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Kritik

Reiseberichte von den magischen Orten

Zwischen Arbeitswelt, Dichtung und Intimität

Dass die Hemdsärmeligkeit des Arbeiters etwas Glamouröses besitzen kann, wissen wir nicht erst seit den Selbstinszenierungen von Gerhard Schröder als „Macher“. De facto gehört der Mythos der Hemdsärmeligkeit zu den Verheißungen der Popkultur wie der Hüftschwung zum Rock´n´Roll, stets in Verbindung mit der Erotik körperlicher Anstrengung. In der Bluesmusik beispielsweise wurden Arbeitstopoi verwendet, um den Geschlechtsakt zu umschreiben: „Balling the Jack“ bedeutete in der Eisenbahnersprache, eine Lokomotive auf Höchstgeschwindigkeit zu trimmen, wurde jedoch später auch von Bluesmusikern als Slangbegriff für Sex benutzt. Arbeit, Schweiß, Sex und Rockmusik – diese Begriffe sind bei vielen Musikern kaum zu trennen. Zu erinnern wäre an die schweißtreibenden Auftritte von Bruce Springsteen, an Johnny Cash, aber auch an die Working Class- Inszenierungen des Brit Pop bei Bands wie den Smiths, The Libertines oder Oasis. Und obwohl die Idee von körperlich schwerer Arbeit als Sinnbild für die Schaffenskraft des Menschen, für Muskelkraft, Erotik und Kreativität schon mehrfach destruiert wurde, erlebt sie doch immer wieder ein Comeback.

Arbeitswelten beziehungsweise die damit verbundenen Inszenierungen wären also durchaus auch ein aktuelles Thema für die Lyrik, und es ist verwunderlich, wie wenig es bei Lyrikern der jüngeren Generation eine Rolle spielt. Frank Milautzcki hat sich dankenswerterweise nun des Themas in seinem neuen Lyrikbändchen angenommen, denn in gleich mehreren Gedichten wird geschwitzt, geschuftet und geschaffen. Bereits in seinem ersten Gedicht „Düsenwechsel im Juli“ ist die körperliche Anstrengung bis in die Poren hinein spürbar: „Es muss schnell gehen./ Der eine weiß, wie stark er ist/ und schwitzt in knappen Hemden,/ der andere sammelt heiße Schrauben,/ die klingelnd in die Ausbrennschütte schlagen,/ während alle über seine unbehaarten/ Beine kichern…“ Aber es geht Milautzcki nicht um ein Abbild des Arbeitsalltags. Vielmehr ist in seinen Texten ein weiterer Begriff von Arbeit mitzudenken, der spätestens seit der Romantik an Einfluss gewonnen hat: Arbeit ist auch die Arbeit am Selbst, am Menschen. Der beschriebene Düsenwechsel im ersten Gedicht des Bandes ist eigentlich eine Pause vom Unterwegssein. Aber auch hier geht es um die Verheißung der Mobilität, um die erotische Strahlkraft des Körpers, um das menschliche Miteinander, wofür Milautzcki einen genauen Blick hat.

So ist es nicht verwunderlich, dass auch in jenen Gedichten Frank Milautzckis das Tun und Schaffen des Menschen im Mittelpunkt steht, die nicht explizit Arbeitsprozesse zum Thema haben. „Ponte „Brolla“ heißt der zweite Text des Bandes: eine Ortschaft in der Schweiz, nicht nur berühmt für ihre zauberhaft bizarren Felsformationen, sondern gleichsam auch Austragungsort der Europameisterschaften im Klippenspringen. Auch hier kann sich der Mensch beweisen, ist Teil einer Inszenierung, die auf Ästhetik und Selbsterfahrung abzielt. Im Gedicht jedoch kommt der wahrnehmenden Instanz die Orientierung durcheinander: zugleich Beobachtender als auch Springender, setzt sie zum Sprung an, während die Schultern bereits im Wasser untergetaucht sind. Zwischen Rausch und Taumel allgegenwärtig ist die Gefahr, an der eigenen Inszenierung zu scheitern: „dumm wie Kinder lassen wir uns/ über die Felsen ins Wasser lassen wir uns/ ins tiefe, kalte, klare Wasser,/ wo die Ungeheuer nach den Beinen hangeln/ und der Tod mit weißen Augen jedes Leben käsig/ grün beschmiert, lassen wir uns/ fallen.“

Ich ertappte mich dabei, die Texte als Reisegedichte aufzufassen, denn der Autor erkundet ebenjene Orte, an denen sich das „Projekt Menschwerdung“ täglich vollziehen muss, wobei sich das Unterwegssein leitmotivisch durch den gesamten Band zieht. Es sind Plätze, die auch in der heutigen Zeit noch Magie und Selbsterfahrung versprechen, an denen zugleich das Menschsein am meisten bedroht ist. Selbst wenn Milautzcki scheinbar verlassene Ortschaften und Einöden skizziert –„Das verlassene Haus“ heißt etwa ein Gedicht, gleich mehrere sind mit „Gegend“ betitelt – herrscht dort die Arbeit am Menschen vor. „Sein ipod hing wie ein Amulettstein/ in seinem Habitus“ heißt es über einen wartenden Jungen im Gedicht „Das verlassene Haus“, „… und jeder Satz nur ein Nicken.“ Häufig sind die vermessenen Gegenden auch Sehnsuchtsorte, sind zugleich gespenstische Traumgegenden, für die Milautzcki bizarre Bilder findet. Indem die Alltagsbeobachtungen immer wieder durch die Kategorie des „Wunderbaren“ gebrochen werden, sich zerklüftete wie dämonische Traumlandschaften auftun, beweist Milautzcki auch hier seine Schulung an der romantischen Schule. In diesem Sinne ist auch der Begriff „magisch“ als romantisch zu verstehen: die Möglichkeit der Entzauberung bereits mitgedacht, so dass am Ende vielleicht nicht mehr bleibt als der Tod, als ein Verhallen auch der Dichtung.

Und natürlich sind die Gedichte auch Dialog mit Dichtkunst und mit – Popmusik. Bereits der Titel „Hemden denken“ verweist auf Gedankenarbeit und Reflexion als ein prägendes Moment des Bandes, wovon die poetologische Reflexion nicht ausgenommen wird. In dem Gedicht „neither fair nor unfair“, welches der männlichen Diva Robert Smith gewidmet ist, heißt es: „Vielleicht ist es eine Idee, was aussieht/ wie fiebrige Luft. pair ou impair/ Muster ohne Wert, aber genau von Belang./ Vielleicht macht, was uns durchzieht/ aus allem einen Duft, und auch in der Umkehr/ aus Duft einen ewigen Drang.“ Dies kann auch als Charakterisierung der Lyrik verstanden werden.

Gemeinsam ist jedoch allen Texten Milautzckis: sie verraten eine ethische Haltung, indem sie danach fragen, was der Mensch zu schaffen hat – in der eigentümlichen Bedeutung des Wortes, die Möglichkeit des Scheiterns inbegriffen. Auch diese ethische Haltung ist vom Scheitern bedroht. Im letzten Gedicht wendet sich diese gegen sich selbst. Es wird also noch gearbeitet: in den Werkshallen, am Gedicht, am Menschen:  

Ein Satz, den man nicht mehr sagt, ein Haus,
das man verschweigt.
Eine Adresse, zu der man nicht passt.
Ein Tag, der nicht gelebt wird. Ein Stein,
der nicht daliegt. Ich, wie es das Offene
übt und im Vorbeigehen die Rehe füttert.
Und mit den Rehen den Wolf.

Frank Milautzcki
Hemden denken
Verlag im Proberaum 3
2009

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