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Kritik

„Mecklenburg, California“

Frauke Meyer-Gosau unternimmt eine Reise zu Uwe Johnson
Hamburg

Eine Biografie zu Uwe Johnson, das ist wirklich ein Ding. Wenn es einen gegeben hat, der das Konzept der Biografie, der Lebensbeschreibung einer Person, so sehr in Zweifel gezogen hat, dann war es Johnson. Davon erzählen die Mutmassungen über Jakob und das Dritte Buch über Achim. Letzteres allein schon dadurch, dass es ursprünglich den Untertitel Beschreibung einer Beschreibung tragen sollte. Und nicht zuletzt sind auch die Jahrestage Ausdruck dieser unentwegten Rotation um die eigene Achse. Insofern leises Aufatmen, dass Frauke Meyer-Gosau, die auch als Redakteurin für die Zeitschrift Literaturen arbeitet, keine klassische Leben-Werk-Wirkung-Biografie vorgelegt hat, sondern sich auf die Reise macht an die Orte und Landschaften, die Leben und Literatur Uwe Johnsons geformt haben. Meyer-Gosaus Versuch, eine Heimat zu finden ist daher auch mehr ein Reiseessay als Museumsliteratur, mehr Landschaftsreportage als germanistische Nabelschau, und macht sich ein Prinzip zu nutze, auf das auch Johnson zurückgegriffen hat: die literarische Kartografie.

Wo aber sollte diese Reise anders beginnen als am Wasser. Und wo könnte diese Reise anders enden als am Wasser. Von der Dievenow im heutigen Polen bis zur Themsemündung bei Sheerness-on-Sea. „Alle Flüsse sind aufgehoben in der Zeit, und alle nach ihnen vom badischen Rhein bis zum Hudson der Walfänger, wozu sind sie denn da? Zu erinnern an die Flüsse von ehemals.“ Das war es, was Johnson so sehr interessiert hatte: das „Urbild“, dem die Erinnerung nachläuft. Meyer-Gosaus Versuch nimmt sich genau dieses Urbildes an und bereist die Orte, an denen Johnson gelebt und gearbeitet hat, und sucht nach dieser archetypischen Erfahrung. „All sein Schreiben kann gelesen werden als ein immer dringlicheres Wiederheraufrufen eines verlorenen Seins-Zustands“, heißt es zu Beginn der Reise. Und man kann ein weiteres Mal aufatmen, wenn diese satte Beschwörung wenig später vom gegenwärtigen Zustand konterkariert wird. Vom Hof, auf dem Johnson geboren wurde, ist nichts mehr zu sehen, und auch die wenigen hier, die hinter den Gardinen lauern, zeigen für das Anliegen der Autorin nur ein müdes bis gar kein Interesse. Uwe Johnson? „Weiß ich“, antwortet ein Mann in Anklam, wo die Johnsons seit 1938 gelebt haben, „waren schon mehrere da“. Aber das Problem sei doch heute das Grundwasser und die vielen Bauarbeiten ringsum: „Alles säuft ab, man kann nichts mehr anbauen. Und was nicht absäuft, bricht zusammen“.

Die Reise führt dann von Anklam nach Güstrow, wo Johnson zur Schule gegangen ist, und als Ansager im Schulchor erste Verse schreibt: „Ein Jüngling verliebte sich./In eine Frau vom Sopran./Die Jungfrau arg verfärbte sich,/als sie dies vernahm“. Hier gerät Johnson auch zum ersten Mal in Konflikt mit den Mächtigen, die in der Barlachstadt versuchen, in einem Schauprozess Mitschüler aus der Liberal-Demokratischen-Partei an den Pranger zu stellen. Ein Tribunal, das Johnson in seinem postum veröffentlichen Erstling Ingrid Babendererde literarisch verarbeitet, war er doch während seines Studiums in Rostock selbst zum Opfer eines solchen Scheinprozesses geworden. Seine Weigerung, seine Kommilitonen aus der Jungen Gemeinde zu denunzieren, kostet ihn vorübergehend den Studienplatz. Dann wechselt er nach Leipzig, wo er im Kreis der neu gewonnenen Freunde um Manfred Bierwisch die wohl unbeschwerteste Zeit seines Lebens verbringt. Meyer-Gosau vertraut sich hier ganz den zeithistorischen Dokumenten an, lässt Johnson selbst sprechen, der in seiner Frankfurter Poetikvorlesung Begleitumstände eine ausführliche Beschreibung dieser Zeit geliefert hat – das Studium bei Hans Mayer, die Treffen mit Peter Suhrkamp. Auf diese Weise erzeugt sich ein Spannungsfeld, das auch Johnsons Texte zu einer dialektischen Form der Erinnerungsarbeit gemacht hat. Meyer-Gosaus Versuch zeigt, dass die Beschwörung von Geschehenem, Aufgehobenem, vielleicht sogar Verlorenem niemals bloßer Selbstzweck ist, sondern immer auch „lebendige Gegenrede“ sein kann: „gegen das falsche Zeugnis der Mächtigen“.

Uwe Johnson ist nicht an den Ort zurückgekehrt, der ihm wohl am ehesten zu einer Art Heimat hätte werden können: „Greater New York“. Nachdem er 1968 aus den Staaten in Berlin eintrifft, ist die Ernüchterung groß: nicht nur dass er sich mit einem Großteil seiner Freunde überworfen hat, auch die Arbeit am vierten und letzten Band der Jahrestage gerät ins Stocken. Sheerness-on-Sea auf der Themse-Insel Sheppey ist eine gewollte Isolation, bezahlt mit einem exorbitanten Darlehen Max Frischs, der zu dieser Zeit, neben Siegfried Unseld, der einzige ist, der zu Johnson Kontakt hält. Und hier an diesem unwirtlichen Ort, zu dessen eigener Ironie es gehört, dass hohe Flutmauern seit den Siebzigern den Ausblick aufs Meer verstellen, in diesem Ort also beginnen sich die Menschen auf einmal an eine Familie Johnson zu erinnern. Da hängt ein gerahmter Text in der Kneipe „Napier“ und da kann man dann lesen, wer der Mann war, der Uwe Johnson hieß, wo der gewohnt hat, wie lange der gelebt hat, und dass der als Stammgast hier war, „Charly“ genannt. Für ein Haus in „Mecklenburg, California“, das Marie in den Jahrestagen ihrer Mutter Gesine verspricht, hat es augenscheinlich nicht gereicht. Für die Reise, die Frauke Meyer-Gosau zu Uwe Johnson unternimmt, kann man sich jedoch kein besseres Ende wünschen. Sie führt den Leser bis zuletzt an die Orte, die ebenso wie die „Flüsse von ehemals“ aufgehoben sind in der Zeit.

Frauke Meyer-Gosau
Versuch, eine Heimat zu finden
Eine Reise zu Uwe Johnson
mit 22 Abbildungen
C.H. Beck
2014 · 296 Seiten · 22,95 Euro
ISBN:
ISBN 978-3-406-65958-4

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