Anzeige
Wespennest 175 Hilfe
x
Wespennest 175 Hilfe
Kritik

Von Helden und anderen Wienern

Hamburg

Um es vorweg zu sagen: Es könnte sein, dass der Leser in der ersten Geschichte noch im Glossar nachschlagen muss, um zu verstehen, dass ein „Unterläufel“ ein „ziemlich untergeordneter Beamter im Staatsdienst“ ist. Im Lauf der Lektüre erschließen sich allerdings viele Begriffe durch ihre Ausdrucksstärke und den Zusammenhang von selbst. Trinkt jemand beispielsweise in einem „Beisl“

(„Eckbeisl“, „Gürtelbeisl“) ein „Fluchtachterl“, so weiß der Leser, dass unser Mann sich bald auf den Heimweg macht, was allerdings für die Protagonisten der besprochenen Geschichten kaum zutrifft, weil aus einem Fluchtachterl immer mehrere werden.  Gegen Ende der Lektüre liest man dann einen Satz wie „Waun Se sunst niks zum Tuan haum, tan S kontrollian“, ohne auch nur einmal zu stocken.

Doch nicht nur die Sprache trägt viel zu der Authenzität der dargestellten Erzählungen bei. Die 23 Wiener Bezirke (und ein angehängter 24. Bezirk „Draussen“) sind alle in ihrer genauen Topgraphie, mit ihren Straßen und Gebäuden dargestellt und bilden den Hintergrund für entsprechende Geschichten. Soziologisch gesehen ist ein Grätzel ein „Bezirksteil, der städtebaulich und/oder sozial als Einheit wahrgenommen wird.“ Was das für Menschen bedeutet, wo und wie sie leben, davon erzählen diese Grätzelgeschichten.

Jenseits aller Heurigenromantik begegnen wir echten Typen. In ihrer Umgebung haben sie sich recht und schlecht eingerichtet. Da erzählt beispielsweise Gerald Jatzek aus dem Bezirk Simmering, in dem sich der Wiener Zentralfriedhof befindet, „aus dem Leben eines Schlawiners“ namens Prozentinger. Dieser nimmt Witwen die Grabpflege ab, indem er Blumen von anderen Gräbern klaut, mit der Begründung: „Der Tote an und für sich hat nichts. Nicht einmal das Leben.“

In Penzing befindet sich mit dem Hanappi-Stadion die Heimat des SK Rapid Wien. So versteht es sich von selbst, dass es eine Geschichte von Beppo Beyerl über einen „Austrokicker“ gibt, dessen Karriere allerdings nach einigen vielversprechenden Transfers im Büro des Hadersdorfer Sportvereins endet. Und während jeder übliche Reiseführer Touristen nach Döbling mit seinen Weinbergen und Weinkneipen schickt, damit sie dort einen schönen, alkoholseligen Abend verbringen, gehen alle drei Geschichten, die in diesem Bezirk spielen, schlecht aus. Da verschwindet eine Frau aus einem Lokal und fällt einem Prostituiertenmörder in die Hände, jemand wird im Weinkeller eingesperrt und – noch die harmloseste Variante – ein Schnorrer muss mehr bezahlen, als er sich jemals vorstellen konnte. Bei dieser letzten Geschichte von Manfred Chobot wird deutlich, wie die Erzählungen so ganz beiläufig die jeweilige Gegend mit ihrer Geschichte einbeziehen. Auf dem Weg in das Restaurant, das dem Schnorrer zum Verhängnis werden wird, passieren die drei Freunde nämlich den Karl-Marx-Hof und so wird ganz en passant das berühmte Gebäude erwähnt.

53 Geschichten enthält das Buch. Ernste und lustige, wobei auch letztere zumeist einen ernsten Kern haben, der sich hinter Ironie verbirgt. Da gibt es unter anderem den „Rudl“, der seine Intelligenz „zum flexiblen Ausnutzen des Sozialsystems“ einsetzt und mit seiner kleinen Stieftochter „lustige Filme“ dreht. Oder nehmen wir Franz Szelly aus der Erzherzog-Karl-Straße. In einer „Abwehrschlacht am Heldenplatz“ in Aspern sticht er mit einem ausgeliehenen Bajonett aus dem Jahr 1809 einen serbischen Jugendlichen tot. Oft sind es die armen Schweine in der Gesellschaft, die den Kürzeren ziehen. Alte Leute, die niemand braucht, Menschen ohne „Unterstand“ und Ausländer, die sich integrieren, „indem sie lernen, dass für ihre Kinder kein Platz ist.“ Auch politisch geht es in den Geschichten nicht besonders ehrlich zu. Illegale Parteienfinanzierung darf nicht aufgedeckt werden und einem gewissen Lucky Joe verhilft seine kriminelle Karriere zu besten Kontakten in der höheren Gesellschaft. Ein Schuft, der Böses dabei denkt.

Mehrere Geschichten von Gerald Jatzek haben Sehnsüchte von Jugendlichen zum Thema. Er erzählt von Halbwüchsigen, die ihren boxenden Freund „Champ“ nennen oder von einem Pärchen, das von wildem Motorradfahren Jahre später zu einem familienfreundlichen Wagen übergeht. Wenn man liest, wie er dieses Pärchen poetisch beschreibt, das der „Welt einen Haxen ausreißt“, das fährt wie es will, denn was „sind schon Sperrlinien, wenn man ewig lebt“, dann weiß man, dass diese Geschichte aus der Feder von Gerald Jatzek stammt. Denn in den meisten Fällen kann man die Handschrift des jeweiligen Autors erkennen. Erscheint die Handlung besonders skurril und mit Wortspielen ausgeschmückt, hat meist Beppo Beyerl die Geschichte geschrieben. Wie das wahnwitzige Gespräch unter Saufkumpanen, die sich ständig unterbrechen, ständig von der Straßenbahnlinie 60 reden und den „Herrn Zeichl“ mit dem „Herrn Reichl“ verwechseln. Manfred Chobot hingegen besticht oft durch seine lakonische Erzählweise, bei der durch einzelne Sätze ganze Geschichten in der Geschichte durchschimmern. Da stirbt einem Ehepaar in dem Einkaufzentrum Shopping City Süd sein Hund. Er wird in einen leeren Fernsehkarton gepackt und „Susanne unterdrückt die Tränen und blickt sich nach der Schachtel um, in der ihr toter Schäferhund Rex liegt.“ Was der Tod des Hundes eigentlich für sie bedeutet, erklärt der nächste Satz, der als einfache Feststellung daherkommt: „Bislang haben Susanne und Engelbert noch kein Kind.“

Zum Abschluss sei noch Manfred Chobots Geschichte „Gstandene Raucher“ erwähnt. Sie nimmt, politisch herrlich inkorrekt, die Nichtrauchervorschriften auf die Schippe, indem sie völlig unterschiedliche Dinge mit dem Rauchen zusammenbringt. Gsundheitswürstln“ werden mit Nazis verglichen und es gibt den Vorschlag, wieder öfter in die Kirche zu gehen, um Weihrauch zu inhalieren. Weiterhin wird erwähnt, dass die Kriminalität von Müttern, die in der Schwangerschaft geraucht haben, „um 30 Prozent ansteigt“. Worauf die Frage im Raum steht „was und wie viel haben die Mütter unserer Politiker geraucht.“

Gerald Jatzek · Beppo Beyerl · Manfred Chobot
Der Hund ist tot
Löcker
2012 · 330 Seiten · 24,80 Euro
ISBN:
978-3-854096177

Fixpoetry 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge