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Kritik

Das Boot darf nicht voll sein.

Franzobels Floß der Medusa
Hamburg

Franzobel hat in seinem neuen Werk eine Allegorie für unsere Zeit gefunden, die Ressourcen gnadenlos verteidigend auch Tote in Kauf nimmt: Ertrunkene, wie einst auf dem Floß der Medusa, als die Betuchten nach einem Schiffbruch Rettungsboote hatten – und die Nicht-Etablierten ein Floß, auf dem sie allem ausgesetzt waren; und nicht zuletzt: dem, was der Mensch dann noch ist. Die Fregatte Méduse, Flaggschiff eines französischen Flottenverbands, der Verwaltungsbeamte, Soldaten sowie Aussiedler in den Senegal bringen sollte, wurde so berühmt – als Versagen der Humanität, in Zahlen waren es 147 Personen, die man anfangs noch mitschleppte, ehe man sie sich ganz überließ, nach 13 Tagen wurden 15 Männer gerettet, von denen nochmals fünf den Sommer nicht überlebten.

Franzobel schildert dies mit den vielen Stilebenen, die ihn auszeichnen, wobei der Kalauer sich durchaus als angemessen erweist, wieder einmal, wo der Lack einmal ab ist und der hohe Stil sich lächerlich ausnähme, wie die Korrektur, die er einmal schildert:

„Das Wasser ist schon wieder gesteigen, jammerte Charles junior.
– Das heißt gestogen, verbesserte ihn Laura.”

Davon bleiben Skelette; etwas, von dem sich die Vertreter des Unrechts abheben können, nachdem sie verschuldeten, daß ein „erbärmlicher, abstoßender Anblick” blieb. Die Opfer wissen, daß sie Opfer sind, aber auch Täter wurden; oder ahnen es, der „Humanist”, der sie untersucht, stellt wohl an manchem „eine große, frisch verheilte Bisswunde, die zweifelsfrei von einem Menschen stammte”, fest, aber entlockt den glücklich oder unglücklich Davongekommenen wenig.

Franzobel spielt mit den Vorahnungen, die der Aufgeklärte nicht gelten lassen kann („dieses Schiff, es ist verflucht”), und den gültigen: „Guter Wind”, so soll es sein, flüstert auch „Madame Medusa” vom „Untergang”. Franzobel spielt auch mit Zeitebenen – „Lino-Ventura-Gesicht” – und mit kanonischen Texten der Moderne, denn es ist wenig wahrscheinlich, daß das Bild vom Purim-Spiel” nicht eine Anspielung auf Oswald Wiener ist, und mit dem Kollaps wie mit dem heroischen Bedauern, nichts Großes wie „zumindest ein Erdbeben wie das in Lissabon” erleben zu dürfen; doch mit den Opfern spielt er nicht, er erzählt von ihnen, und zwar nicht jenen wortreichen, die keine sind, sondern jenen, die man marginalisiert hat, die Zeugnis nicht ablegen hätten sollen und denen man es übelnahm, wo sie es taten; oder: daß sie es noch tun konnten…

Man nimmt ihnen übel, daß sie sagen, was auch heute zu sagen ist: Nicht das Unglück ist das Unglück, nicht Monster wie Davy Jones, „Walschulen”, „Riesenkraken” und nicht die Haie, zwar „noch nicht von Steven Spielberg gesellschaftlich devastiert”, aber in der Praxis dann doch „Gier, die nur aus Muskeln zu bestehen schien”, bringen das Unheil, auch nicht das „Wasser bis zum Nabel”, das, als sie aus zu erratenden Gründen weniger sind, bald nur noch kniehoch und dann „nur noch knöcheltief” ist, ist die Katastrophe – und auch nicht, daß man „auf Grund gelaufen” ist. Das Hinnehmen der Not durch jene, die es besser haben, ist es:

„He, ihr da in den Booten. Sehr ihr das? Schaut uns an! Und steht das Wasser bis zum Nabel! Aber die Menschen in den Booten taten unbeteiligt, sahen zu Boden oder in den Horizont. Die sollen sich mal nicht so aufführen wegen dem bisschen Wasser, sind ja nicht aus Zucker.”

Kurzer Vorbehalt:

„Ein Floß? Wir sind Franzosen! Ein Kulturvolk! Flöße sind etwas für Steinzeitmenschen!”

Aber dann werden eben jene, für die das genüge, „Ungebildete” etwa, gefunden, hinzukommt wahnwitzige Neugier, auf „einem Floß ins Meer”, das wäre doch „ein einzigartiges Experiment”… Und die Lust am Chaos, als gar der Mast sinnlos gefällt wird. Die Gegenaufklärung droht derweil: „Ihr werdet alle exkommuniziert!” Dann bringt man einander um – bis zum „»Lang lebe der König!«”, das noch Kultur verlangt… Wobei Kultur später heißen wird, die Leichen vorm Essen zu kochen, in einem improvisierten Ofen; und die Oberschicht ist da längst auf und davon.

Sind schließlich „die Geretteten glücklich?” Vielleicht sahen sie zuviel, um es je zu werden: „Nein, das kann nicht sein”, dies mag eine Replik auf alles hernach sein. Franzobels Roman zeigt, wie Haltung Leid verursacht; Leid, nachdem man kaum mehr heimisch in der Welt wird, wenn man es überlebt. Leid, das man darum verhindern muß, Leid, das unmittelbar in diesen einen Imperativ zu übersetzen ist. Aus der Sprachlust bricht Franzobel alles in diese Einsicht durch, lesenswert, zu beherzigen.

Franzobel
Das Floß der Medusa
Zsolnay
2017 · 592 Seiten · 26,00 Euro
ISBN:
978-3-552-05816-3

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