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Kritik

Der mit den Toten tanzt

Hamburg

Armageddon ist in der Offenbarung des Johannes der Berg, an den die Könige der Welt von Dämonengeistern geführt werden, um sich am Jüngsten Tag mit Gott die letzte Schlacht zu liefern.

Armageddon – Das Jüngste Gericht ist aber auch ein spektakulärer Katastrophenfilm von Michael Bay aus dem Jahr 1998, in dem Bruce Willis als Ölbohrexperte Harry Stamper unter Einsatz seines eigenen Lebens die Welt vor einem heranrasenden Asteroiden rettet.

Beides spielt eine gleichbedeutende Rolle in Florian Voß‘ neuen und mittlerweile fünften Gedichtband, in dem nicht nur Biblisches und Fernsehtrash nahtlos ineinander übergehen. Dante Alighieri und André Rieu tummeln sich in den Höllenkreisen aus der Göttlichen Komödie; das Prinzenbad könnte auch der Hades sein; und die Hölle, das sind nicht die Anderen, sondern die Fußgängerzone der Stadt Kassel. Ob die mythische Medusa oder Madonna in einer gelben Speedo-Badehose auf einem Ein-Meter-Brett: auf überbordende, vor Sprachspiellust und Anspielungswut fast berstende Weise malt der Autor ein illustres Weltuntergangsszenario zwischen Schaudern und Satire. Hier ist der Armageddon ein fett gemästetes Showprogramm, mit einem langverweste Dante als kompetenter Reisebegleitung.

Lässig wäre wohl das passende Wort um die Haltung des lyrischen Ichs auf dieser Reise zu beschreiben. Durch die Apokalypse glitt ich körperbetont. Ein Flip-Flop-Flaneur, der mit distanziertem und sarkastischem Blick den wüstesten Szenen beiwohnt. Denn der Weltuntergang findet in Form von H&M und Hartz IV schon seit Längerem und gleich um die Ecke statt, z.B. am Kottbusser Tor.

Aber an den Obstständen vorm Kotti (schau an)
noch lebendige Tote mit jodgefüllten Lebern
stehen Leichen labbrig ledern im lauen Wind
im Wiegeschritt taumeln wir den Apokalypso mit

Dieser Apokalypso, der Totentanz als mittelalterliche Allegorie auf die Gewalt des Todes über das Menschenleben ist das zentrale Thema des Bandes. Die alte Frage, was kann der Mensch tun, im Angesicht der ständigen Bedrohung durch den Tod und der Vergänglichkeit von Welt und Leben. Wie auch die Maler im Zeitalter des Barock scheint Voß dem horror vacui eine Überfülle an Ornamente entgegensetzen zu wollen. Man hat mitunter den Eindruck, als wolle er den Tod totlabern, begraben unter einem Wall von großartigen Alliterationen, Assonanzen und geglückten Wortspielen (Zerebraler Zerberus, Sternen-Staub-Sauger, Barock-Brocken), die vor dem letzten und absoluten Schweigen feien sollen.

Ebenfalls wie im Barock sind die Nacht, die Vanitas, der Tod und das Dunkel in den Gedichten leitmotivisch. Im Barock aber bleibt die Hoffnung auf ein besseres Jenseits, denn im Diesseits, wie wir von Gryphius wissen, ist alles eitel. Diese Hoffnung ist bei Voß natürlich nicht gegeben, hier finden wir Elemente des Barock unter umgekehrten Vorzeichen. Die Nacht bringt nicht den Tod, sondern den erhofften Rückweg ins (verlorene) Paradies des ebenfalls dunklen, aber warmen und lebenspendenden Mutterschoßes. Der Mutterleib als sicherster aller Orte ist das erste und ersehnte letzte Refugium:

Ich lag im Schoß von meiner Mutter
und ihr Pullover war so warm wie Schlaf
Die Augen meines Ichs waren müde
und alle Zeit war ausgesprochen fraglos
und warm wie Schlaf war ich

Man begegnet in dem Band unterschiedlichen Haltungen, mit denen dem Tod entgegengetreten wird. Die eine ist, wie schon erwähnt, der regressive Wunsch, nach der tröstlichsten aller Dunkelheiten, dass der Schlund der U-Bahn/ sich anbietet und Mutterleib wird und das Heraufbeschwören kostbarer Kindheitserinnerungen, wie in dem Langgedicht am Ende des Bandes Petruschka-Variationen, in dem das fiebrige Kind im Bett seine Puppen lebendig phantasiert. (Überhaupt ist der Band von einer warmen, bunten Nostalgie durchzogen, dass man selbst ganz nostalgisch wird und sich zurücksehnt, in die gute alte Zeit, als es noch Walky-Talkys statt Handys gab, Glühbirnen noch gelb statt neonweiß waren und alte Bekannte wie Fantȏmas über die Dächer huschten.)

Eine weitere Strategie ist Parodie, Distanz und Verniedlichung. Am Eingang zur Hölle wird Eiskonfekt verteilt; Gebete werden aus der Verzweiflung heraus gesprochen, dass am diesem Abend nicht der absolute Lieblingsfilm läuft: Armageddon mit Bruce Willis; und überhaupt ist alles so schön fluffig.

Am Tag des Gerichts werden die Waschmaschinen
euch rumpelnd über jede Türschwelle folgen
und euch in die Schleuder-Trommel stopfen
(90 Grad und immer nur im Kreis – draußen steht
ab und an ein weißer Elefant und trötet)

In jeder Bibliothek werden nur noch Bibeln stehen
und die Kirchenglocken werden läuten 25 Stunden lang
und ihr werdet auferstehen in euren Wäschetrocknern
(Ach, dieser Geruch von Flanell, von Vernell
und gutgewaschenen, mehr als sauberen Leichenhemden)

Das heißt aber nicht, dass Florian Voß nicht auch ernste, dem Schmerz und der Angst sehr wohl Raum und Ausdruck verleihende Gedichte beherrschen würde. Vor allem im zweiten und wesentlich persönlicheren Zyklus ghostbook finden sich die leiseren und nachdenklicheren Töne zu den Themen Alter, Kindheit, Tod und ein ganz wundervolles Kafka-Gedicht Kierling bei Klosterneuburg, Sommer 1924.

So sind Florian Voß´ Gedichte angesiedelt zwischen/ den unwirklich gewordenen Dingen/ und dem unwirtlich gewordenen Selbst. In diesem Zwischenreich, einem Wort-Phantasia, das einmal ausgesprochen Wirklichkeit wird, werden kleine ästhetische Meisterwerke geschaffen, die doch immer nur ein Stück für Knochenxylophon bleiben können, bis die größte und letzte Metapher uns heimholt, hinter die Metaphernwand.

Florian Voß
In Flip-Flops nach Armageddon
Verlagshaus J. Frank
2013 · 100 Seiten · 13,90 Euro
ISBN:
978-3-940249-78-4

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