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Kritik

Begegnungen mit Istanbul

Hamburg

Ich kenne Istanbul nicht. Ich war nie dort. Der Dichter Gerrit Wustmann dagegen weiß etwas über Istanbul, was er mir in seiner Poesie anvertraut. Er hat einige Jahre dort gelebt und ist dieser Stadt direkt begegnet. Die Erweiterung dessen sind seine Gedichte.

Wustmanns Istanbul-Gedichtzyklus umfasst drei Bände, die seit 2010 und im Zeitraum von fünf Jahren entstanden. "Beyoglu Blues", "Istanbul Bootleg" und "Taksim Tango" heißen sie. Liest man alle drei hinter- oder nebeneinander, entspinnt sich eine Geschichte. Liest man die Bände in der Reihenfolge des Entstehens, zeigt sich eine Entwicklung. Die Bewegungen der Stadt, die Veränderungen werden deutlich, vor allem in "Taksim Tango". Wustmanns Gedichte beleuchten von Band zu Band mehr die politische Lage. Der Dichter arbeitet viel mit Metaphern, und oft gibt erst die Begriffserklärung im Anhang Aufschluss. Erst wenn der Leser weiß, was es mit Pinguinen, Glühbirnen oder Töpfen und Pfannen auf sich hat, eröffnet sich der Bezug zu den Demonstrationen rund um den Gezi-Park. Es gelingt dem Autor hier sehr gut, eine Stimmung des Widerstands einzufangen. Die oft verwendeten türkischen Worte, die man nachschlagen muss, wenn man die Sprache nicht kennt, mögen zunächst hinderlich erscheinen, bereichern aber im Sinne von Authentizität. Und auch ohne dieses Wissen wirken die Gedichte. Denn über allem klingt die poetische Melodie des mit dem Rhythmus der Stadt verbundenen Autors.

Wustmanns Gedichte sind meist kurz und sehr dicht. Manche, besonders in "Beyoglu Blues", erinnern schlicht an Haikus, manche sind reich an orientalischer Fülle – die Worte vielleicht zugeflogen über die Dächer wie die Gebetsrufe des Muezzins. Es gibt in der Luft keine Grenzen.

Beginnt man zu lesen, ist es zunächst wie ein Schweben über der Stadt, ein erstes Erspüren der Atmosphäre. Das erneute Lesen fokussiert. Der Schwebende greift zum Fernglas und zoomt sich heran. Er betrachtet Ornamente, er sieht und hört und lauscht. Er spaziert durch den Bazar. Er riecht die Minze im Tee, kostet vom Raki und spürt die Katze, die ihm um die Beine schleicht. Er atmet Meer. Die Gedichte sind sinnlich erfahrbar.

Die Lyrik des Dichters ist bilderreich mit sich oft wiederholenden Zeilen, die die Inhalte vertiefen. Immer wieder tauchen als Motiv Katzen auf, das Lachen der Möwen, die Farbe Grün, Tee, Regen, Nebel. Zeilenbrüche finden sich überall, Schicht um Schicht wird sichtbar, vieles bleibt doch doppeldeutig.
Besonders in den ersten beiden Bänden bezieht sich Wustmann auf literarische Werke türkischer Autoren, unter anderem auf Orhan Velis Lyrik, auf Orhan Pamuks Roman „Schnee/kar“, und immer wieder auf Ahmet Hamdi Tanpinars „Uhrenstellinstitut“, aber auch auf Jörg Fausers Aufenthalt in Istanbul.

Der neueste Band, "Taksim Tango", ist in fünf Kapitel unterteilt. Das erste heißt "#widerstand" und ist sicher das politischste.

das lied der gasmaskentage
wie weißer nebel zieht
ein blues durch die gassen
im orangen schimmer einer laterne
steht einer und wartet …

In den Versen finden sich vielfach Hinweise auf die „Straßenlyrik“, die sich seit der Niederschlagung der Gezi-Proteste verbreitete – Gedichte als individuelle Zeichen des Freiheitsbestrebens auf Straßen und Wände geschrieben.

Das zweite Kapitel trägt den Titel des Bandes, man sieht das Coverbild vor sich: ein tangotanzendes Paar trägt Gasmasken – Wir tanzen trotzdem! "#taksim tango" ist ein einziges drei Seiten langes Gedicht, das für einen friedvollen Auf- und Widerstand plädiert und sich dabei direkt auf die Geschehnisse am Gezi-Park und Taksim-Platz bezieht.

hinter blickdichten vorhängen
schweben unsere wünsche und morgen
morgen werden wir wieder hier sein
mit bunten regenschirmen am brunnen
und alle werden wir rote kleider tragen
und tango tanzen in den straßen
von letzter nacht [...]

Es folgen Kapitel drei, "#grenzgebiete", und vier, "#berlinistanblues". Das vierte Kapitel erzählt von der Liebe, von Begegnungen und vom Verlassen (werden) und verweist in seiner Stimmung bereits auf das letzte Kapitel, "#abschied".

wie ein rudel dürrer junger welpen
wirft man sich auf alles was satt macht
bis es wehtut jedes foto
löscht eine erinnerung
in jeder dunklen gasse schimmert
das meer in trüben augen
die nichts mehr sehen wollen
jede idylle ist eine lüge von vergänglichkeit

Der Kreis schließt sich. Es sind Abschiedsgedichte, wehmütig und traurig, der Dichter verlässt die Stadt und verbeugt sich ein letztes Mal vor ihr, bevor er heimkehrt. Gerrit Wustmanns Gedichte brachten mir auf subtile Weise eine Stadt nahe, die mir seltsam fern schien. Dabei folgte ich staunend der merklichen Entfaltung des Dichters, der sich in dieser Stadt fort-bewegte.

Alle drei Bände sind zweisprachig. Die Übersetzung ins Deutsche stammt von Miray Atli. Erschienen sind sie im Binooki Verlag. Der kleine Verlag der engagierten türkisch-deutschen Schwestern Selma Wels und Inci Bürhaniye mit Sitz in Berlin hat das erklärte Ziel, moderne türkische Literatur in Deutschland bekannter zu machen. Eine große Herausforderung auch politischer Art, wie es scheint, denn seit der Herausgabe ihres Buches über die Gezi- Demonstrationen erhalten die beiden keine Fördermittel mehr aus der Türkei.

 

Anmerkung der Redaktion: Der erste Band der Istanbul Trilogie erschien unter dem Titel Beyoglu Blues im Fixpoetry Verlag. Das Buch ist leider vergriffen, jedoch als E-Book bei Binooki erhältlich. Hier eine Aufzeichnung der Release Veranstaltung in Köln am 27.11.2011 mit Gerrit Wustmann und Oya Erdogan.

 

 

Gerrit Wustmann
Taksim Tango
Binooki
2016 · 96 Seiten · 12,90 Euro
ISBN:
978-3-943562-54-5

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