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Kritik

Ptolemäer und Brennesselraupen

"offenes feld" #3, April 2015: Nicht ohne Unterhaltungswert, ein bisschen steif, jedenfalls ein Anschauungsstück produktiver Ungleichzeitigkeiten im 'Voranschreiten' der Literatur.
Hamburg

Das Nachwort zu dieser Aprilausgabe der noch jungen Zeitschrift "offenes feld" (wenn es denn als Nachwort gedacht ist; die Überschrift lautet "aufgeschlagen.") beginnt mit folgendem Satz:

Die Mitglieder des offenen Feldes sind leidenschaftliche Leser; dies sind ihre Lieblingsbücher des Jahres 2014.

Hierauf folgen einige Leseempfehlungen jedes Mitglieds des Trägervereins, insgesamt dreiunddreissig: Einige geschichtliche Sachbücher, ein-zwei Diskursbücher, Bände aus Werkausgaben (Heiner Müller), Lyrik, viele Bezüge einerseits zur angloamerikanischen Literatur und andererseits zum Kanon der klassischen Moderne. Zwei Buchtipps von dieser Liste, die ich dankend annehme, sind "Erinnerungen an Anna Achmatowa" von Nadescha Mandelstam und "Über das Fade - eine Eloge. Zu Denken und Ästhetik in China" von Francois Jullien. Auf eine Anrede an die Leser über diesen einen Satz hinaus verzichtet die Redaktion - man liest das als Gestus der Beschränkung aufs Allerwesentlichste und findet es erfrischend: Die Herausgeber des offenen Feldes lassen also Texte für sich sprechen bzw. verweisen auf sie, kommentieren sie aber nicht weiter (sicherheitshalber sei dazugesagt: dochdoch, Autorennamen über den Beiträgen und Autorenvitae im Anhang sind durchaus vorhanden). Dass uns das Ordnungsprinzip, die bei der Textauswahl obwaltende Ästhetik oder Theorie nicht explizit hingeschrieben wird, weckt Neugier, es bzw. sie selbst zu erschließen.

Was sich an den Gedichten, paar Kurzprosen und zwei Essays erschließt, die offenes Feld #3 beinhaltet, ist nun ungefähr folgendes: Ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Texten, die stark und deutlich auf unterschiedliche - aber je sehr bestimmte - Momente der letzten siebzig Jahren Literaturgeschichte bezogen scheinen, manchmal auch auf bestimmte Stationen der eigenen Entwicklung ihrer Verfasser, alles das unter ebenso deutlicher Aussparung des (argumentierbarerweise ohnehin überbewerteten) Jetzt. Dies auf die Jahrgänge der vertretenen Autoren schieben (der jüngste, Carsten Zimmermann, ist Jahrgang 1968; mit Anne Beresford und Klaus Wildenhain sind auch zwei Vertreter der Vorkriegsgeneration dabei), griffe zu kurz und würde bloß eine begrifflich-ästhetische Beobachtung unnötig personalisieren. Die Ansage der Herausgeber - sinngemäß: "Wir sind leidenschaftliche Leser, und diese Texte gefallen uns." - ist ja erst von Interesse als Angebot, dieses "gefallen uns" genauer anzusehen. Bleibt also zu fragen, welcher Art die Kanonbildung bzw. Literaturgeschichtsschreibung ist, der gerade diese vorgefundenen Momente hervorhebenswert erscheinen.

Auffällig ist, dass die abgedruckten Gedichte (lustigerweise just mit der Ausnahme der von Wildenhain) durch die Bank "älteren Schichten" der Literaturgeschichte anzugehören scheinen als die Prosastücke und Essays; dies selbst bei Kjartan Hatloy und Carsten Zimmermann, von denen es jeweils beide Textsorten zu lesen gibt.

Es zieht sich durch die Lyrik des Hefts ein für mich verwunderliches Vertrauen ins Naturgedicht, sagen wir: eine überraschend intakte Metaphysik inklusive Transzendenzdraht zwischen Irdischem und ... Anderem. Nicht umsonst eröffnen Gedichte von Anne Beresford das Heft (übrigens übersetzt von Mitherausgeber Jürgen Brocan), in denen die Motivkette von "Garten" und "Gott" dominiert. Wir können als Anknüpfungspunkte der vertretenen Lyrikkonzepte eventuell die Namen Buchebner und Bachmann notieren, ohne zu behaupten, dass sich, was da in offenes Feld vertreten ist, in Epigonalem erschöpfen würde - tut es nämlich nicht. Es ist mit diesen zwei Namen bloß die Art der Ungleichzeitigeit beschrieben, die ich erlebe, wenn ich mich auf diese Lyrik einlasse.

