Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Klings Blick auf Mayröckers Werk

Eine Neuauflage "Benachbarte Metalle"
Hamburg

Die Neuauflage von Mayröckers Klassiker "Benachbarte Metalle" ist willkommen. Wie bei ihrem umfangreichen Oeuvre aus einer mittlerweile fast achtzig Jahre währenden Schriftstellerinnen-Karriere zur Gewohnheit geworden, handelt es sich bei diesem Band um eine Auswahl und Zusammenstellung, die durch das Moment der Herausgeberschaft bestimmt wird. In diesem Fall, nach den Werkkollektionen von Gisela Lindemann, Heinz F. Schafroth, Barbara Alms, Elke Erb und vor denjenigen von Marcel Beyer und Ulla Berkéwicz, ist "Benachbarte Metalle" das Ergebnis einer Auswahl des Lyrikers Thomas Kling. Als solche gewissermaßen Kling'sche Perspektive wird dem Leser eine subjektive Schau des Kuratoren Kling auf Mayröcker geboten, die natürlich auch etwas über den jung verstorbenen Kling sagt. Dessen eigenes Werk stand Mayröckers Lyrik und den Texten der Wiener Gruppe von Anfang an nahe, und es ist von schöner Folgerichtigkeit, den Werkkreis und Werksprung "Von Meisterin zu Schüler zu Meisterin von Meister" zu schließen und eben jetzt wiederaufleben zu lassen. Interessant im flüchtigen Vergleich allein die Gedichtbandtitel der beiden: Geschmacksverstärker, Verkehrsfunk, GELÄNDE camouflage, Botenstoffe (Kling) und Die kommunizierenden Gefäße, Tischordnung, Spaltungen, Variantenverzeichnis, Configurationen, Blauer Streusand etc. (Mayröcker). Klings Auswahl, versehen mit einem kurzen Nachwort, stützt sich vornehmlich auf ihre Bände "Tod durch Musen", "Gute Nacht, guten Morgen", "Winterglück", "Das besessene Alter" und "Notizen auf einem Kamel", die zwischen 1973 und 1996 erschienen sind.

Beim Lesen fällt auf, dass Mayröckers Texte sehr stark schwanken, bzw. untereinander in geradezu gegensätzlichen Verhältnissen/Bewegungen scheinen. Sie können kaum einer bestimmten Richtung zugeordnet werden, auch wenn, je nach Zeit ihrer Entstehung, sicherlich bestimmte Vorlieben oder Formen vorherrschen, die auch entsprechend anderen Lyrikern und Tendenzen der Epoche nahestehen könnten. Vor allem fällt auf, dass bei Mayröckers enormer Bandbreite an Texten, die in Klings Auswahl gut zur Geltung kommt, ein fast prometheisches Element auftaucht: Was auch immer die heutige Gegenwartslyrik zustande bringt, Mayröcker war schon da. Sie hat es vorhergesehen, geklaut, konserviert, einfach getan, die Zukunft ausgespuckt. Fragmente, disparateste Elemente und Stimmen im selben Gedicht, Cut-ups, lachende Hermetik, lyrisches Tagebuch, Konkretes (natürlich), Kleinstgedicht, Bekenntnislyrik, Das Totale Enigma, heftigste Sprachakrobatik, Stunt-Poems – eigentlich keine Form, die von Mayröcker nicht getestet worden ist. Stets ist dabei der ihr eigene Zug der stakkatohaften Rhythmik und Phonetik präsent, der bis in die kleinste Silbeneinheit Bedeutungsebenen durch Klang erzeugt. Bisweilen wird man von der Lust gepackt, ihre Verse in extremem Tempo laut heraus zu rattern und sich an Coltranes "Sheets of Sound" erinnert zu fühlen, bei denen ebenso eine enzyklopädische Komplexität in kürzesten Zeiteinheiten generiert wird. So auch bei Mayröcker. Nicht selten beschleicht einen allerdings auch das Gefühl, sie habe die Materie aus Kraftsilben, Wortspielereien und -melodien überhaupt nicht im Griff, sondern sie sei, wie bei einer Improvisation, vielmehr ihrerseits die Sklavin ihres ekstatischen Instruments, dessen Themen und seine Auswüchse stattdessen sie im Griff hätten. Dies ist dennoch in höchstem Maße anregend und wie ein Dauerfeuer aus einer Barthes'schen Lust am Text zu verstehen, eine herausschleudernde Assoziationsmaschine, die hypermelodiös durch ein Terrain aus Worten, Sprache, Silben-Verschiebungen, Ortsnamen, Gemäldetiteln, Fauna und Flora, Künstlerbiographien und Zeitgenossen reist und bereit ist zu geben, weiter gesponnen, assoziiert zu werden. Mayröcker beherrscht ihr Spielen in der Form, dem Regelbruch, der Überraschung und lyrischen Wendigkeit perfekt. Und doch wäre diese repräsentative Werkauswahl nicht halb so komplex, wenn nicht immer wieder in Ton und Habitus geradezu widersprüchlich "einfache Gedichte" zur Seite gestellt würden, die die Mayröcker als empfindsame, persönliche, genaue Gefühlserkunderin auszeichnen, die auf den Punkt das scheinbar Einfache zu kartieren vermag. Hier zeigt sich die Stärke des schmalen Bandes, eben genau diese Bandbreite des ausschweifenden Werks von Friederike Mayröcker abzubilden, ohne ein bloßes "Best of" abzuliefern. Stets ist es eine sorgsam komponierte Werk-Suite, die Kling zusammenstellt, bei der kein Gedichttypus nur singulär vorkommt, sondern Tendenzen und Strömungen wiederkehrend bedient werden, um das persönliche Bild Klings von Mayröcker, der Meisterin, zu zeichnen.

