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Kritik

Höhlenbemaler und stumme Worte

Hamburg

Ein Markenzeichen der Lyrik Gerhard Falkners ist ihre mal direkte, mal hintergründige, stets aber nachvollziehbare Gesellschafts- und Kulturkritik. Diese findet nun ihre fulminante Essenz in seinem jüngsten Gedichtband Ignatien. „Die Welt ist online und die Ottern lachen“ – so heißt es in einem seiner zwanzig Gedichte, die er als Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs verstanden wissen will.  In der genannten Zeile aus Ignatia 5 ist gleichsam das Ziel des ganzen Bandes impliziert, nämlich den in fast jedem Lebensbereich durchdigitalisierten Menschen bloßzustellen, der sich der Natur, dem Leben und damit sich selbst entfremdet hat. Den Begriff Ignatien für seine Gedichte leitet Falkner ab von Samuel Hahnemanns Betrachtungen zur Ignazbohne, abgedruckt im Anhang des Buches. Der Begründer der Homöopathie empfiehlt die Gabe des Samens von Ignatia amara insbesondere bei Personen, die ihren Ärger in sich hineinfressen und dadurch depressiv zu werden drohen. Die Ignatia also als heilendes Ventil für den Autor, um nicht am Ärger über die reflektierten Gegenstände zu ersticken – klarer kann man als Lyriker die Lebensnotwendigkeit des eigenen Tuns dem Leser wohl kaum nahebringen.

Dieses Tun ist bei Falkner insbesondere ein tiefgründiger Umgang mit der Sprache, dazu gehört auch die Reflexion über ihren Stellenwert in der gegenwärtigen Kultur, wobei sich der Autor nicht scheut, das etwas altmodische Mittel der Personifikation zu gebrauchen („Es spricht die Sprache sich selbst wie kein Zweiter“, „Damit hat die Sprache Sprache und Sprache getraut“). Das Thema Sprache zieht sich wie ein Leitfaden durch die verschiedensten unter die Lupe genommenen modernen Lebensbereiche. Das Hauptstilmittel der Texte selbst ist phonetischer Art, allenthalben fallen alliterierende Rhythmen auf mit einem gekonnten Wechsel zwischen langen und kurzen Vokalen. Dabei vereint der Autor klangliche Zusammengehörigkeit einerseits und Semantik andererseits aufs Harmonischste.

„Den Träumen sind wir entschlafen / den Bild-, Bankett- und Blütenträumen / die vom Honig glühen. / Unsere Herzen schlagen für die Hologramme / Herodes / der Spötter, Tetrarch und Ehebrecher / erobert die Charts“ (Ignatia 5)

Der Seitenumbruch des Buches unterstützt mancherorts den Eindruck, dass viele Strophen semantisch derart dicht und in sich abgeschlossen sind, dass sie fast als Einzelgedichte gelesen werden können.

In einer seiner Igantien wird der Ur-Prozess des Aneignens von (dichterischer) Sprache thematisiert. Jeder, der sich lyrisch schreibend äußert, hat es sicher schon erlebt, das Kribbeln in den Fingerspitzen, wenn man Gedanken oder das gerade sinnlich Erfahrene in Schriftform fassen will. Den Bogen vom urmenschlichen Bedürfnis nach Mitteilung bis zur heutigen Schriftstellerei spannend, beschreibt Falkner es eingängig mit dem Gleichnis des Frühmenschen, der sich in kodierenden Bildzeichen übt: „ein Rudel Hirsche, Gazellen oder Springböcke / das hinaustobt bis in die Fingerspitzen / der Höhlenbemaler / Stiere und Zeichen, datiert von den Zerfallsgeschwindigkeiten / der Holzkohle“ (Ignatia 2). Doch unsere Schriftkunst, bisheriger Gipfel der zeichenhaften Artikulation, ist nicht von Dauer, ja sie degeneriert, wird obsolet: „das Zeichen verfehlt das Bezeichnete / hinter den stummen Worten / leuchten die stillen Weiten“ und sie endet vielleicht als „eine verstaubte Zirkusnummer“ (ebd.). Das gilt insbesondere für die Poesie, die heutzutage kaum eine Chance bekommt, überhaupt noch gehört/gelesen zu werden. Der Autor zeigt dies anhand der schönen Metapher der Engel auf, die angesichts des Wortballasts unserer Online-Kultur nicht mehr fähig sind, aufzusteigen.

„Engel sind heikel. / Schwarzfahrer sind sie der himmlischen Umzüge … Engel sind reine Innertheit. Entsetzlich zart. / Entsetzlich. / Zart wie die Gelüste einer Frau, zusammengehalten von einer Heftklammer … Die Engel liegen als Punks mit gepiercten Augen / vor den Portalen von Facebook.“ (Ignatia 9)

So wie dieses durchweht viele Gedichte ein recht starker pessimistischer Zug, der wohl auch dem Wunsch geschuldet ist, den Leser zum Nachdenken anzuregen, zum Beispiel in der Frage, ob räumliche Distanzen in globaler Dimension mittels des „Zyklopenauges der Webcams“ wirklich aufgehoben werden müssen. Webcams und Google Earth bringen uns zwar die Orte und Dinge näher, offenbar aber nicht den Menschen, was uns immer mehr in die eigene Isolation treibt.

„So klein inzwischen der Abstand zwischen Nepal und Neapel. / Legasthenisch winzig. Wie / die Lücke zwischen dem Jetzt und der Bahnsteigkante. / Erklärte Nacht. Gewaltig endet so das / Auslaufmodell Mensch.“ (Ignatia 4)

In letzter Konsequenz schafft der Mensch sich und seine Kultur also selber ab – eine These, die bereits der große Technik- und Medienkritiker Günther Anders in seinem Buch Die Antiquiertheit des Menschen I (1956) angerissen hatte und die heute in den Diskussionen um die Künstliche Intelligenz in Philosophie und Naturwissenschaften nicht mehr wegzureden ist. Demnach möchte man dem Dichter Gerhard Falkner fast schon seherische Fähigkeiten bescheinigen. Er stände damit in einer bemerkenswerten Tradition etwa mit Franz Kafka, der unter anderem der seinerzeit modernen Telekommunikationstechnik ebenfalls sehr skeptisch gegenüberstand und ihr die Funktion absprach, zwei Menschen einander näherbringen zu können. [s. dazu auch die Autorin „An Franz, den (Ein)-seher“ in der Reihe Dichtertotenbriefe – an K wie Kafka in diesem Feuilleton].

Nach den vielen hier aufgeführten kritischen Betrachtungen soll nicht unerwähnt bleiben, dass Falkner dennoch zwei Phänomene sieht, die der genannten sozio-kulturellen Abwärtsspirale Einhalt gebieten könnten: die Liebe und eben die Sprache.

„Dann aber plötzlich ein Du, eine Referenz, ein Objekt / eine Geliebte. / Gott, diese glitzernden prähistorischen Ebenen / auf deren schriftlosen Weiten die Hufe der Büffel / klappern wie bewegliche Lettern … Aber reden allein hilft nichts. / Ich brauche dein Wort als Beute, als Büffelgras / als Trommelschlegel. / Ich brauche, um bei dir zu schlafen, deine Beine als Text.“ (Ignatia 19)

Kongenial illustriert wird dieser faszinierende, da hochaktuelle existentielle Themen beleuchtende Gedichtband von Yves Netzhammer, einem Schweizer Künstler, dessen Bilder den Menschen als gesichtslose Marionette in eine kalte, ja entmenschlichte hyperreale Welt setzen.

Gerhard Falkner
Ignatien - Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs
Herausgeber: Manfred Rothenberger, Constantin Lieb und Institut für moderne Kunst Nürnberg, Filmstills: Yves Netzhammer Übersetzung: Ann Cotten, Jeremy Gaines
starfruit publications
2014 · 128 Seiten mit zahlr. Abb · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-922895-26-8

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