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Kritik

Von der schwierigen Kunst der einfachen Sätze

Hamburg

Für Gottfried Benn war es ein sicheres Erkennungszeichen für die Zweitklassigkeit eines Dichters, wenn dieser vor allem  Liebesgedichte produzierte. Bei aller Wertschätzung für aphoristische Zuspitzung: Es ist nur eine von vielen apodiktischen Maßgaben des Meisters, die ihre normative Wirkung seit den späten 50ern längst verloren haben. Wer unbedingt küchenpsychologisch argumentieren will, kann Benns harsches Urteil im Nachhinein auch umdeuten zu einem Einschüchterungsversuch, um vermeintliche eigene Werk-Defizite zu kaschieren. Dabei hat Benn selbst einige sehr schöne Liebesgedichte geschrieben, zumal im Zusammenspiel mit Else Lasker-Schüler oder in der Spätphase ab 1951. Aber stimmt seine Grundthese? Wird die ästhetische Qualität  nachrangig, wenn das Gefühl ins Spiel kommt? Es gibt schlechte Beispiele zuhauf, denn auch für Liebesdichter gilt: Sie sollten den Gegenstand, um den sich ihre Artistik dreht, sprachlich beherrschen. Das können nur wenige. Wenige so wie Frank Schmitter, genauer gesagt. Eben in jenen späten 50er Jahren geboren, schreibt Schmitter Liebesgedichte von einer filigranen Leichtigkeit, die man sonst nur selten findet.  In seinem neuen, 53 Gedichte umfassenden Band „die markisen rollen den Nachmittag aus“ nehmen die Liebesgedichte das prägende erste von insgesamt fünf Kapiteln ein. Diese Kapitel tragen allesamt signifikant einfache Überschriften: „Liebende“, „Generationen“, „Landschaften“, „Passanten“, „Räume“. Wie ohnehin die scheinbare Einfachheit die wahre Kunst von Schmitter ist:

Die Fermate eines Sonntagnachmittags

im wintergarten zusehen wie der schnee
die statue am teich versandfertig einpackt
in stunden dein buch in dich wächst
wir haben lange reden müssen um
so schweigen zu können
nur dann und wann
blätterst du ein lächeln um
und legst mich zwischen zwei gedanken
nur dann und wann
das klirren deiner teetasse
ein wimpernschlag im stillstand der koordinaten

Der Schlüssel- oder Scharniersatz ist sicherlich „wie haben lange reden müssen um/so schweigen zu können“, er beglaubigt eine nachmittägliche Zweisamkeits-Idylle, die im Übrigen hart erarbeitet ist. Solche Sätze bekommt man als Dichter entweder geschenkt oder feilt ewig lange daran herum, gerade weil sie so einfach sind. Gerhard Falkner hat in seiner Poetik „Vom Unwert des Gedichts“ einmal gesagt: „Der Kritiker hasst den Dichter. Weil er wohl seine schwierigen, nicht aber seine einfachen Sätze versteht.“ Ich könnte mir vorstellen, dass auch andere Dichter den Schmitter’schen Satz hassen. Vielleicht wegen seiner ostentativen Lebensklugheit, vielleicht auch aus einem Funken Neid heraus, weil er so einfach ist, dass man sich als Poet schon fragen mag, warum man selbst nicht darauf gekommen ist. Schmitters Gedichte bewegen sich dicht an der biographischen Wirklichkeit, beschreiben zum Beispiel Szenerien mit Frau und Sohn, denen – so ist zu vermuten – eigene Erlebnisse zugrunde liegen. Es passiert gar nicht viel in diesen fein justierten poetischen Skizzen, Schmitter liebt gerade die Zeitlupe, besser noch: die stillstehenden Momente, in denen sich die Bilder wie in einem Brennglas bündeln. Eine wärmedurchglühte Siesta bildet da ein ideales Setting:

Mittags schlafen die Zeiger ein
die vögel die tachometer die stimmen
die musik des eisverkäufers
der schatten seines hundes
unter dem geparkten auto
das ruhige atmen deines bettlakens
meine hand die dich nicht
zu einer anderen art schlaf
überreden konnte
lautlos wachsen die schatten in der straße
dann knackt das sicherheitsschloss des kiosks
und die markisen rollen den Nachmittag aus

Das stärkste Bild dieses Gedichts ist dabei gar nicht mal der letzte Vers, der diesem Band seinen Titel gab. Es ist das Bild der Hand, die mit ihrer versuchten Verführung, genauer: mit ihren taktilen Überredungskünsten „zu einer anderen art schlaf“ scheitert. Das Innehalten ist es, das den Bildern ihre Wahrnehmungsschärfe gibt, ganz gleich, ob man in der mittäglichen Pause zur Ruhe gezwungen wurde oder sich ihr freiwillig hingibt. Vielleicht ist es gerade die Beiläufigkeit, mit der das Scheitern der erotischen Annäherung ins Bild gefasst wird, die den Reiz dieses Liebesgedichts ausmacht. Bestechend dabei ist wieder einmal die scheinbare Anstrengungslosigkeit, mit der Schmitter seine Bilder gleichsam aus dem Ärmel schüttelt. Doch in Wirklichkeit braucht es eine Menge Geduld, um diese Bilder so mühelos aussehen zu lassen. Vermutlich hat Schmitter deshalb lange für seinen neuen Gedichtband gebraucht.  Es ist das Bewusstsein, nichts erzwingen zu können, die dem Dichter Kraft für eine solche poetische Gelassenheit verleiht.

Aber es sind nicht nur Liebesgedichte, die bei diesem Band im Gedächtnis bleiben. Mit einem Kopfsprung taucht Frank Schmitter in ein Becken unverbrauchter Bilder ein wie in dem in einem früheren „Jahrbuch der Lyrik“ veröffentlichten Gedicht „Früher hatten die Bademeister“. Die Unvermitteltheit des Eintauchens liegt bei Schmitter auch daran, dass die Gedichttitel oft schon Teil des ersten Satzes sind. So heißt es hier: „FRÜHER HATTEN DIE BADEMEISTER/noch stalingrad in den knochen einen/dobermann in der kehle der uns aus den/warmen duschen trieb in ihr kasernenreich/aus becken sprungturm rasenfläche...“ Stimmige Verdichtungen, die im Leser ein treffendes Porträt von Männern mit Fronterfahrung aufsteigen lassen, die ihren Titel „Bademeister“ noch wörtlich nahmen und entsprechend autoritär vertraten. Es gibt in diesem Band Metaphern, die Schmitter augenscheinlich favorisiert, das Bild von Nabel und Nabelschnur wird gleich in mehreren Gedichten in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. Insgesamt ist Schmitter mit „die markisen rollen den nachmittag aus“ ein Gedichtband gelungen, dessen Bilder eindrücklich haften bleiben. Weil sie im wahrsten Sinne des Wortes einleuchten. Und das am besten immer dort, wo sie einen reglosen Moment einfangen, ein höchst lebendiges Stilleben. Wie in dem Gedicht „Als sich meine Augen...“, wo das lyrische Ich eine Frau beim Aufhängen von Wäsche beobachtet und dabei kurz wegdöst: „ich schloss die augen (die ausruhen mussten)/ als ich sie wieder öffnete eine liebesgeschichte später/räkelte sich nur noch der wind in den großen weißen laken//“. Traumwandlerisch schöne Gedichte, die geschult sind an Meistern des stillen Moments wie Rainer Malkowski, Bilder, die einfach sind, und die sowohl der Kritiker als auch der Dichter deswegen nicht hassen muss. Sondern neidlos anerkennt.

Frank Schmitter
die markisen rollen den nachmittag aus
Lyrik Edition 2000
2012 · 76 Seiten · 9,50 Euro
ISBN:
978-3-869064659

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