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Kritik

Das doppelte Phantom

Hamburg

Es gibt diese Anfangssätze, die die gesamte Fabel eines Romans enthalten. Exemplarisch dafür steht natürlich Tolstoi in Anna Karenina: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ Und jetzt endlich auch dieser Satz, übersetzt übrigens von derselben großartigen Übersetzerin, Rosemarie Tietze, „Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Leben war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe.“

Aus diesen Satz entspinnt sich ein Krimi, eine Liebesgeschichte, eine Analyse seelischer Abgründe, kurz: ein Stück Weltliteratur.

Der vermeintliche Mord, unter dem der namenlose Erzähler leidet, geschah im Krieg, der Erzähler war gerade sechzehn Jahre alt und handelte in Notwehr. Dennoch bedrückt ihn diese Erinnerung. Eines Tages fällt ihm ein Buch in die Hand: I'll come tomorrow, und darin die Geschichte: „Das Abenteuer in der Steppe“. In dieser Erzählung nun findet der vermeintliche Mörder „eine präzise Rekonstruktion dessen, was ich in den fernen Bürgerkriegszeiten in Russland erlebt hatte, dazu die Beschreibung jener unerträglich heißen Tage, als die langwierigsten und heftigsten Gefechte stattfanden... Mir blieben fast keine Zweifel, dass der Verfasser der Erzählung jener Unbekannte war, auf den ich damals geschossen hatte.“ Also macht er sich auf die Suche nach diesem Unbekannten. Zunächst reist er nach London zum Verleger Alexander Wolfs, der ihm jedoch keine Auskünfte über dessen Verbleib machen kann, stattdessen aber mysteriöser weise betont, dass ein genaueres Zielen des Auskunftbegehrenden damals, vielen Menschen Leid erspart hätte.

Die Suche scheint aussichtslos. Bis der Erzähler den Heiligen Abend ausgerechnet mit dem Mann verbringt, der nicht nur Wolfs Buch dabei hat, sondern sich zudem als sein einstiger Mitkämpfer entpuppt.

Als der Erzähler bei einem Boxkampf, den er aus beruflichen Gründen besucht, er ist Journalist, die rätselhafte Jelena kennen lernt, tritt die Suche nach Alexander Wolf mehr und mehr in den Hintergrund. Jedoch nicht, ohne am Ende des Romans einen fulminanten Abschluss zu finden.

Stilistisch ist Gasdanow immer wieder mit Nabokov verglichen worden, und das nicht zu Unrecht. Ein großartiger Erzähler, bei dem keine Szene ohne Bedeutung ist, alles miteinander zusammenhängt, sämtliche Motive fügen sich in den großen Bogen von Gegensätzen, die einander anziehen und abstoßen. Und schließlich mündet alles in das Schicksal, gegen das der Einzelne sich nicht wehren kann, obwohl: „Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug.“

Das Buch spielt in den Dreißiger Jahren in Paris, und liest sich wie ein wunderbarer schwarzweiß Film, dessen Figuren unvergessen bleiben.

Gasdanow lebte Jahrzehnte lang in Armut, schlug sich als Taxifahrer in Paris durch, schlief wie ein Clochard in den Pariser Metrostationen, und gelangte trotz seiner fortwährend geschriebenen Romane und Erzählungen, die er jedoch anders als Nabokov, nie in der Landessprache sondern zeitlebens auf Russisch verfasste, erst spät als Redakteur im Dienst des von der CIA finanzierten amerikanischen Rundfunksenders Radio Liberty zu einem gesicherten Auskommen. 1971 starb er in München an Lungenkrebs und wurde auf dem russischen Friedhof beigesetzt.

Dass die Geschichte des Phantoms des Alexander Wolf nun endlich auch den deutschen Lesern zugänglich gemacht worden ist, ist Rosemarie Tietze zu verdanken, und es bleibt zu hoffen, dass diese Übersetzung nur der Anfang davon ist, das Phantom des Gaito Gasdanow auch in Deutschland zu neuem Leben zu erwecken.

Gaito Gasdanow
Das Phantom des Alexander Wolf
Übersetzung:
Rosemarie Tietze
Nachwort: Rosemarie Tietze
Hanser
2012 · 192 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-446238534

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