Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
x
kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Die Stimmen von Gezi

Hamburg

„Alles, aber auch wirklich alles schrieben sie an die Wände, nur nicht No Future! Unter den unzähligen Slogans war für mich der ungeschriebene der bedeutungsschwerste“, schreibt Barış Uygur in seiner Bilanz des Gezi-Aufstands, der vor genau einem Jahr, am 29. Mai 2013, begann, und der die Türkei monatelang in Atem hielt. Acht Tote, tausende Verletzte, hunderte Schwerverletzte und ein Land, das immer mehr in ein repressives, autoritäres System abdriftet sind ein Jahr später die traurigen Fakten. Aber: „Auch wenn wir unterliegen, den Geschmack von Aufstand haben wir nun auf der Zunge“, lautet ein weiterer der Slogans, von denen sich zahlreiche noch immer an den Hauswänden rund um Taksim und den Gezi-Park in Istanbul finden.

Bei Binooki erscheint dieser Tage mit „Gezi – Eine literarische Anthologie“ (herausgegeben von Sabine Adatepe) ein Buch, in dem türkische Schriftsteller, von denen die meisten hautnah dabei waren, einen noch frischen Blick auf die Ereignisse wagen. Während in der Türkei längst hunderte Bücher zum Thema erschienen sind, die meisten Schnellschüsse, ist diese Anthologie erst das zweite in Deutschland – knapp zwei Monate nach Deniz Yücels „Überall ist Taksim. Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei“ (Edition Nautilus).

Die Bandbreite der Texte reicht vom Essay über Briefe und Gedichte bis zu kurzen Erzählungen. Zwei Wochen lang existierte die Kommune im Gezi-Park, eine der friedlichsten und kreativsten Widerstandsbewegungen, die die Welt jemals gesehen hat – bis Hundertschaften der Polizei den Park in der Nacht des 15. Juni 2013 brutal stürmten und auch auf Kleinkinder oder alte Menschen keine Rücksicht nahmen. War der Protest vorher schon aufsehenerregend, mobilisierte diese Nacht Millionen im ganzen Land, die sich der Staatsgewalt entgegen stellten und den Rücktritt der Regierung forderten. Auch für die Schriftsteller vor Ort bedeutete Gezi eine Zäsur. Viele legten auf Eis, woran auch immer sie gerade arbeiteten, und versuchten zu erfassen, was gerade geschah. Die Jüngeren erlebten zum ersten Mal die geballte Polizeibrutalität, die Älteren erlebten zum ersten Mal einen friedlichen aber bestimmten Aufstand einer Jugend, die sie für unpolitisch gehalten hatten.

Zu diesen Jüngeren zählt der eingangs zitierte Barış Uygur (*1978), der mit seinen Krimis um Kommissar Süreyya Sami Erfolge feiert, und auch Nermin Yildirim (*1982), die hier aus der Perspektive einer Mutter erzählt, wie die ältere Generation in den Sog von Gezi hineingeriet, erst aus skeptischer Distanz, dann vor Ort im Park, dann sich selbst mit der Gasmaske vor dem Gesicht der Polizei entgegen stellend.

Der Lyriker Turgay Fişekçi (*1956) erinnert in seinem Gedicht „Sieben Leben“ (inzwischen sind es acht, seit der 15jährige Berkin Elvan im März nach neun Monaten Koma verstarb) an diejenigen, die Ministerpräsident Erdogans Machtspiele mit dem Leben bezahlten und stellt dem Grauen die Utopie des Parks entgegen: „Wie viel schöner ist alles nun / Wie viel mehr Mensch ein jeder“. Bestsellerautor Ahmet Ümit (*1960) erzählt derweil von einem nächtlichen Spaziergang durch den Park ein Jahr darauf, in dem die Bäume die Namen der Toten flüstern: „Ali, Abdullah, Mehmet, Ethem, Mustafa. Wie ein Refrain, ein Gebet, eine Hymne.“ Auch bei Ayşe Kulin (*1941) sprechen die Bäume, trotzen dem Tränengas, das die Vögel vertreibt, und warten vergeblich auf das alte Ehepaar, das allmorgendlich durch den Park spaziert – bis die Frau eines Tages zurückkehrt, allein. Auch der kleine Kater Namens Tschapul in der Geschichte von Oya Baydar (*1940) kehrt schließlich in den Park zurück, nachdem die Protagonistin ihn, als er nur wenige Wochen alt war, aus dem Gasinferno rettete: „Katzen kehren immer nach Hause zurück.“

Murat Menteş (*1974), der aufgrund seiner Haltung zu den Protesten im letzten Sommer seinen Job als Kolumnist bei der Tageszeitung Yeni Safak verlor, zieht den Riss, der sich durch die türkische Gesellschaft zieht, mitten durch die Liebe eines Ehepaares, das sich hierüber entzweit, und Burhan Sönmez (*1965) erzählt eine Liebesgeschichte, die sich an der Bibliothek im Gezi-Park entzündet und von den Schüssen der Polizei beendet wird.

Begleitet werden die Texte der 19 Autoren von Fotografien von Selen Özer Günday, die mit ihrer Kamera die Tage von Gezi festhielt. Das Fazit zieht Hakan Günday: „Niemand wird jemals wieder so tun können, als wäre nichts geschehen.“

GEZİ
Eine literarische Anthologie
Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe und Monika Demirel
Binooki
2014 · 130 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-943562-40-8

Fixpoetry 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge