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Kritik

Die enge Verbindung von Körper und Geist

Über die tiefen Grundlagen unserer Kultur

Die Frage nach der Verbindung von Körper und Geist hat Generationen von Philosophen beschäftigt. Wirklich virulent wurde das Thema mit Descartes’ berühmter Trennung des Körperlichen vom Geistigen in seiner berühmten Sentenz „Je pense, donc je suis.“ Durch das „Ich denke, also bin ich“ hat er, nach Anwendung seiner Methode des grundlegenden, alles in Frage stellenden Zweifels, den Geist als vom Körper unabhängige Instanz und als Begründung des Daseins schlechthin identifiziert. Späteren Generationen stellte sich die Frage nach dem Zusammenhang von Körper und Geist in zweierlei Gestalt. Ist der Geist eine autonome Entität, die den Körper steuert? Das würde bedeuten, dass geistige Vorgänge körperlichen Vorgängen vorgelagert sind, dass also der Körper lediglich dem gehorcht, was der Geist ihm diktiert. Oder ist der Geist vielmehr ein Nebenprodukt körperlicher Vorgänge, das möglicherweise einfach aufgrund überschüssiger Hirnmasse entsteht und einem menschlichen Individuum vorgaukelt, der Chef in einem Spiel zu sein, von dem es in Wahrheit getrieben wird?

Auch Kognitionswissenschaftler waren seit dem Entstehen ihrer jungen Disziplin in den 1950er Jahren von diesem Problem fasziniert. Lange Zeit dominierte dabei die Vorstellung, Wahrnehmen und Handeln seien strikt voneinander getrennte Phänomene. Während das eigentlich Kognitive an der Gehirnaktivität, nämlich das Denken, auf der Wahrnehmung beruhe, bedeute Handeln eine relativ banale direkte Steuerung des Körpers durch Hirnareale, die mit den wahrnehmenden Bereichen des Gehirns nicht viel zu tun haben. Mit anderen Worten: Im klassischen Bild von Wahrnehmen und Denken spielte die körperliche Dimension keine Rolle, die Modellbildung der Kognitionswissenschaft beschränkte sich auf rein intellektuelle Vorgänge, was etwa im berühmten Turing Test explizit wird. In dem Test, im Jahr 1950 von dem Mathematiker Alan Turing veröffentlicht, der auch an der Entschlüsselung des „Enigma“-Geheimcodes im Zweiten Weltkrieg maßgeblich beteiligt war, steht eine Versuchsperson zwei Entitäten gegenüber, die sie nicht sieht. Kommunikation findet in dem Versuch nur durch eine Art Fernschreiber statt. Die Aufgabe der Versuchsperson ist es, das jeweilige Geschlecht der beiden Entitäten festzustellen. Eine der beiden Entitäten hilft ihr dabei und sagt die Wahrheit, die andere lügt und versucht, das Vorhaben der Versuchsperson zu hintertreiben. Die Pointe an dem Gedankenexperiment ist, dass eine der beiden Entitäten ein Mensch und die andere eine clever programmierte Maschine ist. Wenn die Versuchsperson, so Turings Interpretation des Tests, den Unterschied zwischen Mensch und Maschine nicht erkennt, ist nachgewiesen, dass sich die Maschine wie ein Mensch verhält und somit künstliche Intelligenz aufweist. Entscheidend für das Problem von Körper und Geist ist allerdings, das der Turing-Test die intellektuellen Fähigkeiten eines Individuums von körperlichen Faktoren abtrennen sollte, indem alle körperlichen Momente der Interaktion ausgeblendet werden: Die Versuchsperson sieht die beiden anderen Entitäten nicht und kann sie nicht einmal hören. Interaktion wird auf rein intellektuelle Vorgänge beschränkt, ohne die körperliche Komponente einzubeziehen. Die Architektur des Turing-Tests bildet somit die damals herrschende Meinung ab, dass der Körper an kognitiven Vorgängen höchstens einen vernachlässigbaren Anteil habe, dass Denken und Handeln, Körper und Geist also streng voneinander getrennt werden können.

Seit einigen Jahren nun wandelt sich das Bild, dass Denken als rein intellektueller Vorgang im Gehirn von der Funktion der handelnden Körpersteuerung durch das Gehirn getrennt betrachtet werden kann. Ein gewichtiger Beitrag zu dieser Debatte kommt von der Forschergruppe um Giacomo Rizzolatti, die in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die sogenannten Spiegelneuronen entdeckt hat, Neuronensysteme im Gehirn, die sowohl bei der eigenen Ausführung einer Handlung als auch bei der Beobachtung der Ausführung dieser Handlung durch Dritte oder beim bloßen Denken an diese Handlung Aktivierung aufweisen. Diese zunächst im Tierversuch an Makaken-Affen lokalisierten Neuronensysteme können mit Modifikationen auch beim Menschen vorausgesetzt werden. In dem Buch Empathie und Spiegelneurone, das zwei Jahre nach seiner italienischen Erstveröffentlichung im Jahr 2006 seit 2008 auch in deutscher Übersetzung vorliegt, argumentiert Rizzolatti gemeinsam mit dem Wissenschafts- und Geistesphilosophen Corrado Sinigaglia, dass eine enge „Verflechtung zwischen Wahrnehmung und Handlung“ (S. 56) bestehe. Die Autoren verfolgen die Implikationen der Existenz von Spiegelneuronen besonders für drei Bereiche, nämlich für das Verständnis des Raums und für das Handeln im Raum, der uns umgibt, für das Verständnis von Handlungen und für die Entstehung von Sprache. Die überragende Bedeutung der Körperlichkeit für diese kognitiv gesteuerten Phänomene wird dabei immer wieder deutlich.

In Bezug auf das menschliche Raumverständnis schreiben die Autoren, dass das Gehirn den ein Individuum umgebenden Raum nach den Möglichkeiten des handelnden Eingreifens erfasst, und nicht durch bloßes Anschauen. Den Nachweis dieser Behauptung führen sie über die enge Verzahnung von visuellen und somatosensorischen Neuronen, also Neuronen, die Sehreize, und solchen, die Körper- und Spürreize verarbeiten. Teils sind diese Neuronen sogar bimodal, d.h. sie reagieren auf visuelle und somatosensorische Reize (S. 65-68). Der Raum wird vom Gehirn somit in Bezug zum Körper und zur potentiellen Berührung des Körpers codiert, nicht in Bezug auf ein abstraktes – cartesianisches – Koordinatensystem, das der reinen Anschauung entspränge. Den Grund dafür sehen die Autoren darin, dass ein Individuum sich im Raum bewegt mit dem Ziel, handelnd in den Raum eingreifen und Objekte erreichen zu können, was wiederum voraussetzt, dass Objekte lokalisiert werden. An dieser Stelle wird somit deutlich, wie sehr die Verkörperung die Wahrnehmung bestimmt, denn der Raum erscheint nach diesen Erkenntnissen als „ein System koordinierter Handlungen“ (S. 83), nicht als eine „bloß [...] unterschiedslose Punktemenge“ (S. 89). Die Topographie des Handelns ist somit der Wahrnehmung des Raumes bereits eingeschrieben, eine Erkenntnis, die auch geeignet ist, die kulturwissenschaftliche Behauptung zu attackieren, dass das Handeln zu einem großen Teil auf der mehr oder weniger willkürlichen, nämlich kulturell geprägten, Herstellung von Unterschieden (etwa männlich – weiblich) in einem eigentlich unterschiedslosen Raum basiert.

Das Handeln ist die hauptsächliche Domäne der Spiegelneuronen, verdanken sie ihre Entdeckung doch der Beobachtung, dass bei den Makaken-Affen bestimmte Neuronen sowohl bei der eigenen Ausführung einer Handlung als auch bei der Wahrnehmung der Ausführung einer Handlung durch Dritte aktiviert werden. Ursprünglich wurde diese Beobachtung in Bezug auf Handbewegungen gemacht (S. 95); doch Spiegelneurone aktivieren sich auch bei Mundbewegungen, im Besonderen bei „ingestiven“, also mit dem Einnehmen von Nahrung verbundenen, und „kommunikativen“ Akten (S. 95-100). Das legt nahe, dass das System der Spiegelneuronen bei Affen seine Bedeutung vor allem bei der Ernährung hat. Im Gegensatz zum Affen aktiviert sich das menschliche Spiegelneuronensystem auch, „wenn die Handlung nur simuliert wird“ (S. 131) und keine Objekte involviert sind. Entscheidend an der Beteiligung von Spiegelneuronen am Handeln ist, dass sie über einen allein visuellen Kanal des Handlungsverstehens hinaus das „motorische[...] Wissen“ (S. 142) des Körpers nutzbar machen, was „zur Einbeziehung des Beobachters in erster Person [führt], die ihm gestattet, es [ein motorisches Ereignis] unmittelbar zu erleben, als ob er selbst der Ausführende wäre, und seine Bedeutung vollkommen zu verstehen.“ (S. 143) Der entscheidende Mehrwert der Annahme, dass Spiegelneurone existieren, liegt also in dem als ob, denn Spiegelneurone erlauben, jenseits einer postulierten theory of mind, die intuitive Einfühlung in und Identifikation mit dem beobachteten Anderen.

Schließlich veranlasst die Beobachtung, dass Spiegelneurone auch bei der Wahrnehmung kommunikativer Akte aktiviert werden, die Autoren zu der Vermutung, „daß die Ursprünge der Sprache weniger in den primitiven Formen vokaler Kommunikation zu suchen sind als vielmehr in der Evolution eines Systems gestischer Kommunikation, das von den lateralen Rindengebieten [also den Bereichen des Gehirns, in dem die Spiegelneurone lokalisiert sind,] kontrolliert wird.“ (S. 161) Die fortschreitende Entwicklung des Spiegelneuronensystems hat nach dieser Darstellung entscheidend die Entstehung von Sprache begünstigt.

Die Überlegungen der Autoren zur Evolution von Sprache und ihrer Einbettung in die menschliche Evolution (S. 164-165) erscheinen mitunter ziemlich spekulativ – ein Zugeständnis, das die Autoren selbst machen (S. 167) – und beruhen eher auf plausiblen Annahmen als auf empirischen archäologischen Befunden. Ob eine derartige empirische Untermauerung der vorgetragenen Hypothese jemals gelingen wird, sei dahingestellt. Der Weg vom gestischen zum vokalen Kommunikationssystem, den die Autoren skizzieren, erscheint aber durchaus plausibel und dürfte ein ernstzunehmender Beitrag in der Debatte über den Ursprung der Sprache sein.

Rizzolatti und Sinigaglia interpretieren die experimentellen Ergebnisse konsequent in Richtung einer Integration der intellektuellen mit den motorischen Fähigkeiten des Menschen. Damit leisten sie einen Beitrag zu einem holistischen Verständnis des Menschen, welches die Vernetzung und gegenseitige Abhängigkeit von Körper und Geist in den Mittelpunkt stellt, ein Verständnis, das in der Kognitionswissenschaft mit den sogenannten situierten Ansätzen seit einigen Jahren eine Konjunktur erlebt. Folgt man den Autoren, hat der Körper einen wesentlich höheren Anteil am Geist als im allgemein verbreiteten Denken bislang angenommen wird. Die Argumente von Rizzolatti und Sinigaglia bieten also ernstzunehmende Anstöße für eine Revision des allgemein verbreiteten Bildes vom Zusammenhang zwischen Körper und Geist. Praktisch nebenbei zeigen sie außerdem, wie tief die Grundlagen von Kultur – das gegenseitige Verständnis von Handlungen und Kommunikation – im menschlichen Körper und Gehirn verwurzelt sind.

Giacomo Rizzolatti · Corrado Sinigaglia
Empathie und Spiegelneurone
Die biologische Basis des Mitgefühls
Übersetzung:
Friedrich Giese
Suhrkamp/Insel
2008 · 229 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-518260111

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