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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Sorgerecht für meine Gefühle

Hamburg

Auf „den absehbaren Effekt geschrieben” – das ist, was heute um sich greift. Gerade die Vermeidung des Langweiligen langweilt. Sie langweilt, weil der Wille zum Neuen es verunmöglicht: „Wenn die Affen es dahin bringen könnten, Langeweile zu haben, so könnten sie Menschen werden.” (Goethe) Der Mensch „muss sich der Langeweile aussetzen, wenn er etwas zuwege bringen möchte, das […] nicht […] langweilt”, schreibt Gauß. Wer sich also langweilen möchte, vermeide die Langeweile, wer andere langweilen möchte, lasse eben diese nicht zu, schaffe Werke, die von ihren aufgehäuften Effekten erdrückt werden. „Warum müssen gleich sieben Menschen in ihrem neuen Roman sterben”, fragt ein Kritiker bei Hahn einen Schriftsteller, der antwortet: „Ich wollte etwas Leben in meinen Roman bringen.”

Hahn riskiert hingegen alles, indem er also im Gegenteil hierzu zu langweilen zunächst bereit ist; und er wie auch der Leser, sie werden reich belohnt, durch das scheinbar Langweilige mäandert sich etwas Spannendes, fast möchte man zuletzt verblüfft von Transzendenz sprechen.

Der Plot seines Romans Wie es im Buche steht spielt schon vom Titel an mit dem Papierenen, das ermöglicht, was es scheinbar verhindert: Authentizität, aber qua Umweg, Spannung, aber qua Umweg, Information – aus dem Nichts. Der Roman „überzeugt, dass auch das Nichts zu etwas gut ist”, aus der Null, dem neutralen Element, das alles in Gang setzen mag, ist er gewoben. In diesem Text wird das „Kleine[s] groß”; und „das Große fremd”. Dieses Kleine ist hier das durchaus wirre Schicksal eines Mannes, der Vater und allein ist, verlassen von der Mutter des Kindes, das zudem ein Sorgenkind ist; seine verweigerte Karriere, sein Kampf, auch beim Boxen, um eigentlich nichts: „Ja, ich kämpfe, ja … aber wofür?” Alles andere wäre Theater, das der Protagonist nicht schätzt, schon gar, die „Sehnsucht des Theaters nach Wirklichkeit”, die es unterbietet, weil es sein müsste, wovon die Bühne so referentiell spricht: „Man müsste sie […] überfordern”, so aber? – „Dann schon lieber Träume. Eigene.”

So ist es mit diesem Buch, worin „DAS BUCH” Inbegriff eines Realismus ist, einer „Einszueinsübereinstimmung”, inklusive „Sorgerecht für meine Gefühle”, worin sich das, was ist oder auch nicht ist, verdoppelt; realer ist oder wäre, wenn das Selbe in sich selbst zersplittert. Von Beginn an gerät man – und zwar abrupt – in den Sog der Nichthandlung einer Vielleicht-nicht-Fiktion, die in dieser essayistischen Schwebe von Protagonist, Erzähler und wohl auch Autor fasziniert. Es ist ein Nichts, worin Abschweifungen geschehen, so beim hyperreflexiven Sex, dessen Intensität die Frage ist: „»Liebe machen« […]. Woraus ist die Liebe gemacht?” Da ist das nichts oder Nichts wieder; und eine Katze sieht gelangweilt zu… Und allerlei entsteht daraus, wobei auch das provokant Unentwickelte sich nicht verkapselt, sondern sich ein Text ergibt, der ein Als ob auf jeder Seite parat hält, genauer: oft auch stimmigerweise hielte.

Wer leisen Humor, Mikrologisches und einen paradoxen Realismus, der sich am Realen nicht verschluckt, sondern es gebiert, schätzt, wird darum auch dieses Buch Friedrich Hahns wieder lieben.

Friedrich Hahn
Wie es im Buche steht
edition laurin
2014 · 160 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-902866-12-7

Fixpoetry 2014
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