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Kritik

Leß is more

Hamburg

Dass weniger mehr ist, war ein Motto des Architekten Mies van der Rohe, der es wiederum übernommen hatte von einer Wendung in einem Gedicht Robert Brownings, Andrea del Sarto, The Faultless Painter, 1855. Es bezog sich originär auf Kunst. Später wurde es bezogen auf minimalistisches Design. Less is more trifft in mehrerer Hinsicht auf Georg Leß’ Debütband Schlachtgewicht zu. Einerseits haben Gedichtbände heute in der Regel zwischen 50 und 60 Texten, gerne auch mehr. Georg Leß’ Gedichtband hat 11 Seiten. Es ist ein schlanker Band, Lyrikreihe Band 29 der engagierten parasitenpresse. Andererseits leben Leß’ Dichtungen oft von sehr sparsamen Andeutungen.

(…) schon legt er Feuer, blind ein Kinderspiel / so tastet er nach deinem Wolf, der Amsel

Und Leß ist tatsächlich mehr. Die Texte haben Mehrwert. Wo andere Bände womöglich durch Quantität obsiegen wollen, bringt Georg Leß superscharfe und präzise Gedichte. Ein paar davon reichen ja; da ist kein Füllgedicht dabei; keins, das man so lala überblättert. Schärfer kann man Unschärfe nicht zeigen – ist so ein Satz, der sich mir beim Lesen aufdrängte. Das meine ich positiv, denn z. B. Angst ist etwas Diffuses; wenn man Angst hat, sieht man das, wovor man Angst hat, nicht. Bedrohung ist immer unscharf. Aber Unschärfe so genau zu umreißen, wie es geht, zeugt von großem Können. Ich sträube mich sogar ein wenig vor diesen Gedichten, weil sie so schön unschön sind.

(…) es war der Hunger und das Trinkverhalten / und daher schwieg ich, ungefähr: leg einen / Schweinekopf vor meinen

Schon der Titel Schlachtgewicht lässt mich ein wenig frösteln. Nicht, dass mir direkt das Blut in den Adern gefriert, aber wer einmal eine Sau hat quieken hören, wie sie zum Schlachten getrieben wird, die in ihrem Inneren wohl ganz genau weiß, was bald geschehen wird, und wer das ganze Ritual einer konventionellen Schlachtung einmal mitbekommen hat, wer danach Hühner gesehen hat, die durch einen See aus Blut rennen und bis zum Federansatz rotgefärbte Beine haben, der kennt das latente Grausen, das diese Texte immer wieder durchzieht. Der kann es nachfühlen, die Angst und den Ekel, der immer auch an die eigene Existenz rührt.

der Schnee weiß vom Stiefel die Hälfte
nur flüchtig von Wärme, den Folgen, vom Rot
das dicker sei und hart bleibt und die Engel hohl (…)

In den Gedichten wird das Unmittelbare, das häufig Tiergestalt annimmt, steriler gehandhabt, es wird auch zwischendurch zum Spiel, aber verliert nie an Relevanz für den Leser; vielleicht hat man das Schlachten nur vom Hörensagen miterlebt; und dennoch ist hier ein gewisses Schockmoment in die Texte mit hineingefroren. Schlachtgewicht ist ein „Determinativkompositum aus dem Stamm des Verbs schlachten und Gewicht“ und bezeichnet „das Gewicht von geschlachtetem Vieh ohne Kopf, Haut, Füße und Eingeweide“. „Das Schlachtgewicht beträgt bei Rindern bis 50 %, bei Kälbern bis 62 %, bei Schweinen bis 85 % des Lebendgewichtes. (aus dem Wikiwörterbuch Wiktionary). Schlachtgedichte?

nur Ellen lebt, aus Gewohnheit und Dosen / gewaltsam in die Stadt gezogen, kriegt den Wald nicht raus / das knarrende Gebälk, das Hüftgelenk hält Ellen immer wach / ganz still dagegen ging ein Fuchs /zwischen den Erdbeerblättern seinen Würmern nach (…)

Die Gedichte sprechen mich persönlich sehr an. Es sind Ausschnitte, Schnappschüsse, Fragmente, Einblicke. Man wird nicht (gleich) schlau aus einem solchen Gedicht. Was ich ganz positiv meine. Vermutlich wird man überhaupt nie schlau aus ihnen. Und dennoch erhellen sie, womit man nicht nur zu neuen Sichtweisen, sondern auch auf neue Spuren gelangt, die man noch nicht betreten hat. Hier ist etwas krumm, hier haut etwas nicht hin und das ist mir sehr angenehm. Texte, die in sich rund sind und wo alles schön aufgeht, muss ich mir nicht antun. Ich bin vermutlich Wahldisharmoniker oder so etwas. Es ist zudem kein aufdringliches Geheimnis, das sich in den Fokus schiebt, also keine Vorzeigehermetik, ein bewusst verhülltes Psychodings, was sich mir da aufdrängen will und durch geheimnisvollen Wortbombast anempfiehlt. Hier wird mit sparsamen Mitteln etwas eingefangen, was düster und unergründet ist und genau dadurch Gegenstände in ein besonderes Schlaglicht rückt. Es geht gerade um Evidenz, um Sichtbarkeit. Durch bewusst eingesetztes Dunkel und durch Effekte des Verwischens würde im Gegensatz dazu unbeabsichtigt etwas sehr scharf werden, viel schärfer als die schmerzhafte Schärfe der HD-Qualität.

Der Fuchs am Südkreuz

ich schoss ja nur Bilder, schon ging er mir nach
seine Scheu, rötlich verwickelt in die Sommernacht
verwackelt, schief die Schilder, der Laternenpfahl

dieses kräftig durchblutete Nachbild, in Häuten der Stadt
(…)

Worte wie Unterholzwunsch, das in diesem Gedicht in der dritten Strophe unversehens auftaucht, gehen gleich unter die Haut, um nicht zu sagen ins Blut. Eine merkwürdige Welt, so geheimnisvoll wie verschoben und schräg, kommt zur Sprache. Die Texte haben etwas zurückhaltend Bebendes, verwackeln da, wo es um Verwicklung geht. Eingehüllt in eine scheue Melancholie zeigen Nebensätze und sogar Nebenworte ganze Geschichten, umhüllen weitere Geheimnisse. Wo Fangeisen, korrigierbare Fliegenbeine, Mimikry und hohle Engel thematisiert werden, hat es hohe poetische Valenz. Die Gedichte sprechen von selbst. Als ich sie das erste Mal las, musste ich nach jedem Text das Buch für ein paar Minuten beiseitelegen, um das auszuhalten. Aus dem Gedicht Ja anfangs:

(…) oder überall Speck // mit dem Stadtschild erschlagen, den Anhang versetzt, es /
war Sport / Finger ab, eine Tiertätowierung: SO HUNDIG stand da (…)

Tiere und Tierisches, Materialen wie Speck und Hornhaut lassen die Texte haptisch und geradezu olfaktorisch werden. Leß’ Gedichte erinnerten mich wiederholt an die künstlerische Welt von Joseph Beuys. Es sind ähnliche Bildwelten, die da aufgemacht und aufgezeigt werden, auch teils unangenehm, fast möchte ich schreiben: sie operieren am Rande des Unerträglichen. Die Texte öffnen dadurch Türen in etwas anderes, animalisch Rüdes, annähernd Unheimliches, immer sehr nah am Schmerz. Die Gedichte sind speckig und rau, riechen nach Hundehaaren, Dickicht und stachligem Fell. Ein Beuyssches Bestiarium, more or less.

Und freilich kann man jetzt daherkommen und sagen, das sei ja schon allein wegen Beuys ganz und gar nicht neu und das könne man ja alles entstehen lassen; einkolportiertes Tierfett – kein Problem! Ein paar schräge Speckvokabeln einzustreuen mache noch keine Lyrik zur Lyrik, das sei handwerklich ganz geschickt, aber sonst? Es ist allerdings bei Leß nicht die Sprache allein. Die Sprache ist Symptom, kreist um etwas Tieferliegendes: das ist der feine Unterschied. Es ist demnach keine Versatzstücklyrik, die es freilich auch gibt, bestehend aus ein paar hippen Wendungen, was da eben ganz gut klingt (d. h. sich an der Oberfläche impulshaft auflehnt gegen das allzu Verzopfte, Behäbige, Lippengeschürzte) und fertig ist der Lack; wer halbwegs virtuos ist, kriegt so etwas in Dutzendware hin; so einfach geht das aber hier nicht. Das ist sehr angenehm: Leß’ Gedichte durchzieht vollends ein gewisser Zauber, der über die Worte hinausgeht, woanders hinzeigt, die Worte nur braucht, als Larven, um sich zu entpuppen; etwas überhöht ausgedrückt: das Transzendierende in den Worten, – vermutlich Poesie genannt. Wäre es Musik, würde jemand sagen, die Sachen hätten Soul.

mit Flammenschere jagtest du den Wolf / aus Dorf und Stadt, den Allerletzten (…)

Texte mit Rückseiten. Da hängt was schief in seinen Worten und verstört, ich möchte sagen: das Gedicht kratzt mich, stachelt; es zwickt und beißt. Ich will das genau so haben. Es geht ja auch nicht um Tiere und Tierisches, sondern dahinter taucht umrisshaft etwas auf; dennoch rekurrieren sie häufig darauf. Selbst ein Text, der um Schnee und Weihnachten kreist, Silent Night, Deadly Night II, 1987 endet bei Jäger und Fährte. Die Bilder in den Gedichten gelingen auch da, wo sie anspielungsreich mit antiken Inhalten umgehen, so die Sagengestalt Aktaion im Text Entzündungswert. Aktaion, der griechische Heros, der – von der beim Bad überraschten Göttin Diana in einen Hirsch verwandelt – von seinen eigenen Hunden zerfleischt wird. Das Schöne daran: alles, was man liest, setzt sich im Kopf fort, ist nicht gleich vorbei, wenn man das Buch beiseitelegt.

Kennengelernt habe ich Georg Leß’ Texte in der Edit 57, damals schrieb ich: Die Gedichte von Georg Leß sind unkonventionell. Wäre da nicht eine Überschrift wie If Nancy doesn’t wake up screaming she won’t wake up at all**, könnte man das zugehörige Gedicht vielleicht als „Landschaftsbild mit Lemur“ bezeichnen. So werden urbane Erlebnisse mit Anklängen an Bukolik überschrieben, Kindheitserinnerungen zwischengeschnitten, alttestamentarische Wendungen angetäuscht und Landschaftliches verwoben mit Bildern aus der Tierwelt. Auch ein Titel wie Kondorlied* täuscht ironisch an. Ein anderes Gedicht endet auf jetzt stellt sich eine Antwort aufrecht oder nie. Oft gibt es ein lyrisches Wir. Dazwischen stehen Gedichte mit unvermittelter Sie-Anrede. Doch auch das ist niemals Methode. Die spürbare Freude am Umgang mit Sprache ist dabei nur ein Nebeneffekt und man freut sich, dass bei Leß die Sprache selbst hochkreatives Spielareal ist. – Ich füge noch hinzu: Ein Buch, in das es sich zu versenken lohnt. So muss Lyrik.

Kondorlied

nie gesehen, höchstens schwach
ich kannte diese Schwäche aus der Nachbarschaft

da stand ein Kleintierzoo vor vielen Jahren
im Wald am Elternhaus, ein Fertighaus

ich zog vor vielen Jahren aus
ich zog vor vielen Jahren aus
Die Gitter fielen, doch die Tiere blieben
mit ihren Muskeln war etwas geschehn
war ihr Verlangen nicht mehr anzuspannen

viel später wurde ich geboren
mal spielten wir Kojoten jagen
mal nach Kojotenknochen graben
fast hätte ich verloren

*Aus dem Wort Kondorlied allein steigen viele Assoziationen auf. Dabei erinnert es, auch inhaltlich wegen der gereimten Passagen, an die (meist einen Tick zu sentimental vorgetragenen Harmonien, man hört dabei schon die obligatorischen Panflöten) im populären Volksstück El Cóndor Pasa. Da wird etwas aufgegriffen und sogleich ad absurdum geführt. Es ließen sich darüber hinaus in der dritten Strophe auch Anklänge an die Legion Condor festmachen, eine verdeckt operierende Einheit der deutschen Wehrmacht im Spanischen Bürgerkrieg in den später 1930er Jahren. Formal hat es sogar durch die wiederkehrenden 4- bis 6-hebigen Jamben Anklänge an ein Sonett, wenn es auch nur 13 Verse sind.

**If Nancy Doesn't Wake Up Screaming, She Won't Wake Up At All ist ein Motto aus dem Horrorfilms A Nightmare on Elm Street. Georg Leß bringt es als Gedichtüberschrift.

Leß ist mehr: Da ist was. Aber es ist eben nicht die Sprache alleine, sondern dahinter steht etwas, vielleicht die diffuse, unscharfe, aber sehr reale Angst; etwas Ungutes, das ich an diesen Texten liebe, weil sie mir zeigen, dass andere auch dieses Gefühl haben: da ist was in der Welt nicht ganz so, wie es sein sollte. Lass uns herausfinden, was es ist.

Georg Leß, 1981 in Neheim geboren, einem Ortsteil der Stadt Arnsberg im Hochsauerlandkreis in Nordrhein-Westfalen, lebt in Berlin. Erzählungen und Essays von ihm wurden in Zeitschiften und Anthologien veröffentlicht (u. a. Edit, Lichtungen, Randnummer, Jahrbuch der Lyrik).

Georg Leß
Schlachtgewicht
Band 029
Parasitenpresse
2013 · 14 Seiten · 6,00 Euro

Fixpoetry 2014
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