Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Poesie der physischen Präsenz

Hamburg

Als die Staatlichen Museen zu Berlin den Regisseuren Constantin Lieb & Felix von Boehm den Auftrag erteilten, zu der Ausstellung „Pergamon – Panorama der antiken Metropole“ eine Reihe von Kurzfilmen zu realisieren, entstand die Idee, lyrische Texte zeitgenössischer Dichter den antiken Fragmenten des Pergamon-Altars gegenüberzustellen. Die Wahl fiel dabei auf Gerhard Falkner, der sich nun dem Anforderungs-Dreiklang zwischen musealer Auftragsarbeit, Publikumsverträglichkeit und eigenem Werkanspruch ausgesetzt sah. Wie schafft man es, den Marmorfries poetisch treffend in Szene zu setzen, ohne sich in deskriptiven Notaten zu erschöpfen? Wie gelingt der Transfer zwischen archäologischem Ausgrabungsfund und metropolitaner Gegenwart? Falkner setzte sich zunächst einmal der rein körperlichen Präsenz des Pergamon-Altars aus, der Kraft der herausgemeißelten Muskeln, dem meisterhaft gestalteten Marmor, dem Schlachtgetümmel im Olymp: „Wo sich ein Gott in Szene setzt, da fallen/die Giganten.“ Die gewonnenen Eindrücke übersetzte er in eine gebundene Sprache, die klassische Versmaße wie Trochäen und Jamben sowie lockere Binnenreim-Strukturen nutzt,  um die Membranen zwischen musealer Inszenierung und  gegenwärtiger Technizität durchlässiger zu machen:

Asteria

Die Hand ist ergänzt. Dem Arm fehlt eine Schulter
Impuls. Die Brüche sind geglückt
Wo sich ein Gott in Szene setzt, da fallen
die Giganten. Alles atmet so die Gunst
der Stunde. Die Göttinnen packen die Helden
bei den Haaren und reißen sie wie Bäume
aus dem Boden . Die Unsterblichkeit
wird aufgehoben. Im Marmor herrscht Alarm
Die Mutter der Hekate, Schwester der Leto
reißt am Schopf den nächsten Helden nieder
Alles schwingt, die Hüften und Gewänder
Es existiert vom Schwert nur noch der Stoß
Der Rest ist Lücke, Zwischenraum, Fragment
Doch wie viel Gigabyte hat dieser Fries, welch
gigantisches Archiv birgt dieser Stein, dass
selbst die Klinge, die nicht mehr vorhanden
mit einem Schimmer von Unsterblichkeit
die Ewigkeit der Götter widerspiegelt

Ein Vers dieses Gedichts wurde kurz nach Erscheinen bereits von diversen Poeten kontrovers im Netz und den sozialen Medien diskutiert: „wie viel Gigabyte hat dieser Fries“ – Worte, die auch die Rückseite des Covers zieren. Vielen war dieser Satz zu prätentiös, zu kraftmeierisch, weil er zu plakativ versuche, die Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Ich persönlich finde den Vers großartig, weil der schiere Stein des Pergamon-Altars hier in das Gewicht der Jetztzeit übersetzt wird, das nicht in Tonnen und Kubikmetern, sondern in Datenmengen gemessen und damit zur Grundlage eines einzigartigen historischen Archivs wird. Der Clash zwischen kulturhistorischer Ausgrabung und popkulturellen Gegenwartsbezügen  findet sich auch an anderen Stellen. In dem Gedicht „Aphrodite“ heißt es: „Aphrodite, wie im Tanz, inneren Impulsen/von Kampf und Kühnheit folgend, von Rock’n’Roll/ tritt dem Giganten, dessen Schönheit selbst den Marmor/ aus der Fassung bringt, mit der Sandale in die Kehle/wie einem erschlagenen Hund…“ Und parallel dazu der Gigant Perseus? Von ihm heißt es weiter im Gedicht: „Man denkt sich/Perseus hätte diese Schenkel brauchen können/als die Gorgonen ihn verfolgten, wenn man nicht bedenkt,/dass Perseus eben diese Schenkel hatte, vom Rock'n'Roll...“ Ja, den ganzen Rock'n'Roll zwischen Menschen und Göttern, das Schlachtgetümmel von Giganten, Titanen und menschlichen Helden, Kriegsparteien, auf deren Seiten sich verschiedenste Gottheiten tummelten, den ganzen rumble in the jungle verdichtet Falkner zu einer Poesie der physischen Präsenz, die in die Transzendenz der Gegenwart mündet, am Ende des Gedichts sogar mit einem hoch modernen Gedanken: „Die Frauen, die als Göttinnen den Fries /durchkämpfen, sind den Männern gleichgestellt an Kraft/nicht jedoch an Schönheit überlegen/(ein großer griechischer Gedanke!)“  In einer Zeit, in der die  Ratingagenturen der profanen politischen Wirklichkeit den Wert der Wiege des Abendlandes auf nicht nur monetäres, sondern auch kulturelles Ramschniveau heruntergestuft haben, geradezu unerhörte Verse.

Dem Band liegt eine DVD bei, auf der 5 Gedichte des Pergamon-Zyklus von Schauspielern der Berliner Schaubühne rezitiert werden. Das Gedicht „Asteria“ beispielsweise wird von der Schauspielerin Judith Engel gesprochen. Zunächst zeigt eine unscharfe Sequenz eine Marmortreppe, dann Teile des Frieses, schließlich ein Schnitt auf die Schauspielerin, die in Tiefenschärfe und geradezu hyperrealer Farbgebung zu sehen ist. Die Kamera fokussiert sich sind nur auf das Gesicht und die nackten Schultern. Judith Engel hebt den Kopf und öffnet langsam die Augen, als erwache sie aus einem tausendjährigen Schlaf. Sie beginnt, das Gedicht zu zitieren, bei entsprechenden Textstellen erfolgen rasche Schnitte auf die angesprochenen Wahrnehmungen im Fries oder auf körperliche Details der Schauspielerin, ihr Auge, ihre Kehle. Die Intensität, mit der die Schauspielerin den Betrachter und Hörer mustert, spiegelt etwas wider von der hypnotischen Kraft des Kunstwerks, aber auch von der schutzlosen Intimität der Körper. Die Schauspieler Eva Meckbach, Tilman Strauss, Sebastian Schwarz und Jenny König stehen Judith Engel übrigens nichts nach, was die Eindringlichkeit  der Darstellung und des Sprechens angeht. Ihnen allen ist die Freude anzumerken, die Lust an diesen lyrischen Texten, die auf artistische Weise hohen Ton, austarierte Rhythmik und prosaische Gegenwartswahrnehmung miteinander verquicken.  Und obwohl man das Fries und die Gesichter und Körper der Schauspieler sieht, steht doch eindeutig das Wort im Zentrum dieser Videoclips. Man folgt unwillkürlich dem verbalen Farbenspiel. Der changierende Wechsel in den Tonlagen findet manchmal in einem einzigen Satz statt, gerade eben noch schwelgt Falkner in erhabener Stimmung, dann folgt plötzlich ein flotter Ausflug ins Flapsige wie in dem Gedicht „Zeus“:

Und mittendrin
in diesem Machtgetöse
ein weit ausgreifender Zeus
ein Muskelspiel, das nicht von dieser Welt –
dabei ist es von diesem Gott
nur fünf Minuten bis zum Alexanderplatz.

So schnell gelangt man vom Göttervater auf einen billigen Platz des Konsums und Kommerzes in Berlin. Aber es geht auch umgekehrt: „Heute schaffen Menschen Metropolen /Griechen schufen damals den Olymp! // Wer nicht nach oben blickt/findet das Höhere nie: Ihr glaubt es nicht: / Anruf bei Goethe genügt!“ Klassik und Gegenwart auf engstem Raum: Hier Olymp, dort profanes Goethe-Graffiti. Und doch – der flotte Spruch als Anrufung des Höheren.

Die „Pergamon Poems“ sind ein Zyklus, der 20 Gedichte Falkners umfasst. Der Band ist – der Titel legt es nahe – zweisprachig angelegt, die Übersetzung von Mark Anderson ins amerikanische Englisch ist kompetent, obwohl einem gerade bei Übertragungen von Falkners Gedichten in andere Sprachen oft das alte Diktum einfällt: „Poesie ist das, was bei der Übersetzung verloren geht.“ Neben den Gedichten findet sich ein ebenfalls zweisprachig verfasstes Nachwort der Regisseure Constantin Lieb und Felix von Boehm. Unter dem Titel „Begegnung und Echo – Der Tanz der Gedichte um das achte Weltwunder“ liefern sie interessante Hintergründe  zum Projekt der Pergamon Poems, das nicht zuletzt zum Ziel hatte, das Komplexe mit dem Einfachen zu verbinden. Vor diesem Hintergrund nehmen sich einige formale Abstriche an diesem Band wie marginale Mäkeleien aus. Der in der Gestaltung seiner Bücher sonst so sichere Kookbooks-Verlag hat hier – so finde ich – danebengegriffen. Das beginnt mit dem Cover, das ein wenig billig daher kommt (obwohl der Band es mit seinen 60 S. für 19,80 € wahrlich nicht ist). Der Grund: Autoren- , Titel- und Zitatangaben wurden mit einem simplen Aufkleber aufs Cover gepappt, was den schönen Illustrationen von  Andreas Töpfer einiges an Wirkung nimmt. Auch die komplette Fettsetzung der Gedichte stört, ebenso, dass man für die englische Übersetzung jedes Mal umblättern muss, weil sie dem deutschen Gedicht nicht gegenübersteht. Das mag seine Absicht haben, deren Sinn mir aber verschlossen bleibt. Doch wie gesagt : Das sind formale Mäkeleien, die den Gesamteindruck des Bandes keineswegs trüben können. Denn er vereint, wie Gustav Seibt in einer Rezension schon schrieb, auf virtuose Weise „das älteste Medium der Menschheit, die mündliche Dichtung, mit ihrem jüngsten, den Videokanal...“ Am Ende steht ein synästhetischer Genuss ersten Ranges.

Gerhard Falkner
Pergamon Poems
Übersetzung:
Mark Anderson
Kookbooks
2012 · 64 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-937445519

Fixpoetry 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge