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Wir reden über Literatur
Kritik

Roadmovie mit Pappkameraden

Hamburg

Nahezu 50 Jahren gehörte Fritz Rudolf Fries, der am 17. Dezember 2014 im 80. Lebensjahr verstarb, zu den experimentierfreudigsten und phantasievollsten Autoren deutscher Zunge. Die Crux ist, dass allzu viele Leser dabei vor allem an seinen furiosen Erstling „Der Weg nach Oobliadooh“ (1966) denken, der ein Politikum war und den DDR-Schriftsteller mit spanischen Wurzeln zuerst im Westen bekannt machte. Nach 1990 verengte die Diskussion um Fries’ Einknicken vor der Staatssicherheit den Blick auf das umfangreiche Werk. Fries hat dazu literarisch Stellung bezogen, auch wenn das manchem zu wenig Asche aufs Haupt war. Zuletzt hatte er mit „Last Exit to El Paso“ seinem Oeuvre ein ebenso abenteuerliches wie aberwitziges Stück Prosa hinzugefügt. Zwei alte Männer on the road – so die äußerste Schale der Zwiebel, als die ich diesen Roman empfinde. Pierre Arronax und sein Freund Archie – zwei alte Hasen im Film- und Literaturbetrieb der DDR – gewinnen zeitgleich eine Weltreise, die an rätselhafte Bedingungen geknüpft ist. Jules Vernes „Reise um die Erde in achtzig Tagen“ läßt grüßen, und tatsächlich wird der Vater der Sience Fiction nicht nur mit diesem Buch zitiert. Arronax fühlt sich eigentlich einer solchen Strapaze nicht recht gewachsen, andererseits hält er es mit den „Bremer Stadtmusikanten“, aus denen er grade seinem Enkel Fabius vorliest: „Etwas besseres als den Tod findest du überall.“ Freund Archie indessen wittert eine Filmstory und ist auch dem Preisgeld nicht abgeneigt. Also gehen sie auf die Bedingungen ein, wählen sich jeweils eine Reisebegleitung: Arronax seine smarte Pflegerin Kathleen und Archie seinen Sohn Piet, der ebenfalls im Filmgeschäft dilettiert.

Nun geht es Schlag auf Schlag, und das mit allen Volten und Arabesken wiederzugeben, wäre schade. Diese Zwiebel sollte jeder für sich häuten! Denn, so verrät Archies alter ego Benno von Arcimboldi in einem Interview, „Jeder Roman ist gewissermaßen die Übersetzung eines schon vorliegenden Romans. Dass jeder Leser einen vorgelegten Text so liest, als schreibe er diesen Text im Augenblick, da er ihn liest, das steht auf einem anderen Blatt.“ (S.101) Der Roman, dem Fries die Gestalt Bennos von Arcimboldi entlehnt, heißt „2666“ und stammt aus der Feder des Chilenen Roberto Bolaño. Doch auch andere Figuren aus Bolaños Roman treten bald auf den Plan, ohne ihre papierene Herkunft zu verleugnen. So wird der Leser Zeuge eines unaufhörlichen Vexierspiels, in dem nichts so ist wie es scheint. Die kundigen und offenbar mit allen Wassern gewaschenen Reiseführer, allen voran die Zwillinge Frankfurter und die undurchsichtige Patsie diCaprio, lancieren das Kleeblatt in die USA, wo ihnen getrennte Routen, eine entlang der Westküste, die andere der Ostküste folgend, vorgeschrieben werden.

Gemeinsames Ziel ist die Grenzstadt El Paso, wo sie angeblich geraubte Bilder des Surrealisten Delvaux und von Andy Warhol wiederfinden sollen. Aber auch dieser Kunstraub ist nur eine Finte. Irgendwann mischen sich nun Bolaños drei Kritiker, die Benno von Arcimboldi für den kommenden Nobelpreisträger halten, in die Geschichte ein, und überall lauern weitere Handicaps für die Reisenden. Archie und Piet werden verhaftet, weil sich im Kofferraum ihres Leihwagens die gestohlenen Bilder oder deren Kopien befinden, Arronax glaubt, seine vor Jahrzehnten in Westberlin verschwundene Frau als Nonne wiederzuentdecken. Auch etliche andere Gespenster der Vergangenheit wollen beachtet werden. Was schließlich die diversen Geheimdienste und Kathleens spanischer Freund Jorge Gorka für eine Rolle spielen, bleibt so nebulös wie die Geschichte um ermordete Prostituierte in der mexikanischen Nachbarstadt von El Paso Ciudad Juàrez. „Am Ende wollte er sich nicht fragen, ob denn nun alles ein Traum, sein Traum, gewesen oder ob alles so abgelaufen war…“, resümiert Arronax, nachdem er in vertrauter Umgebung erwacht und Kathleen ihm eine Karte von Archie und Piet aus El Paso aushändigt. Die beiden arbeiteten, so die Mitteilung, dort an einem Drehbuch.

Natürlich passiert auf den knapp 200 Seiten unendlich viel mehr, und die Kreuz- und Querverweise aus  Kunst-, Musik- und Weltgeschichte sind für sich genommen ein Puzzle; doch Vorsicht: jede Spur ist zugleich eine neue Fußangel. Fries ließ sich zwar gern in die Karten gucken, wieviele Asse er noch im Ärmel hatte, verriet er allerdings nicht. Soviel immerhin lässt er seine Leser oder Kiebitze wissen: „In puncto Ästhetik sind … wir an einem Wendepunkt angelangt. Unsere von der Aufklärung und der Romantik bezogene Moral, dazu eine mechanistisch praktizierte Psychologie, reichen nicht mehr aus, unsere Gegenwart dazustellen.“ (S. 24) Fries, der Schelm, machte es vor, wie Geschichten im 21. Jahrhundert aussehen können, wenn ihr Verfasser im Geiste jung und im Herzen ein Rebell geblieben ist.

Fritz Rudolf Fries
Last Exit to El Paso
Wallstein Verlag
2013 · 192 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1209-8

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