Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
x
Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Bahnhöfe des Unendlichen

Erstmalig in deutscher Übersetzung: Gaston de Pawlowskis satirische Science-Fiction-Miniaturen von 1912
Hamburg

Will man eine Schatulle öffnen, ohne das darum geschnürte Band zu lösen, oder eine Treppe erklimmen, die einen ins Ausgangsgeschoss zurückführt, empfiehlt es sich, zunächst in die „vierte Dimension“ einzutreten: ein Reich, in dem unsere gängigen Raum-Zeit-Vorstellungen ihre Gültigkeit verlieren.

Voyage au pays de la quatrième dimension, 1912. Quelle: Wikipedia Mit derart metaphysischen Überlegungen beginnt Gaston de Pawlowskis Nicht-Roman „Reise ins Land der vierten Dimension“. Die erste Version erschien 1912, die zweite, auf der die vom zero sharp Verlag herausgebrachte deutsche Übersetzung beruht, 1923. Allein die Tatsache, dass ein kleiner Independent-Verlag sich eines Werkes annimmt, das rund 100 Jahre auf dem Buckel hat, macht neugierig auf Text und Autor.

Gaston de Pawlowski (Jahrgang 1874) war Doktor des Rechts, Literatur-, Theater- und Kunstkritiker, Sportreporter, Rad- und Motorsportfan, und nicht zuletzt Herausgeber der vor dem Ersten Weltkrieg wohl bedeutendsten Pariser Kunst- und Literaturzeitschrift „Comœdia“. Eine Vielseitigkeit (und vielleicht auch Verzettelung), die sich sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne in seiner satirischen Science Fiction widerspiegelt.

Um Pawlowskis etwas schwammigen Umgang mit dem Begriff der „vierten Dimension“ zeit- und ideengeschichtlich besser einordnen zu können, ist das Nachwort des Herausgebers außerordentlich hilfreich. Innerhalb des Texts rechnet Pawlowski die vierte Dimension zunächst der „transzendentalen Geometrie“ zu und beruft sich damit auf Vorläufer wie den Mathematiker Henri Poincaré, der um 1900 die Idee einer nicht-euklidischen Geometrie entwickelte.

Auf die „Abstraktion von der Entfernung“, die dem Erzähler erstmals auf einer Reise von Italien nach Paris gelingt (Er „vergisst“ ganze Streckenabschnitte, die dann tatsächlich weder in der Benzin- noch der Kilometeranzeige auftauchen), folgt rasch die „Abstraktion von der Zeit“: An einem unscheinbaren Ort in Paris taucht plötzlich der „Gare du Midi“ auf – eine Abweichung von der dreidimensionalen Realität, die an Marcel Prousts Beschreibung der Dorfkirche in Combray erinnert: Ort und Zeit verschmelzen (in Pawlowskis Worten) zu einer „Drehscheibe von Erinnerungen“, (in Prousts Worten) „zu einem Bauwerk, das sozusagen einen vierdimensionalen Raum einnahm – die vierte Dimension war die Zeit“.

Bei Pawlowski vermischen sich die räumlichen und zeitlichen Aspekte der vierten Dimension auf nicht immer ganz nachvollziehbare Weise – was auch an der großen Popularität dieser metaphysischen Idee um die Entstehungszeit des Romans herum liegen mag, die von Schriftstellern, Philosophen und Mathematikern gleichermaßen verfolgt, aufgegriffen und weitergedacht wurde. Im Roman entfernt sich das Kernkonzept mehr und mehr von seinen anfänglichen geometrischen und relativitätstheoretischen Ursprüngen, um schließlich zu einer Metapher für eine gänzlich neue Bewusstseinsebene zu werden. Oder, wie Pawlowski selbst eher vage definiert, dem „notwendigen Symbol eines Unbekannten, ohne welches das Bekannte nicht existieren könnte.“

Hauptsächlich dient die Befreiung von den „geometrischen Vorurteilen“ dem Erzähler dazu, sich beliebig in der Zeit hin und her zu bewegen, während in der dritten Dimension sowohl die Zeit als auch sein materieller Körper stillstehen.

Wer allerdings hofft, an diesem Punkt in eine schillernde fremde Welt – ähnlich der in H.G. Wells „Zeitmaschine“ (1895) – hinein katapultiert zu werden, hat sich zu früh gefreut.

Nach den theoretischen Vorüberlegungen zur Lösung des Zeitreise-Problems geht es weiter mit … genau: theoretischen Überlegungen. Darum auch die anfängliche Bezeichnung „Nicht-Roman“. Lebendige Figurenzeichnungen, sinnlich ausgestaltete Szenen oder so etwas wie eine Handlung sucht man vergebens. Vielmehr ist „Reise ins Land der vierten Dimension“ eine Zusammenstellung von satirischen Kommentaren und Ideenskizzen zu alten und neuen Formen der Staatsführung, des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der Arbeitsteilung, der Mechanisierung und einer möglichen Entwicklung des Menschen.

Da die sinnliche Wahrnehmung völlig außen vor bleibt, fällt es mitunter schwer zu glauben, der Erzähler habe die geschilderten Reisen tatsächlich unternommen. Statt in der vierten Dimension Abenteuer zu erleben, sieht man stets Pawlowskis materiellen Körper am Schreibpult sitzen und seine Theorien zu Papier bringen. Nichtsdestotrotz: So abstrakt die Ideen auch bleiben mögen – Anknüpfungspunkte zum eigenen Weiterdenken bieten sie allemal.