Mayröckergedicht heißt Bilderreichtum, vielmehr: Bildkatarakt, bedeutet unausgesetztes Ton-Ereignis. Mayröckers Dichtung zu lesen ist – unvermutet – eben auch dies: leichte Kommunikation. Überwältigend durch Schönheit und Sprachkraft ist ihrem komplexen Werk nicht sehr viel an die Seite zu stellen, das in der zweiten Jahrhunderthälfte hervorgegangen ist aus der deutschen Sprache. 

so Kling in seinem Nachwort. Hier drei Funde aus der Sammlung:

ETWAS WIE KÜSTEN KLEEFARBEN
UND GEWAHRSAM DER MEERE
etwas wie Möwen stirnnah und schreiend wie ertragenes Schicksal
etwas wie historische Nacht kösterlich braun und ausgebrannt in den Mulden der Insel
etwas wie Hanf wogender Kniefall mitten in schönen Pfauen (Schalmeien)
etwas wie Luftschwingen Traumhecken Schaum-Gestrüpp
etwas wie gläserne Küsse Nachtauge schwärmende Trauervögel (Mohn)
etwas wie schütterer Morgen im frühen November
etwas wie Regen an traurig bekränzten Fischen (Rauch)
etwas wie Asche ängstlich und windhoch gewirbelt (mürbe Schlote)
etwas wie Samt bläulich und rund Grüsze mäandernd auf Gräbern
etwas wie Stein zärtliches Kissen für Tote (Sand auf Sand)
etwas wie Haut (honigwarme Pupille)
etwas wie Süsze im Anblick der tausend Meere"

Babylonisches Gedicht

.. und schnee-weisz hat in Apfel-Lilien-Geviert Schnurre's
verflossen und rein; fern
ein apparatus (hat Luft gewicht? solche hebebühne herz ist hoch
geschnellt
wo meineaugen (Schwerter);
Versuche kern; aromatisches gewicht)
Eruptionsgewalt; auf steilen Augenpaaren wie Kehlen-Dorf
(Zeiss ..)
[...]
signalisierter bleich-spiegel
Abbild kalligraphierter schwäche; brüste; haar; verzerrt
.. ein Auto über schleifen-Weg
baumwollen .. "nosing the path .." / a-coming thru' the rye ..
und all das
eine verfärbte sommer-stadt;
ganz-grau-gelb
scharade Nachmittag (zwischen
Balkonen und Caroline : rothäute; mokassins; ballons)
[...]

 

Depression

meine Mutter
erzählt mir sie habe
beim Einkaufen eine Freundin
aus der Schulzeit getroffen
diese, vierundsiebzig wie sie selbst,
habe, auf die Frage wie es ihr gehe, gerufen :
am Morgen die Decke
über den Kopf gestülpt nichts hören nichts sehen!

 

 

Friederike Mayröcker · Thomas Kling (Hg.)
Benachbarte Metalle
Ausgewählte Gedichte
Nachwort: Thomas Kling
Suhrkamp
2016 · 162 Seiten · 11,95 Euro
ISBN:
978-3-518-24046-5

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge