOLITUDE 75
je vais m’enterrer
ou plutôt préparer mon enterrement
ou plutôt laver ma dépouille mortelle
ou plutôt déposer des fleurs et une cruche d’eau
sur ma tombe ...

SOLITUDE 75
Ich gehe mich begraben
oder bereite eher meine Beerdigung vor
oder wasche eher meine sterbliche Hülle
oder stelle eher Blumen oder einen Krug Wasser
auf mein Grab ...

Im Zentrum steht ein „ich“. Die völlige Selbstaufgabe dieses „ich“ in vielen der Gedichte führt nicht zur endgültigen Auflösung, sondern zu einem radikal offenen Schreiben – denn es gibt kein Zurück mehr, nichts mehr zu verlieren.

SOLITUDE 62
j’abdique
j’accepte mon destin de chien
je laisse mon sang
écrire la dernière syllabe
sur le perron du temps

EINSAMKEIT 62
Ich gebe auf
Ich nehme mein Hundeschicksal an
Ich laß mein Blut
die letzte Silbe schreiben
auf den Perron der Zeit

Kohlezeichnung Christian Thanhäuser

Radikal sind die Gedichte schon allein von den angesprochenen Themen wie Gewalt, Hunger, Kindersoldaten, den zahlreichen unbegrabenen Leichen, die einfach in den Kongofluss geworfen wurden, Krankheit, Entstellung, ... Der zerstörte oder verletzte Körper steht häufig im Mittelpunkt. Zu dieser Körperlichkeit gehören auch das Ausspeien und das Essen. Jedoch nicht Essen im harmlosen gewöhnlichen Sinne, sondern ein Essen ohne satt zu machen, ein Essen, das zur Selbstauflösung oder Selbstzerstörung führt, wie es im häufig auftauchenden Autokanibalismus der Fall ist.

SOLITUDE 56
je mange, je mange, je mange
mais je ne me rassasie pas (bis)
devrais-je me manger?
manger mon sexe et mon ventre?
cannibalisme ou autocannibalisme
l’essentiel foutre dehors
ma famine aux allures de la Somalie

SOLITUDE 56
ich esse ich esse ich esse
aber ich werde nicht satt (da capo)
muß ich mich verspeisen?
mein Geschlecht essen und meinen Bauch?
Kannibalismus oder Autokannibalismus
das Wesentliche hinauswerfen
meine Hungersnot ähnlich der in Somalia

Die unausweichliche und immer wiederkehrende Gewaltspirale wird in „SOLITUDE 99 ou l’Esperanza Club / EINSAMKEIT 99 oder Club Esperanza“ beschrieben. Besonders eindrücklich ist, dass Fiston Mwanza Mujila die Schilderung der täglichen Schlägerei und Brutalität mit Diskussionsfetzen zum regelmäßig davor im Fernseher laufenden Fußballspiel kontrastiert. Zwischendurch fallen beinahe unauffällig messerscharfe politische Aussagen – z.B. wenn festgestellt wird, dass das Polizeikommissariat kleiner als die WCs im Weißen Haus sei und die Menschen als „Tiere“ bezeichnet werden:

Mais les bouteilles continuaient à flotter au-dessus de nos têtes.
Personne n’arrêtait sa colère. Tout le monde savait que leur com-
missariat – 4 mètres sur 4 ou 5 mètres sur 4 ou 3 mètres sur 6,
c’est selon – plus petit que les w.-c. de la Maison Blanche ne pou-
vait contenir pas plus de dix bêtes. [...]

Aber die Flaschen flogen weiter über unsere Köpfe. Keiner ließ
ab von seiner Wut. Jeder wußte, ihr Kommissariat – 4 mal 4
Meter oder 5 Meter mal 4 oder 3 Meter mal 6, je nachdem – war
kleiner als die WCs des Weißen Hauses und konnten nicht mehr
als zehn Tiere aufnehmen. [...]

Religion wird insofern thematisiert, als häufig aus der Apokalypse zitiert wird oder biblische Motive wie Noah und die Sintflut aufgegriffen werden.

Kohlezeichnung Christian Thanhäuser

Die Gedichte tragen alle den Titel SOLITUDE bzw. EINSAMKEIT und sind durchnummeriert. Die Anordnung folgt aber nicht der Zahlenreihe, sondern ist nummernmäßig durchgemischt. Der Gedichtband beginnt mit SOLITUDE 61. SOLITUDE / EINSAMKEIT 1 finden sich erst auf den Seiten 124 und 125.