Sein eigenes Zeitalter beschreibt der Erzähler als die Ära des Leviathan, jenes „kolossalen Wesens“, das bereits Thomas Hobbes vorausgesagt und benannt hatte. Einem ähnlich absolutistischen Staatsverständnis folgend, vereint Pawlowskis Leviathan die Menschen hinsichtlich ihrer materiellen Funktionen, nicht aber auf geistiger Ebene, in einem „elenden und primitiven Kommunismus“. Erst die futuristische Erfindung der Zellverjüngung führt zum Untergang des Leviathan, da sie ihn paradoxerweise zu einem „unbeseelten Körper“ und also zur Sterblichkeit verdammt. Die „ewige und unveränderliche Substanz“ hingegen kann nur außerhalb der dritten Dimension bestehen – ein interessanter Gedanke, der das Buch auch im Folgenden durchzieht.

Auf die Herrschaft des Leviathan folgt das „wissenschaftliche Zeitalter“ unter dem Zepter der Zwölf Absoluten Weisen, die hauptsächlich diverse bizarre Erfindungen hervorbringen: Reisen ins Unbewusste etwa, oder Ausflüge im Astralkörper, währenddessen der materielle Körper von anderen Menschen gemietet werden kann. Andere Innovationen hingegen wurden längst von der Wirklichkeit überholt und wirken keineswegs mehr absurd. So nimmt die Vergrößerung des Gedächtnisses, indem der linke Hirnlappen durch einen „Rechenschwamm“ ersetzt wird, Diskussionen rund um Cyborgs und Transhumanismus um Jahrzehnte voraus. Pawlowskis Faible für die Verschmelzung von Organischem und Anorganischem ist offenkundig, wie auch sein Hang zur Fetischisierung und Anthropomorphisierung von Motoren und Maschinen. Rückblickend bezeichnet der Autor sein Werk als „antinaturalistisches Manifest“ – kein Zufall vielleicht, dass die Entstehung der ersten Version in etwa zusammenfällt mit dem Aufkommen des Futurismus in Italien.

Pawlowskis Beschreibung zukünftiger „Zwitterwesen“ wiederum greift bestimmten Spielarten feministischer Science Fiction aus den 70er/80er Jahren vor: Im Land der vierten Dimension unterscheiden sich Frauen und Männer weder durch ihre Kleidung noch durch verschiedene Tätigkeiten; die Reproduktion erfolgt auf künstlichem Wege. Über die heteronormative Annahme seiner Zeit, dass mit der Angleichung der Geschlechter zugleich auch die Liebe aussterben müsse, kommt Pawlowski allerdings nicht hinaus.

Erneut führt die Entdeckung einer (materiellen) Unsterblichkeitsformel zum Niedergang der Absoluten Weisen und lässt ein neues Zeitalter anbrechen: die idealistische Renaissance. Hier nun meint der Erzähler das Licht zu erblicken – die „Kultivierung des Willens und die Ausschöpfung der inneren Kräfte des Menschen“, die „Vereinigung der Seelen aller Zeiten“, die sich, befreit vom dreidimensionalen Denken, stetig annähern an „das einzige, unsterbliche Urbild des vierdimensionalen Geistes“.

Dass die „Zeitreise“ – wenn auch nur als Gedankenexperiment – hier unvermittelt abbricht, enttäuscht dann doch ein wenig. Angesichts der vorausgehenden komplexen Gedankenexperimente liest sich Pawlowskis moralisch-weltverbessernde Message, die letztendlich auf bekannten humanistischen Idealen beruht, erstaunlich verkürzt und uninspiriert. Oder sollten die metaphysischen Überlegungen des Anfangs, die eine Transzendenz überkommener Denkmuster anzustreben scheinen, lediglich als Erklärung des Zeitreise-Phänomens herhalten?

Der Einfluss des Buches auf nachfolgende Generationen an Literatur-, Kunst- und Filmschaffenden hingegen ist nicht zu leugnen. So nennt Marcel Duchamp als wichtigste Inspirationsquellen für seine Hinwendung zur Konzeptkunst unter anderem auch „diesen Povolowski“. Allerdings deutet die Tatsache, dass Duchamp sowohl den Namen des Autors verwechselt als auch den Inhalt des Buches mit ähnlichen Werken durcheinanderbringt, bereits darauf hin, dass er sich allgemeiner auf die Anfang des 20. Jahrhunderts populäre Strömung an Ideen rund um die „vierte Dimension“ beruft. Klar jedenfalls ist: Ohne Gaston de Pawlowski, Raymond Roussel, Jean-Pierre Brisset & Co hätte es Künstler wie M.C. Escher oder Salvador Dalí wohl nicht gegeben, und auch Kultfilme wie „Matrix“, „Memento“, „Stay“ oder „Lost Highway“, die das Raum-Zeit-Kontinuum gehörig durcheinander schütteln, wären ohne die Vorarbeit jener experimentierfreudigen Gedankenjongleure kaum vorstellbar.

Gaston de Pawlowski · Maximillian Gilleßen (Hg.) · Anton Stuckardt (Hg.)
REISEN INS LAND DER VIERTEN DIMENSION
Übersetzung:
Maximillian Gilleßen
GestaltungAnton Stuckardt, Rudy Guedj
zero sharp
2016 · 320 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3945421048

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge