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Kritik

Wieviel Loslassen, wieviel Heimkehr

Gertrud Leuteneggers Roman „Panischer Frühling“ vernetzt Erinnerungen im Auf und Ab der Gezeiten
Hamburg

Immer wieder sind es Extremsituationen und Ausnahmezustände, die Gertrud Leuteneggers Figuren befreien. So auch in ihrem neuen Roman „Panischer Frühling“. Hier bemüht die Autorin ein reales Ereignis: Den Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, der im Frühjahr 2010 mit seinen Aschewolken den Flugverkehr über den Britischen Inseln lahmlegte. Leuteneggers Erzählerin befindet sich zu dieser Zeit im Londoner East End. Was genau sie dort macht, erfährt man nicht. Nach ihrem „Auftrag“ gefragt, erwidert sie schlicht: „Allem fern sein, um allem nah zu sein.“ Sie unternimmt Streifzüge durch die Stadt, während der Fernseher auf dem Mikrowellenherd eines pakistanischen Restaurants die gewaltige Naturkatastrophe in absurder Verkleinerung zeigt.

Doch ist es gerade der Stillstand am Himmel, der ihr Inneres in Bewegung versetzt: Erinnerungen brechen ein ins Jetzt und lassen die Zeiten verschmelzen. „Ich ging unter dem Frühlingsregen durchs East End und trug das Waldzimmer in mir“, stellt die Erzählerin – zunächst irritiert, dann beglückt – fest. Das grün tapezierte Zimmer, in dem der bewunderte, aber unnahbar bleibende Vater schlief, wird zu einem lebendigen Erinnerungsraum mitten im hippen London.

Ihre Kindheit assoziiert die Erzählerin vor allem mit dem Pfarrhof ihres Onkels, in dem die Familie ihre Sommer verbrachte. Es gab darin nicht nur das Waldzimmer, sondern auch den roten Salon, das blaue Kabinett, einen unheimlichen Dachboden sowie einen von Schleiereulen bewohnten Glockenturm. Nicht zu vergessen all die dämmrigen Gänge, die den Kindern einen regelrechten Abenteuerspielplatz boten. Jene rätselhafte Zeit an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenwerden evoziert die Autorin in einfacher und zugleich poetisch-mehrdeutiger Sprache: „Allein in einer der am dichtesten bevölkerten Städte der Welt war mir mit einem Mal, als sei ich vielleicht in jenem stets nur für einen Sommer geliehenen Haus, gerade wie kein anderes von der unerbittlich ablaufenden Zeit bedroht, am geborgensten gewesen.“

Ein Stück Geborgenheit, oder zumindest ein Gegenüber, bei dem sie ihre Erinnerungen verwahren kann, braucht sie jedoch auch in der Fremde. Sie findet es in Jonathan, einem jungen Mann, der am Ufer der Themse Obdachlosenzeitungen verkauft. Ein Feuermal entstellt eine Hälfte seines Gesichts und verdoppelt ihn gleichsam. „Aus einer fernen Epoche herkommend“ erscheint ihr sein Profil, während sie ihn beim Reden betrachtet; auch in ihm also verschmilzt Vergangenes und Gegenwärtiges.

Wenn gerade keine Käufer anstehen, erzählt Jonathan von seiner Kindheit in Cornwall, von seiner Großmutter, die ihn vor der Grausamkeit der anderen Kinder beschützte. Nach dem Tod des Vaters lebte Jonathan bei ihr. Gemeinsam unternahmen sie ausgedehnte Fahrradtouren, die stets auf dem Friedhof endeten. „Eines Tages kommen die Ertrunkenen zurück, sagte sie, was die Ebbe nimmt, bringt die Flut wieder.“

Eine ebensolche Wellenbewegung strukturiert den Text: Die Kapitel gliedern sich in „Low Water“ und „High Water“, einmal beruhigend schaukelndes, mal schwindlig machendes Auf und Ab. Kein Wunder, dass sich die Erzählerin vor allem durch den Lauf der Themse angezogen fühlt. „Wenn die Gezeiten wechselten, entstand ein quirlender Stillstand.“ In diesen Strudel hinein fallen Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und werden eins.

Immer wieder gibt es scheinbar zufällige Berührungspunkte, die die Zeiten durchkreuzen. So berichtet Jonathan von den Erinnerungen seiner Großmutter an die Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs in das kleine Fischerdorf kamen, geschickt aus dem bombardierten East End, in dem nun die Erzählerin wohnt.

Doch sind solche Berührungen keineswegs selbstverständlich. Vielmehr gleicht es immer wieder einem Wunder, wenn die Erinnerungen der beiden in eine ähnliche Richtung fließen. Der Dialog lässt sich nicht planen, schon gar nicht forcieren. „Er brauchte dieses absichtslose Beieinandersein, damit manchmal unversehens ein Fragment seiner Lebenslandschaft aufblitzte.“

Zugleich besteht immer auch die Gefahr des Sich-Verpassens, des Aneinander-Vorbeiredens. Wie bei frisch Verliebten drängen sich all die aufgeregten, unsicheren Fragen auf: Interessiert den anderen, was ich zu sagen habe? Habe ich ihn unabsichtlich verärgert? Wird er sich zurückziehen, wenn ich ihn dazu bringe, zu viel von sich preiszugeben?

Mit täglich stärker klopfendem Herzen eilt Leuteneggers Protagonistin der Themse entgegen, wo Jonathan meistens wartet, manchmal aber auch nicht. Wenn sie über Tage hinweg ihr Gegenüber, ihren Zuhörer nicht finden kann, schwappt plötzlich eine Einsamkeit in den Text, die den Atem nimmt.

Die Tochter der Erzählerin, „die junge Frau, das Kind von einst“ – eine Bezeichnung, aus der sowohl Distanz als auch Zärtlichkeit spricht – ist am anderen Ende der Welt unterwegs, irgendwo in den Wäldern des Amazonas, und schickt nur hin und wieder ein Lebenszeichen. Digital, ist zu vermuten. Durch die Briefklappe, die Leuteneggers Protagonistin wehmütig an die Katzentür ihres geliebten Katers erinnert, fliegt höchsten ab und an Reklame. „Bangla City Car Service“ steht darauf; die Hand jedoch, die sie verteilt, bleibt unsichtbar. Die Szene, in der die Erzählerin am Fenster steht, „immer noch das Kärtchen haltend, mit der sich schon verflüchtigenden Spur menschlicher Wärme“, ist eine der traurigsten des Buches.

Dennoch ist „Panischer Frühling“ trotz aller Melancholie ein warmherziger Text. Vielleicht liegt das auch  daran, wie es die Autorin schafft, Erinnerungskreise auf undramatische Weise zu schließen und von möglichen Neuanfängen zu sprechen.

Im Fernsehen werden die verwüsteten Lavafelder mit Lupinen bepflanzt, deren strahlendes Blau die Erzählerin an die Glockenblumen Englands erinnert. Das blaue Blütenmeer gleich doppelt im Kopf, macht sie sich auf den Weg  zur Küste.

Gertrud Leutenegger
Panischer Frühling
Suhrkamp
2014 · 221 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42421-6

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