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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Zahltag in Disneyland

In seinem neuen Storyband „Zehnter Dezember“ boostet George Saunders Sprachzentren und leitet Strom durch Hirne
Hamburg

Zehn neue Kurzgeschichten von George Saunders sind auf Deutsch erschienen; zehnmal jagt Saunders seine Held_innen – Freaks wie du und ich – durch ein morbid-groteskes Disneyland.

In den meisten Texten des Bandes „Zehnter Dezember“ heißt dieser Themenpark des Grauens ganz einfach „Suburbia“.

Da gibt es die überbehüteten Nerds, die mit 13 schon sämtliche Neurosen ihrer Eltern derart verinnerlicht haben, dass sie keinen Schritt ohne „Leitlinie“ selbst tun können. Wie Kyle, der, sobald er ins Haus kommt, als erstes seine „belastende Spur Mikroklümpchen“ von Hand aus dem Teppich zupft. Oder „der blasse Junge mit dem unvorteilhaften Prinz-Eisenherz-Pony“, dessen Mutter schon einen halben Nervenzusammenbruch erleidet, wenn er sich nur anschickt, zwei Blatt Papier aneinanderzuheften.

Da gibt es aber auch die Ausgestoßenen der Unterschicht, wie den Irak-Heimkehrer Mike, der als mehr oder weniger geduldeter Gast im Haus seiner Mutter lebt und von allen behandelt wird wie eine tickende Zeitbombe. Und, wie so oft  bei Saunders, der nun wirklich keine Gnade mit seinen Leser_innen kennt, kommt alles nur noch schlimmer. Die Zwangsräumung des eben wiedererlangten „Zuhauses“ (so der zynische Titel der Geschichte) steht kurz bevor. „Vielen Dank, dass sie gedient haben“, sagt der Polizist noch zu Mike, bevor dieser genötigt wird, die Habseligkeiten seiner Familie in den Garten zu schaffen.

Die Hauptsympathie des begnadeten US-Satirikers gilt ganz klar den immer schon verlorenen Kämpfen der unteren Mittelschicht, wie der längste Text des Bandes („Die Semplica-Girl-Tagebücher“) verdeutlicht. In atemlosen Halbsätzen berichtet ein völlig überforderter Familienvater von seiner Zerrissenheit zwischen Erwerbsarbeit, anstehenden Autoreparaturen und den am Wohlstand der Nachbarn geschulten Wünschen seiner Töchter. Ein Rubbellosgewinn rückt eine Besserung der Verhältnisse in greifbare Nähe – doch natürlich ist ein Happy End bei Saunders so leicht nicht zu haben. „Abends im Bett sagte Pam, teilweise Kreditkarten abbezahlen? Mein Gefühl sagte mir, ja, okay, könnten wir. Aber fand ich nicht sehr aufregend und sie auch nicht, überhaupt nicht.“ Also investiert er den Gewinn in die Umgestaltung des Gartens, um seiner älteren Tochter eine Geburtstagsparty zu bescheren, die der ihrer betuchten Freundin in nichts nachstehen soll. Die neue Gartendeko beinhaltet ein Arrangements mit vier „Semplica Girls“, einer lebenden Lampionkette, bestehend aus „Tami (Laos), Gwen (Moldau), Lisa (Somalia), Betty (Philippinen)“ – der neuste Schrei in Saunders Welt, die ebenso in der Zukunft wie in einem überkandidelten Achtziger-Jahre-Setting spielen könnte. Dass diese Spontaninvestition in vier SGs nicht gutgehen kann, ist klar.

Wie Saunders hier anhand gefühlsmäßig nachvollziehbarer Entscheidungen eines Familienvaters den Weg  der USA in die Krise nachzeichnet, ist so perfide wie folgerichtig.

Anstatt mit erhobenem Zeigefinger die Ausbeutung von Migranten, die Scheinheiligkeit der Wohlstandsgesellschaft und den blinden Glauben an die Leistung des Einzelnen anzuprangern, schenkt er uns Identifikationsfiguren, die genauso normal, verschroben und unvollkommen sind wie wir selbst. Ganz nebenbei zeigt er, wie die neoliberale Propaganda, die uns aus Management-Etage, Fernsehwerbung und Wellness-Ratgebern entgegen schwappt, zu einer verzweifelten Art von Selbstsorge führt, deren Weitblick am eigenen Gartenzaun endet.

Und dabei  will Saunders nicht nur vordergründig unterhalten. Er will unterhalten.

Grandios ist seine sprachliche Wandlungsfähigkeit, wenn er die inneren Monologe eines todkranken alten Mannes, einer frühreifen 15-Jährigen oder eines mittelständischen Unternehmers, der bei einer dämlichen Gameshow den Clown spielen muss, jeweils absolut glaubwürdig wiedergibt. Richtig austoben kann sich Saunders dank seiner immer wieder eingestreuten Science-Fiction Elemente – so lässt er einen Ritterdarsteller in einem mittelalterlichen Themenpark nach Gabe von Hundert Milligramm „RytterSporn“ plötzlich altmodisch-erhaben losschwafeln.

In „Flucht aus dem Spinnenkopf“, dem wohl düstersten Text des Bandes, boostet Saunders das Sprachzentrum seines unglücklichen Helden mittels „Verbaluce“. Unter Einfluss dieser Droge kann der für perverse Experimente missbrauchte Häftling gar nicht anders, als seine Gefühlregungen akkurat und wahrheitsgemäß wiederzugeben.

Diese Ausflüge ins Fantastische mögen manchen arg experimentell und abgedreht erscheinen.

Doch ist die Anweisung an die Testpersonen, „uns gegenseitig quantifizierbarer zu bewerten, bezüglich gutaussehend und sexy“, wirklich so abwegig, verglichen mit Rating-Systemen auf Online-Plattformen wie OkCupid? Sind all die Dinge, die unseren Alltag bevölkern – Sweatshops, Google Glass, Apps zum Bier öffnen – wirklich weniger absurd als lebende Lampionketten?

Am Ende bleibt der Eindruck: Was Saunders in „Zehnter Dezember“ beschreibt, ist weder Satire noch ferne Zukunftsmusik; es ist eine lediglich leicht überspitzte Version des Jetzt.

Übrigens malt Saunders nicht immer die schlimmste aller vorstellbaren Welten an die Wand: Es gibt auch Mut und Mitgefühl bei ihm, die zwei Geschichten zu einem zumindest versöhnlichen Ende verhelfen.

So wird der neurotische Nerd Kyle am Ende über seinen eigenen Schatten springen und mit der Geode, die er eigentlich im Garten hätte einsetzen sollen, einen Angreifer niederschlagen. Das bringt ihm zwar keine „Sonderbelohnung“ in Form von zwei Handvoll schokoladenüberzogenen Rosinen ein, dafür aber endlich einmal das Gefühl, aus eigenem Antrieb das Richtige getan zu haben.

George Saunders
Zehnter Dezember
Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert
Luchterhand, Random House
2014 · 272 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-630-87427-2

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