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Kritik

„Zusammenziehung der Beckenbodenmuskulatur”: Falkners Phallophantastik

Hamburg

Manchmal beginnt eine Lektüre unglücklich. Man blättert, was sich sonst nicht mache, das eben vom Paketboten gebrachte Buch durch – und beginnt eine Seite zu lesen, die vielleicht die schlechteste des Buches sein mag.

Zum Beispiel eine Seite, auf der die Theodizeefrage vorgetragen wird, jedoch dann gesagt wird, so stehe es „bei Epikur, der es nach dem Kirchenvater Lactantius zitiert.” Und man stutzt.

Denn erstens ist es nicht nur falsch, sondern auch wenig plausibel, daß Epikur diese Frage formuliert hätte; in der Tat wird das auch nur von Lactantius behauptet. Zweitens ist damit schon die Chronologie angedeutet, 250 bis nach 317 lebte Lactantius, Epikur etwa 341 bis 271 oder 270 vor Christus. Drittens zitiert selbstredend Lactantius Epikur, wohl, um seine frevlerische Überlegung, der er dann als christlicher Apologet konservative Antworten gibt, nicht selbst formulieren zu müssen, das Zitat ist als Zitat zuallererst taktisch. Viertens dürfte er dabei einen Skeptiker mit Epikur verwechselt haben.

Nun muß man das nicht alles sofort wissen, aber es erscheint fragwürdig, wenn man in seinem Buch alles so verdreht. Und es stellt sich die Frage: warum? Aus Schlamperei? Oder liegt darin eine narratologische Raffinesse? – Diese Frage läßt sich leider nicht schmeichelhaft beantworten, denn die Apollokalypse bringt keine Aufhebung der Zeit, auch ist der Fehler nichts, was dann einer Charakterzeichnung entspräche; dies passierte und rutschte auch durchs Lektorat. Sollte es anders sein, so müßte das Wahrscheinlich-nicht-Manöver besser gearbeitet sein.

Mich versöhnte der Roman noch kurz, wiewohl er sich für mich zunächst ausnahm, als wäre er um dieses Mißgeschick gebaut. Denn dann ist der Roman, der diese unglückliche Passage erst recht erstaunlich macht, ja eben raffiniert, wo recht virtuos mit Versatzstücken humanistischer Bildung gespielt wird: Der Protagonist – Autenrieth – teilt die Wohnorte Berlin und Franken sowie seinen Jahrgang 1951 mit dem Autor, allerdings verbindet ihn sein Name mit dem Arzt von Friedrich Hölderlin, wie es auch sonst im Text zahlreiche nicht unwitzige Anspielungen gibt, angefangen bei Apollo, der entbergend eine Apokalypse oder Apollokalypse brächte, und bei Ovids Metamorphosen oder (Krypto-)Zitaten E.T.A. Hoffmanns oder Freuds noch längst nicht endend.

Durch dieses mitunter virtuose Spiel wird noch der Steglitzer Kreisel spannend, von dem ich seinerzeit gar nicht so weit entfernt wohnte, es erwacht ein Berlin, das abgeschnitten eine Parallelwelt der Improvisation zu sein scheint, in den 80ern und 90ern, manchmal so sehr Thema, daß man an Berlin Alexanderplatz denken könnte, wiewohl dessen Kohärenz und Dichte die Spiele Falkners nicht erreicht. Das Inkohärente – vor allem ist die Ironie dafür zu aufgesetzt (es ist doch hoffentlich Ironie?), wenn der Text schon so anhebt:

„Wenn man verliebt ist und gut gefickt hat, verdoppelt die Welt ihre Anstrengung, in Erscheinung zu treten.”

Oder:

„Gleich beim ersten Mal gelang ihr durch Zusammenziehung der Beckenbodenmuskulatur ein vollendeter Penis captivus.”

Altherrenphantasie N°3, ein Dialog, von dem unklar bleibt, ob er von der Frau imaginiert werde:

„»Ich möchte Sie ficken«, sagte der Mann mit sanfter Stimme.
»Sie haben sie ja wohl nicht alle«, sagte Amelie, »wie kommt so ein Kretin wie Sie überhaupt in diese Praxis?«
Sie wollte aufstehen, aber sie war wie festgeklebt auf diesem komischen Wartezimmerstuhl, wie festgeklebt.
»Ich kenne Ihre Gedanken, Amelie, Ihre schönen Gedichte sind weiter nichts als die Essenzen am Ende Ihrer schmutzigen Gedanken. Das Einzige, was sie [sic!] wirklich glücklich macht, ist ein großer Schwanz. Und der Teufel hat einen großen Schwanz«, setzte er nachdenklich hinzu.”

Nachdenklich, aha.

Hillgruber schrieb in der Zeit:

„In Erscheinung treten, Gestalt annehmen und diese in der Tradition des romantischen Doppelgänger-Motivs immer wieder wechseln: Um diese Fragen kreist mit unerhörter Sprachmacht und einem erstaunlichen Metaphernreichtum das epische Opus magnum des Lyrikers Gerhard Falkner. Kühn fasst es die Genres des Berlin-Romans und des Teufelspaktes in eins.”1

Das ist fast ein Werbetext, der jedenfalls einiges ausblendete, vor allem, daß der Text mehr als gefährdet ist, in Passagen und als Ganzes. So konstituiert sich der Roman, so zerfällt er, außer, man fing wie ich mit dem Zerfall schon an. Viele Ein- und zuviele Ausfälle…

Gerhard Falkner
Apollokalypse
Berlin Verlag
2016 · 22,00 Euro
ISBN:
978-3827013361

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