Es ist erstaunlich, wie irritierend es sein kann sich durchnummerierten Gedichten gegenüber zu sehen, welche nicht nach den Nummern geordnet sind. Tristan Guilloux drückt sich vorsichtig aus, wenn er schreibt: „Eine Unordnung scheint zwischen den Einsamkeiten, bei denen die Nummerierung unvorhersehbar ist, zu herrschen.“ („Un désordre semble régner parmi les Solitudes, elles dont la numérotation est imprévisible.“, www.africultures.com) Der Eindruck der scheinbaren völligen Unordnung täuscht aber und wird fast ausschließlich von den durchmischten Nummern erzeugt. Auch wenn es auf den ersten Blick kein klar erkennbares Ordnungssystem gibt, so erweckt die Anordnung keineswegs den Eindruck, willkürlich zu sein. Nein, ganz im Gegenteil wirkt der Gedichtband als Ganzes sehr bewusst durchkomponiert. Auf der Oberfläche der Nummern scheint Chaos zu herrschen, die tieferen Strukturen und das Gesamtkonzept wirken aber sehr stimmig, ohne dass man es genau festmachen könnte. – Fast wie bei einem Musikstück, bei dem im ersten Moment alle wild durcheinander zu spielen scheinen. Wenn man sich aber ganz darauf einlässt und die Augen schließt, bemerkt man plötzlich, dass es vielmehr ein genau geregeltes Miteinander ist.

Vielleicht fühlt man sich gegenüber den unvorhersehbaren Nummern auch deswegen im ersten Moment so hilflos, da es kein Inhaltsverzeichnis gibt – sucht man Querverbindungen wird man dadurch zum Blättern gezwungen. Und diese gibt es in großer Menge.

Würden die Gedichte ganz gewöhnlich mit der Nummer 1 beginnen und dann in aufsteigender Reihenfolge anschließen, so würde dadurch ein stetiges Anwachsen entstehen. Da es um einen Fluss geht, könnte man es sich in etwa wie die Moldau von Smetana vorstellen – nur als Schriftbild: es beginnt mit einer kleinen Zahl und schwillt immer stärker an. Und stellt man sich das erst einmal vor, wird sofort klar, wie absurd die Idee ist, und warum Fiston Mwanza Mujila unmöglich mit 1 beginnen konnte – der Kongofluss lässt sich nicht mit der Moldau vergleichen, er ist gewaltig und unberechenbar. Genau deswegen müssen die Gedichte „mitten im Fluss“ beginnen.

Beginnen wir also nochmals am Beginn, der kein Beginn ist, sondern eine reißende Strömung in der Mitte eines unzähmbaren Flusses, mit dem ersten Gedicht:

SOLITUDE 61
dans mon ventre se convulse un fleuve,
bougre et fainéant, sale et immense, lugubre et vilain,
un fleuve en état (avancé) de dysenterie…

EINSAMKEIT 61
in meinem Bauch krümmt sich ein Fluß,
gutmütig und träge, dreckig und mächtig, düster und böse,
ein Fluß im (fortgeschrittenen) Stadium der Ruhr…

Gerade die erste Zeile dieses Gedichts greift den Titel des Gedichtbandes „Le Fleuve dans le Ventre / Der Fluß im Bauch“ auf und stellt damit einen sehr schönen Einstieg in die Sprach- und Gedichtwelt von Fiston Mwanza Mujila dar. Dies erscheint noch bedeutsamer, betrachtet man erst das letzte Gedicht, denn das allerletzte Wort ist „ventre“/„Bauch“.

Obwohl auch andere Flüsse auftauchen, gibt es nur einen zentralen Fluss im und für den Gedichtband – den Kongofluss:  

[…] Un fleuve libre. Un fleuve indépendant. Un fleuve majuscule.
Un fleuve fleuve!

[…] Ein freier Fluß. Ein unabhängiger Fluß. Ein Fluß
großgeschrieben. Ein Flußfluß!

Über den Kongofluss meint Fiston Mwanza Mujila:

„Dieser Wasserlauf hat mich so stark inspiriert, dass ich mich dazu verpflichtet fühlte ihm eine Gedichtsammlung zu widmen. […] Es gibt eine Ambiguität in diesem Fluss […]. Für einige symbolisiert er die Größe Afrikas und könnte den ganzen Kontinent ernähren. Aber er streikt, macht nichts. Wenn Konflikte ausbrechen, macht er sich daran die, Leichen fortzuschaffen. […]“ („Ce cours d’eau m’a tellement inspiré que je me suis senti obligé de lui dédicacer un recueil de poèmes. […] Il y a dans ce fleuve une ambiguïté […] Pour certains, il symbolise la grandeur de l’Afrique et pourrait nourrir le continent entier. Mais il chôme, ne fait rien. Quand des conflits éclatent, il se met à charrier des corps. […]”, Le Monde, 20.3.2013)

Die Gedichtlänge variiert stark – manche umfassen nur eine oder wenige Zeilen:

SOLITUDE 24
j’ai un pied en enfer

EINSAMKEIT 24
Ich habe einen Fuß in der Hölle

Andere wiederum gehen über mehrere Seiten. So erzählt „SOLITUDE 14 ou la nostalgie pour Laïka / EINSAMKEIT 14 oder Sehnsucht nach Laika“ auf sechs Seiten skurril persönlich von Tshimbalanga, mit seiner Vorliebe für Erzählungen, die mit Russland zu tun haben, mit seiner Hündin Laika, welche nur auf den Namen „Akuthämorroiden“ hörte, und der trotz seiner Größe kein Basketballer werden wollte:

Est-ce qu’on doit nécessairement jouer au basket parce qu’on
mesure deux mètres vingt? C’est l’histoire de Tshimbalanga,
surnommé Vingtième siècle, l’avant-cadet de mes oncles [...]

Muß man unbedingt Basketball spielen, nur weil man 2 Meter
20 mißt? Das ist die Geschichte von Tshimbalanga, mit Vorna-
men Zwanzigstes Jahrhundert, der zweitjüngste meiner Onkeln [...]

An diesem Zitat sieht man auch, dass zwar im ganzen Gedichtband Einsamkeit vorherrscht, dass das „ich“ aber nicht immer einsam war, sondern von nahestehenden Menschen verlassen wurde, an die es sich gelegentlich zurückerinnert.

Bilder und Themen werden immer wieder an anderer Stelle aufgegriffen und weitergeführt. Dadurch wirkt der Gedichtband als Ganzes zugleich zerbrochen (zerstückelt) und doch sehr abgeschlossen.

Das Wiederaufgreifen von Namen und Erzählsträngen bindet die zerbrochen wirkenden Gedichte auch sehr stark aneinander. So lässt die bereits zitierte „SOLITUDE 14 ou la nostalgie pour Laïka / EINSAMKEIT 14 oder Sehnsucht nach Laika“ ab Seite 104, in der ausführlich vom zweitjüngsten Onkel erzählt wird, das weitere Schicksal von Tshimbalanga offen. Dieses wurde aber eigentlich schon auf den Seiten 12 und 13 in „SOLITUDE 2 / EINSAMKEIT 2“ vorweggenommen:

[…]
Il me tarde de retrouver Tshimbalanga, l’avant-cadet de mes on-
cles, égaré à tout jamais dans les mines de diamant, entre Dim-
belenge et Tshikapa …
Paragraphe.
[…]

[…]
Ich sehne mich danach, Tshimbalanga wieder zu finden, den
zweitjüngsten meiner Onkel, für immer verschollen in den Dia-
mantminen, zwischen Dimbelenge und Tshipaka …
Absatz.
[…]

Noch wesentlich offensichtlicher sind die Querverbindungen bei „SOLITUDE 80 = Solitude 11 + Solitude 17 + Solitude 21  / EINSAMKEIT 80 = Einsamkeit 11 + Einsamkeit 17 + Einsamkeit 21“ auf den Seiten 132 / 133. Wie schon der Titel verrät, setzt sich EINSAMKEIT 80 aus drei unterschiedlichen EINSAMKEITEN zusammen, welche bereits gemeinsam, aber einzeln, auf den Seiten 14 / 15 zu lesen waren. EINSAMKEIT 80 addiert nun alle drei EINSAMKEITEN und reiht sie aneinander. Im Französischen ganz unverändert, im Deutschen gibt es kleine Abweichungen, vor allem was Satzzeichen anbelangt. Beim erstmaligen Lesen hat man bei EINSAMKEIT 80 daher sofort ein Déjà-vu-Erlebnis, da man die Sätze ja bereits zuvor gelesen hat. Da es aber kein Inhaltsverzeichnis gibt, was einen ganz besonderen Reiz ausmacht, muss man wirklich blättern und suchen, wenn man die anderen EINSAMKEITEN finden möchte. 

Musiker und Musik tauchen in einigen der Gedichte auf:

SOLITUDE 79
(pour corps démembrés, saxophone solo et piano bar. […]

EINSAMKEIT 79
(für zerstückelte Körper, Solosaxophon und Piano-Bar. […]

Doch ist diese einfache Thematisierung von Musik nicht, was die Musikalität der Texte ausmacht. Vielmehr behandelt Fiston Mwanza Mujila Sprache als Musik und macht sie so auch zu Musik. Pierre Lepidi nennt Fiston Mwanza Mujila „den Musiker der Worte“ („le musicien des mots“, Le Monde, 20.3.2013) und schreibt davon, dass Fiston Mwanza Mujila davon geträumt hätte, Saxophonist zu werden. Doch in seiner Geburtsstadt Lubumbashi (ehemals Kongo) gab es kein Saxophon. Deswegen habe er zu schreiben begonnen. Musik und schreiben gehören für Fiston Mwanza Mujila untrennbar zusammen:

„Die Worte sind Noten […] Ich schreibe so, wie wenn ich eine Musikpartitur komponieren würde und betrachte das Ergebnis meiner Arbeit als ein Konzert.“ („Les mots sont des notes […] J’écris comme si je composais une partition de musique et vois le résultat de mon travail comme un concert.”, Le Monde, 20.3.2013)

Rhythmus und Klänge sind für die Gedichte sehr wichtig. Wiederholung und Variation kennt man auch aus der Musik, für den Gedichtband sind sie die beiden meines Erachtens wichtigsten Verfahren. Wiederholt werden nicht nur einzelne Worte, Sätze oder Zeilen, sondern bei SOLITUDE 80 ganze Gedichte. Wie bei jedem zweisprachigen Band kann man auch beide Sprachen parallel lesen, womit es noch einmal zu einer Wiederholung kommt (wobei sich darüber diskutieren ließe, ob eine Übersetzung Wiederholung oder nicht eher Variation ist). Variation spielt ebenfalls mit Wiederholung, verändert und ergänzt aber dazu. Hier drei Gedichte, welche wie Variationen eines Themas wirken und im Gedichtband weit voneinander entfernt zu finden sind:

SOLITUDE 85
j’avale ma salive

SOLITUDE 85 B
j’avale ma salive
autant que je refuse de me dilapider l’estomac
avec les miettes qui tombent de vos tables
laissez-moi rire
et vous appelez même ça „la manne“
votre manne de Sodome et de Gomorrhe
mangez-la vous même

SOLITUDE 87C
j’avale ma salive
autant que je refuse de brouter
les miettes qui tombent de vos tables
au risque que des eucalyptus et des manguiers
poussent dans mon ventre

“laissez-moi rire” in SOLITUDE 85B z.B. taucht auch in einem anderen Gedicht auf – dieses hier auch noch zu zitieren würde zu weit führen, denn da der Band so voller Querverweise ist würde ein Gedicht zum nächsten führen, und zum nächsten, und …

Kohlezeichnung Christian Thanhäuser

Wie schon der Titel deutlich macht, handelt es sich bei „Le Fleuve dans le Ventre. Der Fluß im Bauch“ um eine zweisprachige Ausgabe. Übersetzt wurden die Gedichte von Ludwig Hartinger, keine leichte Aufgabe, denn die Gedichte von Fiston Mwanza Mujila verlangen Übersetzern einiges ab. Zweisprachig, also Deutsch – Französisch, stimmt im Großen und Ganzen, nimmt man es ganz genau, so enthalten manche der Gedichte noch einige unübersetzt belassene Zeilen in mehreren afrikanischen Sprachen. Im Anhang heißt es

„Die deutsche Übersetzung kann an manchen Stellen von dem hier abgedruck-
ten französischen Original abweichen, da es Varianten gibt […]“

