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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

"...and the beat goes."

Der Gedichtband "Meer-Maid" von Franziska Ruprecht, erschienen im Züricher Verlag Wolfbach, zählt zu den literarischen guilty pleasures des Jahres.
Hamburg

Ja, doch, das kann man alles stehen lassen. Natürlich ist es auch streckenweise ganz passabel schlicht als Geplapper beschreibbar, aber man kann's stehen lassen; man kann sich vorstellen, dem Geplapper zuzuhören. Klar, es handelt sich um spoken word poetry, da geht manches (und kommt nicht mal blöde rüber, auch nicht beim Leiselesen) das in herkömmlicher deutschsprachiger Lyrik so gar nicht geht, das nachgerade Mitleid erregen würde (etwa: unreine Reime). Das geht, das kommt nicht blöde rüber, weil der spezielle Tonfall von Franziska Ruprecht diese nützliche Eigenschaft hat, so ganz reibungslos aus dem gesprochenen ins geschriebene Wort verwandelt werden zu können. Man liest für sich, hört aber ohne bewusste Anstrengung Ruprecht performen. Praktisch, so ein Tonfall.

Der Band will inhaltlich nicht allzuviel (will sagen, will scheints intelligent-girlyeskes Lebensgefühl abfeiern und dazugehörige Daseinsgesten erproben); er macht deutlich, dass da jemand seine Sounds beherrscht; einiges von seiner durchaus sympathischen Wirkung speist sich aus einer gewissen - sagen wir - jugendlichen Unaufgeräumtheit, die sich auch als trotzige Zurückweisung von expliziter Theorie zugunsten des spielerischen Erforschens der Möglichkeiten der Sprache äussert, inklusive kreativ-lautgetreuer Rechtschreibung. Spaß macht das alles. Es handelt sich vermutlich um einen der wenigen aktuellen Gedichtbände, die (a) ohne Abstriche zu ihrer Sache kommen, (b) sprachlich nicht trivial sind UND sich (c) Leserschichten ausserhalb der unmittelbaren Literaturbetriebsblase erschließen könnten. Trotz alledem, und selbst, obwohl ich den Band wohl noch oft mit Vergnügen lesen werde, geht mir Franziska Ruprecht mit Meer-Maid massiv auf die Nerven.

Warum? - Ruprecht inszeniert in diesem Band, also in einem naturgemäß schriftlichen Dokument, das spielerisch Mündliche. Sie umgeht damit, wie angedeutet, mögliche Andockstellen an die Tradition schriftlich orientierter Lyrik im deutschsprachigen Raum weiträumig. So weit, so unproblematisch, so (im Einzelfall dieses Buches) unterhaltsam. Das bedeutet jedoch angesichts Ruprechts bevorzugter Themenstellungen auch, dass sie jede Möglichkeit gesellschaftlicher Reflexion nicht nur umgeht, sondern habituell geradezu leugnet: Die Meer-Maid des Titels müssen wir uns als ein Geschöpf des bloßen Moments vorstellen, die auf Momente, Leute, Städte - ach, sagen wir gleich, auf "Auren" - reagiert; und wenn im Klappentext über die Verfasserin steht, sie mache nun 'poetry that glitters', dann ist das durchaus ernst gemeint. Wir haben es, mit einem Wort, mit dem literarischen Äquivalent von gut, überraschend gut, gemachter Unterhaltungsmusik (Subsegment: Indie) zu tun, die nicht mehr oder anderes sein will. Aber auch das wäre noch nicht eigentlich problematisch, wäre bloß vorsätzliche Vergeudung von Talent, vom Gestus her "Verschwende deine Jugend" - das kennen wir noch und können es als Spielangebot im Sinne Ruprechts ernst nehmen. Wirklich problematisch wird alles dieses, wenn wir das Begleitgeräusch des Buches zur Kenntnis nehmen ...

... Nämlich den besagten Klappentext, der nota bene zwar keine Auskunft über das Geburtsjahr der Verfasserin gibt (für sich genommen ok), sehr wohl aber über den in Detroit absolvierten Master in Creative Writing (wieder: für sich genommen ok), und der uns beauskunftet, Ruprecht arbeite als Performance Poetin [sic!] und schreibe Gedichte, um das Emotionale zu schützen und um Schönes zu erschaffen. Durch diesen einen Satz in der Klappe wird das ganze Buch gleich um einiges dümmer, egal, wie man es bzw. ihn dreht und wendet. Die Texte von Ruprecht sind zugegeben emotional und/oder sinnlich, aber in dem Niveau ihrer Mittel meilenweit über derart wahlloses, ungenaues, unreflektiertes PR-Geschwurbel erhaben. Wenn die zitierte Beschreibung ihres künstlerischen Anliegens nicht von Ruprecht stammen sollte, dann tut der Verlag gut daran, sich eineN neueN KlappentextschreiberIn zu suchen, und Schwamm drüber. Wenn sie aber von der Autorin selbst stammen sollte, so bedeutet das entweder, dass Ruprecht zynisch genug ist, einfachheitshalber auf sprachliche Genauigkeit zu pfeifen, wenn es der geradlinigeren Vermarktbarkeit nutzt (und zwar der Vermarktbarkeit ihrer Arbeit an Leute, die sie selbst offenkundig für dümmer als sich selbst hält), oder, dass sie ehrlich glaubt, "das Emotionale schützen und Schönes erschaffen" zu sollen ... Die beiden letzteren Optionen legen nahe, dass im Masterkursus Creative Writing in Detroit zwar flotter Stil, selbstsicheres Auftreten und gekonnter Textaufbau vermittelt wird, hingegen kaum Literaturtheorie oder auch nur die Möglichkeit zur Selbstreflexion.

Franziska Ruprecht wird sicherlich noch viele Bücher schreiben. Sollte sie in meiner Nähe einen Auftritt absolvieren, werde ich mir angelegen sein lassen, ihn zu besuchen. Ich bin beinahe sicher, dass er mir gefallen wird: Nichts spricht gegen Literatur, die ihren Themen treu bleibt, nichts gegen spielerisch-mündliche Dichtung, die Spass macht. Gegen die Beförderung ungenauen Sprechens istgleich Denkens just aus der Position der Autorin heraus, gegen den Habitus der anti-intellektuellen Intellektuellen, mithin gegen den wahrnehmbaren Hang zum Marktpopulismus spricht dagegen Manches. Um "das Emotionale" wahrhaftig "zu schützen", müsste Ruprecht diesen ablegen.

 

Franziska Ruprecht
Meer-Maid
Wolfbach
2015 · 140 Seiten · 15,90 Euro
ISBN:
9783905910612

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