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Kritik

Grün gewandet und mehr

Zwischen Iran und Deutschland
Hamburg

Der Gedichtband grüngewandet von Gerrit Wustmann ist etwas Besonderes. Er ist literarisch angesiedelt zwischen dem Iran und Deutschland, und das zeigt schon die Art und Weise, wie er konzipiert wurde. Er enthält nämlich nicht nur die deutschen Gedichte von Gerrit Wustmann, sondern auch ihre Übersetzungen ins Persische, die von Mahmoud Hosseini Zad stammen. Liest man den Band aus quasi abendländischer Sicht von vorne, stehen die deutschen Texte im Mittelpunkt. Nimmt man die andere Perspektive, so sind es die persischen Übersetzungen. Insofern weist schon die Aufmachung darauf hin, um was es in dem Gedichtband geht: um die Begegnung dieser beiden Kulturen, um ihren Dialog miteinander. Und vielleicht geht es ja auch noch um ein bisschen mehr. Das jedenfalls legen die Gedichte von Gerrit Wustmann nahe, die darin zu finden sind.

Der Anspruch von Gerrit Wustmann jedenfalls ist hoch. Das verdeutlicht schon sein Prologgedicht, das diesen Band eröffnet. Es heißt welten und rückt die beiden Dichtergrößen der persischen und der deutschen Kultur Hafiz und Goethe in den Mittelpunkt: 

welten

hafiz und goethe
spazieren
korrigieren
den kompass.

Spazieren gehen? Den Kompass korrigieren? Ihn neu ausrichten und vielleicht sogar eichen? Richtungweisend waren die beiden großen Dichter in ihrer Zeit allemal. Schließlich hat Goethe Hafiz rezipiert und ihm damals mit dem  West-östliche Divan  ein berühmtes  Denkmal gesetzt (1819, erweitert 1827), das unvergessen ist. Es war eine west-östliche Begegnung, die in der Kultur beider Länder ihre Spuren hinterlassen hat. Aber wie ist es heute? Sind die beiden großen Dichter auch heute noch Vorbilder für west-östliche Begegnungen?  

Damit ist der Weg vorgezeichnet, den sich Gerrit Wustmann vorgenommen hat.  Er reist zu persischen Dichtern wie Neẓāmī-e Gandschawī  und Deyed Ali Salehi oder Mahmud Doulatabadi und Sadegh Hedayat und setzt sich mit  Heldenfiguren auseinander wie Madjnun Layla, Rostan und Tahmine oder auch Zal und Rudaba, die zur persischen Mythologie gehören. Er ist unterwegs von Shiraz nach Teheran, von Alborz nach Tabriz, und taucht ein in die Farb- und Bilderwelten, die ihm da entgegenkommen. Er geht ihnen literarisch nach, lotet sie aus und öffnet ihnen neue Räume, ja, neue Gestaltungsräume. Das ist spannend. Die Reise, die Gerrit Wustmann unternimmt, ist eine Reise in die Jahrtausende alte persische Kultur und ihre islamischen Fundamente. Sie ist zugleich aber auch eine Reise in unsere Gegenwart, die mit diesen literarischen Traditionen konfrontiert wird und sich ihnen stellen muss. Fließt dieser Strom weiter oder kommt es zu einem Bruch? Die Farbe Grün  steht ja nicht nur für den Propheten Mohammed und das Paradies,  sondern auch für die Grüne Bewegung. Diese entstand 2009 im Iran nach massiven Wahlfälschungen und wurde blutig niedergeschlagen. Den Kompass korrigieren? Ihn neu ausrichten? Ihn vielleicht sogar (wieder) eichen?  

grüngewandet

nach jahren hob ich
meinen blick von deinem grünen kleid
deine blauen augen schluckten
jedes rot
von acht zimmern unseres hauses
blieben sieben
nach jahren hob ich
meinen blick und meine leber brannte
saghi, schenk mir ein

Das ist das Gedicht, das dem Band von Gerrit Wustmann seinen Titel gab. Es rückt einen Vers von Hafis in den Mittelpunkt und setzt sich mit ihm auseinander. Worum geht es in dem Gedicht? Um Sinnliches? Um Übersinnliches? Es ist mehrdeutig und spielt mit seiner bildhaften Sprache.  

Ein Gedichtband, in dem sich zwei alte Kulturen begegnen und literarisch neu miteinander ins Gespräch kommen. Ein Gedichtband, der mit seiner bildlichen Kraft Fragen stellt und seine Leser in Frage stellt.

Gerrit Wustmann
grüngewandet
sabzpush
Ins Persische übersetzt von Mahmoud Hosseini Zad
sujet verlag
2014 · 78 Seiten · 12,80 Euro
ISBN:
978-3-944201-31-3

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