Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
außer.dem Literaturzeitschrift
x
außer.dem Literaturzeitschrift
Kritik

Der springende Punkt und der Knackpunkt

Friedrich Achleitner, einerseits Architekt und andererseits Mitglied der legendären „Wiener Gruppe“, hat bereits früh Dialektgedichte geschrieben, die aber nicht so sehr wahrgenommen wurden wie jene von H.C. Artmann, obwohl er 1959 in „hosn rosn baa“ vertreten war. „obdaennsa“ („ob der Enns“), oberösterreichisch und lapidar, geschult an der Konkreten Poesie, spielt er mit dem Klang der Sprache, Jandl liegt nicht allzu fern, negiert den Herrn Duden seine Regeln, womit er in seiner Heimat gewiss nicht der einzige ist, ganz im Gegenteil. Seine Gedichte sind minimalistische Schnappschüsse – präzis und eiklar! (Manch Jüngere haben diesen Rhythmus für sich neu entdeckt.) Ein Schelm, der es schafft, mit den Worten sparsam umzugehen. Ja kein Wort zu viel, kein einziges! Attwenger machen es mit Musik. „Manche schreiben unglaublich dicke Bücher, ohne etwas Nennenswertes sagen zu können. Es gibt aber auch Poeten wie Friedrich Achleitner, die bringen die ganze Welt auf wenigen Zeilen unter.“, urteilte dereinst das ORF

es liegt auf der hand
(aus: und oder oder und, Geschichten, 2006, Zsolnay)

es liegt auf der hand, dass nicht so viel auf der hand liegen kann, wie unentwegt behauptet wird. es liegt aber auch auf der hand, dass vieles auf der hand liegt, was nicht auf die hand gehört und bei dem man sich fragt, wie es auf die hand gekommen ist. man sollte also mit dieser redewendung, wie immer die rede gewendet wird, etwas sorgfältig umgehen, sorgfältiger, als manches sorglos auf der hand zu liegen scheint. denn es liegt auch auf der hand, dass vieles nicht auf der hand liegt, was für jedermann auf der hand liegen sollte. obwohl ohnehin viel zu viel auf der hand liegt.

"ein phrasenarretierer, der in sensibler reaktion auf seine umwelt aus dem rinnsal von politik und leben aufspießt, was als knackpunkt gut aufgestellt vorüberspringen will, stets dem zenit der inkompetenz entgegen. doch zuvor fängt er ihn ab, um ihn mittels poetischer analyse auf den boden der tatsachen zu heben, den der punkt zum springen braucht. es sind kleine texte. einen kleinen text zu schreiben ist ganz einfach. man beginnt einfach. und dann? man muss nur rechtzeitig aufhören können. darin liegt das ganze geheimnis. achleitner beherrscht es." Günter Traxler

Wenn Achleitner selbst liest, dauern die Gedichte zwischen sieben und 15 Sekunden. 29 Sekunden erscheinen bereits eine halbe Ewigkeit. Kein Wunder daher, dass die CD 69 Tracks (definitiv nicht Innviertlerisch!) umfasst. Mag sein, dass alles sehr schnell geht, man da capo drückt auf dem Wiedergabegerät, um nochmals zu hören, was ganz schnell dahinsaust. Vielleicht hat es derart lange gedauert, bis seine Innviertler „Haikus“ ins Bewusstsein gesickert sind, weil sie so prägnant sind. Aber das ist eine Hypothese, die ich nicht verifizieren kann, da ich nochmals von vorne zum Hören beginnen muss – die vom ORF produzierte CD. (Auf der auch Wolfram Berger einige von Achleitners Minimal-Maximal-Poesien liest.) Zitat Achleitner: „kraft der sprache ist es möglich, ihnen auseinanderzusetzen, dass es ohne sprache praktisch keine auseinandersetzung gibt.“

Friedrich Achleitner
Achleitner
gelesen von Friedrich Achleitner & Wolfram Berger
ORF
2010 · 14,50 Euro

Fixpoetry 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge