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Kritik

Leben und Poesie

Die zweisprachige Anthologie „Die Erschließung des Lichts“ zeigt die Vielfalt der italienischen Lyrik
Hamburg

„Ich erleuchte mich / durch Unermeßliches“.

Mit dem Gedicht von Giuseppe Ungaretti eröffnen die Herausgeber Michael Krüger und Federico Italiano die Sammlung.  Dieses Gedicht  „ist zum sprichwörtlichen Programm moderner Lyrik geworden“, weil es in seiner Doppeldeutigkeit nicht nur einen neuen Tag begrüßt, sondern auch die Zukunft der Dichtung nach dem Ersten Weltkrieg  als Lesart zulässt. Der Autor dieser berühmten, von Ingeborg Bachmann übersetzten zwei Zeilen wurde 1888 geboren und gehört mit Umberto Saba, Eugenio Montale und dem Nobelpreisträger Salvatore Quasimodo zu den wichtigsten Autoren, die nach dem ersten Weltkrieg den  Weg für die moderne Lyrik in Italien bereiten. Diese Zwischenkriegsgeneration, zu der auch Dino Campana , Biagio Marin und Cesare Pavese zählen, lehnt die überladene Sprache eines D’Annunzio ebenso ab wie die der Futuristen. In einem Vorwort schreibt Michael Krüger, dass er die  älteren Dichter ausgesucht und in dem „Portal“ genannten ersten Teil der Anthologie versammelt hat.

Die Auswahl der Dichter ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verantwortet Federico Italiano (geb. 1976) und stellt laut Michael Krüger (geb. 1943) einen Kompromiss zwischen den Herausgebern dar. Aber die Anthologie ist nicht nur von persönlichem Geschmack bestimmt, sondern auch das Ergebnis von Forschungen, Rezensionen sowie richtungsweisenden Anthologien. Somit wurden 46 Autoren in die Sammlung aufgenommen und deren Texte von zahlreichen Übersetzern ins Deutsche übertragen. Sie hat das Ziel, dem Leser einen Überblick zu verschaffen.  

Mit dem 1911 geborenen Attilio Bertolucci beginnt der nach Geburtsjahren der Autoren geordnete zweite Teil. Bertoluccis Poesie macht „dem Jahrhundert der Schulen und Strömungen, der Revolution und Umbrüche keine Zugeständnisse.“

„Warum sind Schmetterlinge immer zu zweit, / wenn einer verschwindet in einem Büschel / von Septemberveilchen, läßt der andere ihn nicht allein, / sondern bleibt wirr flatternd darüber, als schlüge er / gegen die Wände eines Kerkers, der aber nur / das Gold des Tages ist, der sich gerade verfinstert / um fünf Uhr Nachmittag vor Anfang Oktober?“

Wie die Definition über Bertoluccis Dichtung bereits andeutet, gibt es natürlich auch in Italien verschiedene Schulen und bei der großen Anzahl von Autoren, ist es gut, dass es  erstens  zu jedem Autor biografische und poetologische Informationen gibt und zweitens Federico Italiano  in einem ausführlichen Nachwort die wichtigsten Strömungen mit ihren Vertretern zusammenfasst. Wie bei allen Auseinandersetzungen mit Lyrik geht es dabei um  verschiedene Tonlagen, um die Frage wie prosaisch, wie kurz oder lang, wie metaphysisch oder konkret  ein Gedicht sein darf und schließlich darum, welche Themen angepackt werden sollten.   Es ist ein Verdienst dieser Anthologie, dass sie alle wichtigen Richtungen erfasst (und wie gesagt näher erläutert). 

So gehört der letzte in der Sammlung zitierte Autor Fabio Pusterla (geb. 1957)  zu der expressiven „Variante der linea lombarda“. Als wichtigster Vertreter der „linea lombarda“ gilt  allerdings Giovanni Raboni, denn seine Lyrik vertritt „die Haftung am Realen, den eher gedämpften Ton  mit der Vorliebe für das Alltägliche und Minimale:  “

„Heute wird niemand mehr reich, / glaub ich, nur mit Seidenkokons und Spinnereien“.  Den Grundzug der „Orientierung am Wirklichen und Konkreten“

findet man bereits bei Mario Luci (geb. 1914).

Eine ganz andere Richtung vertreten die Autoren der „Neoavanguardia“. Mit dieser Bewegung verbindet man in Italien die 1961 herausgegebene Lyrikanthologie „I Novissimi“  und den Gruppo 63. Die Autoren dieser Richtung lehnten den Hermetismus ab und kritisierten die neokapitalistische Sprache. Als Beispiel seien die Verse von  Edoardo Sanguineti (geb. 1930) zitiert:

Dem Zollbeamten im Minirock, der mich auserkoren hat, mit seinen Sybillen – seinen / Taubenaugen, aus einer endlosen Reihe von Transit-Reisenden, habe ich / die ganze Wahrheit gesagt, in ein Beicht-Séparée aus Sperrholz ver- / bannt:“

Allerdings sah sich die „Neoavanguardia“ nicht als normative Schule an, legte kein „Manifesto“  vor, sondern ihre Vertreter setzten die Theorie in unterschiedlichen Schreibstilen um. Das hinderte Sanguineti nicht, mit Pier Paolo Pasolini (geb. 1922)  über den Sinn experimenteller Literatur zu polemisieren und somit zum Untergang der Zeitschrift „Officina“ beizutragen. Für Federico Italiano gehört hingegen Pasolinis Gramsci’s Asche“ zu den wichtigsten Werken der fünfziger Jahre.

Natürlich sind auch zahlreiche Lyriker in der Anthologie aufgeführt, die sich nicht eindeutig einer Strömung zuordnen lassen. Erwähnt werden soll in diesem Zusammenhang stellvertretend Andrea Zanzotto.

Bis heute, so führt Federico Italiano aus, versuchen die Dichter ein Publikum für die Lyrik zu gewinnen. Dabei gibt es in den siebziger Jahren das interessante Phänomen, dass die Anzahl der Lyrikveröffentlichungen anstieg, aber gleichzeitig das Interesse der Leser schwand. Da man einer gewissen Verflachung der Sprache die Schuld daran gab, stellen sich in den folgenden Jahren die  Lyriker die Fragen: “Wie kann man das Erhabene retten? Ist es noch möglich, von Gott zu schreiben? Wie steht es mit dem Bösen in der Geschichte?“ Es wäre interessant zu untersuchen, ob italienische und deutsche Lyriker diese Fragen heute ähnlich oder unterschiedlich beantworten.

In seinem Vorwort schreibt Michael Krüger, die Zukunft werde zeigen, wie lange die Auswahl der Autoren und Texte halten würde. Demjenigen, der sich für italienische Lyrik interessiert, ist sie jedenfalls sehr zu empfehlen.

Frederico Italiano (Hg.) · Michael Krüger (Hg.)
Die Erschließung des Lichts
Italienische Dichtung der Gegenwart. Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Band 24
Hanser
2013 · 256 Seiten · 21,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24040-7

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