Dieser Satz ist sehr glaubwürdig, da die Gedichte so wirken, als gäbe es noch unzählige Neben- und Zwischenvarianten und Variationen, die einzig aus Platzmangel weggelassen werden mussten. Allerdings hebelt dieser Satz schon von Vorne herein jeglichen Ansatz einer nah an den Worten bleibenden Übersetzungskritik aus – denn wenn nicht sicher ist, ob die danebenstehende oder eine unbekannte französische Fassung übersetzt wurde, lässt sich nicht sagen, ob eine mögliche Abweichung eine bewusste Entscheidung des Übersetzers ist, oder vielleicht gar keine Abweichung ist. Dennoch möchte ich ein Beispiel ansprechen, bei dem im Deutschen durch ein einzelnes Wort einiges verloren geht, was etwas schade ist:

SOLITUDE 55
je revois tes yeux pétillants
tels les dernières flammes
après l’incendie
j’essaie de te parler du fleuve Congo ...
aux portes de Moanda ...
[...]
j’essaie de te dire le vrai nom du Sahel
j’essaie de parcourir de mes doigts ton visage intact
j’essaie, j’essaie, j’essaie ...
mais tu n’es plus là ...

Im Französischen wird erst in der allerletzten Zeile klar, dass die angesprochene Person nicht mehr da ist. Die erste Zeile ist mit dem „revoir“ zweideutig, da „wiedersehen“ sowohl tatsächlich, als auch in der Erinnerung möglich ist. Die deutsche Übersetzung verrät jedoch leider schon in der ersten Zeile, was im Französischen bis zur letzten Zeile ungewiss ist, da für „revoir“ „erinnern“ gewählt wurde:

EINSAMKEIT 55
Ich erinnere mich an deine blitzenden Augen
Wie letzte Flammen
Nach dem Brand
Ich versuche dir vom Kongofluß zu erzählen ...
An den den Toren von Moanda ...
[...]
Ich versuche dir den wahren Namen der Sahel zu sagen
Ich versuche mit meinem Finger über dein intaktes Gesicht
zu fahren
Ich versuche ich versuche ich versuche ...
Aber du bist nicht mehr da ...

Die Edition Tanhäuser steht schon sehr lange für schöne Bücher:
„Angeregt von H. C. Artmann gründete Christian Thanhäuser 1989 eine eigene, aus dem Holzschnitt heraus entwickelte Handpressenwerkstatt.“ (www.thanhaeuser.at)
Und so ist auch „Le Fleuve dans le Ventre“ ein Buch, das einfach schön gemacht ist und auch optisch und haptisch Freude macht. Das kräftige Orange des Umschlags korrespondiert mit den starken und kompromisslosen Gedichten von Fiston Mwanza Mujila. Im Buch finden sich einige Kreidezeichnungen von Christian Thanhäuser, am Umschlag noch ein Birnholzschnitt. Alle sind in schwarz-weiß gehalten und werden von Linien dominiert. Man meint darin Landschaften und menschliche Figuren erkennen zu können.

Fiston Mwanza Mujila ist nicht allein Dichter, sondern schreibt auch Kurzgeschichten und Theaterstücke. Neben anderen literarischen Auszeichnungen erhielt er 2009  bei den 6. Frankophonie-Festspielen in Beirut die Goldmedaille.

„Le Fleuve dans le Ventre. Der Fluß im Bauch“ zeigt eines ganz eindrücklich: die Stimme von Fiston Mwanza Mujila ist so laut, eindringlich und durchdringend, dass sie nicht zu überhören ist.

SOLITUDE 20
ma solitude est plus vaste que l’Océan Indien …
je me demande si à l’autre bout des murs du silence
vous entendez ma voix qui hurle
les apocalypses de la démence …

EINSAMKEIT 20
Meine Einsamkeit ist größer als der Indische Ozean …
Ich frage mich ob auf der anderen Seite der Schweigemauer
Ihr meine Stimme brüllen hört
Apokalypsen der Demenz …

 

Fiston Mwanza Mujila
Le Fleuve dans le Ventre / Der Fluß im Bauch
Übersetzung:
Ludwig Hartinger
Zweisprachige Ausgabe, 8 Kreidezeichnungen von Christian Thanhäuser
Edition Thanhäuser
2013 · 144 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-900986-79-7

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