Der Bruch nun zwischen Lyrik und Prosa in offenes Feld wird, wie schon angedeutet, nirgends deutlicher als bei den Beiträgen Carsten Zimmermanns. Der Block mit seinen Gedichten beginnt mit diesem Stück:

es sind felder aus licht, die sich sanft verschieben,
gefühltes licht in milliarden pixeln, wie treibsand,

wie wanderdünen die dinge, die häuser, die brücken
und wege, eine wanderdüne sein leib, der nur

scheinbar sich gleichbleibt, der ständig rieselt, strömt,
als umhergehen nämlich, als atmen, pulsieren, die beine

bewegen, die arme bewegen, die augen bewegen
und wirbel und schlieren in dieser seltsamkeit ziehen...

Also: Formaler Einfall, Naturmetapher fürs menschliche Bewusstsein, dann planvolles Verschwimmen zwischen Zeichen und Bezeichnetem, fertig - siehe oben, "intakte Metaphysik". Aber wenige Seiten später folgt mit "Fragmente einer Ästhetik. Erzählung" ein so ganz und gar anders gearteter Text. Die in zehn "Punkte" gegliederte Entwicklungserzählung fängt erwartbarerweise mit Elternhaus und Kindheit an -

1. - Sonne, Mond und Sterne. Papa, Mama, Kind. Und Brüderchen. Eine von K.'s, Karstens, des Kindes, also K.'s frühen Erinnerungen: (...)

- aber beinhaltet dann auch solche Stellen:

8. - Im Verlauf einer Liebesgeschichte, der Kontext tut nichts zur Sache, öffnet sich K.'s Brustmitte und er sieht direkt in sein Herz hinein: eine buchstäbliche Tiefe, erschütternd real, durch alle Knollifikationskompliziertheit hindurch. Da ist kein Freudianisches Unbewußtes, sondern eine andere, direktere Wirklichkeit. Ihm bleibt über Jahre ein Brennen, Und etwas beginnt über Jahrzehnte hinweg zu erodieren.

9. - Zwischendurch hat die Knolle Kapitalismus die Knolle Ksozialismus aufgefressen. Jetzt bekommt die erst richtig Hunger. Eine Weile scheint eine Friedenszeit angebrochen zu sein, vordergründig. Aber dieser Schein gibt sich schnell.

Das ist jetzt nicht eben überkomplex, aber es ist will sprachlich ganz anderswo hin als die Gedichte und kommt ohne Umschweife zu einer Sache. Ähnliches lässt sich über den Unterschied zwischen Hatloys doch sehr landschaftliche Gedichten und seinem Aufsatz "Wahnsinn und Dichtung" sagen. Es ist dieser Gegensatz, von dem ich glaube, dass er eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach Ordnungsprinzip und Literatur(geschichts)begriff in offenes Feld #3 gibt: Als Ausdruck einer klaren Aufgabenverteilung zwischen Lyrik und Prosa, eines klaren Sets von Gattungsvorgaben. Das Wort Aufgabenverteilung meint nun nicht "hier sprachlich komplex, da unverblümt" (da seien z.B. die kurzen Erzählungen von Thomas Josef Wehlim vor); sondern eher: Hier Subjekt-, da Story-Dominanz. Mit anderen Worten, zusammenfassend:

Die Herausgeber von offenes Feld sind leidenschaftliche Leser, und die Welt, wie sie sich ihnen darbietet, zeichnet sich dadurch aus, in keiner Hinsicht aus den Fugen zu sein.

Wir müssen das weder beneiden noch belächeln. Wir können, wie sie, die Texte für sich sprechen lassen. Viele von ihnen sind durchaus ok.

Frank Wierke (Hg.) · Jürgen Brôcan (Hg.)
Offenes Feld
Ausgabe 3
offenes feld e.V., Herford
2015 · 11,90 Euro
ISBN:
978-3735780560

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