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Kritik

„wie der herzschlag im wasser / des bosporus“

Einen stimmigeren Ort für die Lesungspremiere von Gerrit Wustmanns jüngst erschienenem deutsch-türkischen Gedichtband Beyoğlu Blues hätte es kaum geben können: Das Theater „Arkadas“ in Köln, jene seit anderthalb Jahrzehnten für die interkulturelle Verständigung arbeitende  „Bühne der Kulturen“, verwandelte sich am vergangenen Sonntag in ein eindrucksvolles Szenarium der Poesie.

FIXPOETRY-Gastgeberin Julietta Fix hatte den Abend auf bedachte Weise in zwei Hälften unterteilt. Nach einer Einführung in die poetische Welt von FIXPOETRY kamen in der ersten Hälfte drei Autoren zu Wort, die auf facettenreiche Weise das weite Spektrum der zeitgenössischen Lyrik repräsentieren und mit ihrer Dichtung zugleich die poetischen Koordinaten sichtbar machten, in denen Gerrit Wustmanns Lyrik verortet ist.

Den Auftakt des Abends gestaltete Frank Milautzcki, der mit Fug und Recht nicht nur als einer der profiliertesten literarischen Essayisten im deutschsprachigen Raum gelten kann, sondern darüber hinaus als Lyriker eine außerordentlich eigenständige Bildsprache entwickelt hat. Dass „Poesie (...) geschieht, während das Ich geschieht“, ließ der behutsame und feinsinnige Vortrag Milautzckis bis in die Tiefe eindringlich und lebendig erkennen. Eine andere Facette der Poesie zeigte im Anschluss daran Andrea Karimé, deren sprachspielerische Kompositionen leichtfüßig wie überraschend zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen flanieren – und darin vermitteln. Auf diese Weise berührten ihre Gedichte das Publikum ebenso wie die Auszüge aus der satirischen Kolumne der „Blanka Beirut“, die allwöchentlich im Feuilleton auf fixpoetry erscheint.  Kontrastprogramm vor der Pause: Mit Amir Shaheen kam schließlich ein Lyriker zu Wort, der seit vielen Jahren in seinen poetischen „Short-Cuts“ auf unverwechselbare Weise Augenblicke des Alltags und der Populärkultur fruchtbar macht für jene einprägsamen Weltmomente, die nur die Poesie ermöglicht.

Damit war der Rahmen gesteckt für den zweiten Teil des Abends, der nach einem kurzen Umbau die Bühne atmosphärisch in ein Licht aus Beyoğlu-Akzenten tauchte.  Ein Interview mit Gerrit Wustmann und Oya Erdoğan stand am Beginn. Im Gespräch mit Julietta Fix wurde deutlich, wie intensiv sich Wustmann mit der Stadt Istanbul auseinandergesetzt hat – nicht nur in seiner Eigenschaft als Orientalist, sondern vor allem auch in der persönlichen Begegnung. Die Rezitatorin Oya Erdoğan, von Haus aus Philosophin, inzwischen aber auch mit eigener Lyrik an die Öffentlichkeit getreten, lobte indes eindringlich die türkische Übersetzung des Bandes durch Miray Atli.

Die an dieses Interview  anschließende, zweisprachige Lesung aus Beyoğlu Blues erwies sich – ungeachtet der starken lyrischen Stimmen im ersten Veranstaltungsteil – als Höhepunkt des Abends. Gerrit Wustmanns Zyklus über das alte Istanbuler Stadtviertel ist ein fein gearbeitetes Geflecht, in dem Kulturen einander begegnen und – vermittels der unvergleichlichen Möglichkeiten der Poesie – zum Ausgleich gelangen. Zuvörderst erweist sich der Autor darin als ein sehr genauer, hochsensibler Beobachter jener Stadt, die wohl wie keine andere Metropole für die Verflechtung östlicher und westlicher Einflüsse steht. Tief greifen Wustmanns Verse in das Blau zwischen Himmel und Meer, oszillieren zwischen Sinnlichkeit und Sehnsucht und sparen dabei auch das Dunkle nicht aus. Im Bewusstsein der Tradition – Wustmann flechtet in seine Verse Reminiszenzen an Autoren wie Sait Faik, Nazim Hikmet, Orhan Veli und Jörg Fauser ein – wird der Zyklus zu einem komplexen, farbenreichen Kaleidoskop, in dem das Vorfindliche synästhetisch ineinanderfließt. Es ist gerade diese subtile, im Alltäglichen nie ganz greifbare Verschmelzung disparater sinnlicher Erfahrungen, die sich in Wustmanns Wendungen wie etwa der vom „klang der blicke / auf dem rücken einer schönen frau“ oder der vom „blick, der schwarz ist / wie der herzschlag im wasser / des bosporus“ nachhaltig einprägt. Indes führte die Lesung vor Augen, wie entschieden diese Dichtung jeder Beschaulichkeit widersteht und sich stattdessen als äußerst  empfänglich erweist für die unterschiedlichen, ja auch: gegensätzlichen und widersprüchlichen Phänomene des heutigen Istanbul, das stellvertretend stehen mag für die so unverzichtbar gewordene Begegnung und Verständigung der Kulturen. Dass es Gerrit Wustmann gelingt, aus dem disparaten Erfahrungs-Material der west-östlichen Metropole eine derart eigenständige poetische Einheit zu gewinnen, ist die größte Leistung seines Werkes.

Die warmherzige, bedachte, einfühlsame Stimme des Autors trug das ihre dazu bei, die Vielschichtigkeit der Gedichte aufzuschließen für das Publikum. Sichtlich beeindruckt lauschten die Besucher nicht nur Wustmanns Vortrag, sondern auch den von Oya Erdoğan kongenial gelesenen Übersetzungen, die zugleich die klanglichen Schönheiten des Türkischen offenbarten. An einigen Stellen wurde daraus ein faszinierender Sprudel melodischer Paraphrasen und am Ende sogar Gesang.

Auf feinsinnige Weise war die Lesung eingebettet in ein eigens für diesen Abend von dem Hamburger Musiker Thomas Lebioda geschaffenes Klangwerk zu Beyoğlu Blues, das die poetische Struktur des Zyklus musikalisch weiterführt und akzentuiert. Auch die visuellen Akzente, die Korinna Feierabend verantwortete, trugen zum nachhaltigen Eindruck dieser Lesung bei. Insgesamt ein äußerst gelungener literarischer Abend, der das Publikum reich beschenkte. Es dankte den Akteuren mit lang anhaltendem Applaus.  –  Zu wünschen bleibt, dass dieses Programm noch an vielen anderen Orten im deutschsprachigen (und vielleicht auch: im internationalen?) Raum zu sehen sein wird.

Beyoglu Blues, Lesung. Oya Erdogan und Gerrit Wustmann
Inszenierung: FIXPOETRY.com und Verlag, Julietta Fix

Gerrit Wustmanns „Beyoglu Blues“ auf der „Bühne der Kulturen“
Fixpoetry Verlag bei Horlemann
2011

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