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Kritik

Ich sehe was, was du nicht siehst

Bei Guliano Musio versteckt sich die Gedächtniskunst in einem überorchestrierten Thriller-Plot
Hamburg

„Eines Abends öffnete sich in der Decke ein Loch, und Toni begriff, dass zuoberst im Haus noch gar nicht Schluss war.“ Ein wunderbarer erster Satz, mit dem Giuliano Musio seinen Debütroman „Scheinwerfen“ beginnt. Der Anblick der Dachbodenluke lässt den kleinen Jungen nicht los. Lange glaubt er, das ganze Haus sei umgeben von einem labyrinthischen Universum – eine so treffende wie poetische Metapher für die vergessenen Erinnerungen, die wir ein Leben lang mit uns tragen.

Um Verdrängtes oder Vergessenes geht es auch beim Scheinwerfen, einer Fähigkeit, die in der Familie Weingart seit vielen Generationen vererbt wird. Nach dem Tod von Emil Weingart führt dessen Frau Magda den Familienbetrieb in einer noblen Gegend Berns weiter. Zwischen all den Qigong- und Shiatsu-Praxen, den Tanz-, Mal- und Edelsteintherapien fällt das Scheinwerfen kaum als etwas Besonderes auf. Und wie all die anderen Eso-Angebote läuft auch das Geschäft der Weingarts gut: Manche wollen sich an bekiffte Urlaubsreisen erinnern, andere den Code ihres Safes wissen, wieder andere verdrängte Traumata hervorholen.

Derzeit arbeiten in der Praxis die Brüder Julius und Toni zusammen mit deren Cousine Sonja, die zugleich Julius‘ Partnerin ist. Seine Hauptfiguren hat Musio mit genau dem richtigen Maß an Skurrilität und Identifikationspotential ausgestattet, um zugleich interessant, liebenswert und psychologisch glaubwürdig zu sein: Da ist zum einen der Zwangsneurotiker Julius, der alphabetische Listen wohlklingender Wörter erstellt und alles für wissenschaftlich erklärbar hält – und den doch fortwährend die Angst heimsucht, Sonja könne ihn betrügen und hintergehen. Sonja, die innerlich noch immer damit beschäftigt ist, ihrem ultrareligiösen, körperfeindlichen Elternhaus zu entfliehen, um nicht, wie ihre Mutter und ihre Tante, als „alte Jungfer“ zu enden. Und dann ist da noch Toni, der so sehr den destruktiven, ständig unter Liebeskummer leidenden Klischeeschwulen mimt, dass seine internalisierte Homophobie kaum verwundert.

Besonders originell, ja beinahe tragikomisch sticht Res heraus, ein geistig zurückgebliebener Halbbruder, der zunächst weder von seiner gutsituierten Familie noch von seiner Gabe ahnt. Dessen Perspektive stellte, so ahnt man, die größte Herausforderung für Musio dar, und ist – vielleicht gerade deshalb – am besten gelungen. Und ziemlich unterhaltsam dazu. Res‘ IQ und seine Allmachts-Fantasien entsprechen ungefähr dem Niveau eines 12-jährigen. So gehört es zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, Frauen in überfüllten Fahrstühlen zu begrapschen oder stundenlang am Spielautomaten Gehirne explodieren zu lassen. Res lebt in einer Bubble hartnäckiger Fröhlichkeit und Selbstüberschätzung („Bei den Frauen kam er jedenfalls extrem gut an. Zum Beispiel hatte er einmal eine ehemalige Schulkameradin angerufen, und die kam sogar etwas mit ihm trinken, aber musste dann wieder weg.“), die sich selbst dann noch hält, wenn er mit blutiger Nase am Boden liegt. Sein tumbes Geschwätz, gespickt mit jedwedem Vorurteil, das man sich vorstellen kann, ruft eine Mischung aus Abscheu, Mitleid und Amüsement hervor. Doch so mancher Lacher bleibt im Halse stecken – denn wenn man es sich recht überlegt: Gibt es nicht ganz schön viele Menschen, die sich ein ähnlich verzerrtes Selbstbild zurechtbasteln und eine Schutzmauer aus Vorurteilen um sich herum hochziehen? Denen man diese Verblendung aufgrund eines höheren IQ und einer besseren Bildung nur nicht ganz so schnell anmerkt? Es ist vermutlich kein Zufall, sondern ein absichtsvoller ironischer Twist, dass Musio den verbliebenen Patriarchen, Großvater Weingart, ähnlich eingebildet, sexistisch und homophob daherreden lässt wie seinen minderbemittelten Enkel.

Ebenso wenig zufällig stößt Res gerade dann zu der illustren Runde, als ohnehin alles den Bach runterzugehen droht. Ein bisschen wie im Horrorfilm, in dem die Ankunft der Aliens oder Zombies das Rissigwerden der gutbürgerlichen Fassade aufzeigt.

Die Weingarts jedenfalls sind schwer entzweit und somit ziemlich angreifbar: Sonja scheint durch die Behandlung des demenzkranken Kaspar Ott zunehmend selbst traumatisiert, was wiederum Julius‘ Misstrauen ihr gegenüber von Tag zu Tag verstärkt. Und auch Julius verbirgt etwas. Oder warum sonst erfindet er eine heimliche Geliebte in Basel? Toni verknallt sich derweil in Andor, den Sohn des alten Ott, der ihn jedoch nur ausnutzt, um etwas über den rätselhaften Tod seiner Mutter herauszufinden. Und über all diesen Turbulenzen schwebt stets die Frage, ob vielleicht doch was dran ist am Weingart-Fluch, den die beiden gottesfürchtigen Tanten immer wieder heraufbeschwören.

Mit all diesen Verwicklungen hat sich der Autor genug Stoff für mindestens zweihundert Folgen Vorabendserie aufgeladen. Und ein bisschen seifenopernmäßig liest sich der Roman streckenweise dann auch. Eine Art „Jurassic Park mit psychologischer Tiefe“ habe er schaffen wollen, verriet Musio der Berner Zeitung – eine beinahe zwangsläufig zum Scheitern verurteilte Gratwanderung.

Musio reiht skurrile Begebenheiten in derart wahnwitziger Abfolge aneinander, dass man sich bisweilen fragt, ob die Geschichte auch ohne einen Gag pro Seite getragen hätte. Die Zuspitzung des Plots auf die Lüftung des einen großen Geheimnisses am Ende wirkt forciert und überflüssig. Zwar erzeugt die Rasanz der Erzählung einen schönen Spannungsboden, doch geht sie zu Lasten des eigentlich interessanten Themas: den Tücken des Erinnerns. Fragen wie beispielsweise zum kollektiven Unbewussten werden inmitten all der Thriller-, Krimi- und Slapstickelemente lediglich angerissen. Oder beschränken sich auf die eher trockenen Ausführungen des Diplompsychologen Julius.

Erst gegen Ende wird tatsächlich – und umso beklemmender – fühlbar, was es heißt, wenn die Vergangenheit durch einen anderen Menschen hindurch nach einem greift. Wie es sein muss, fremde Gewaltfantasien in sich zu spüren, oder den Tod eines anderen am eigenen Leib zu erfahren. Persönlichkeiten vermischen sich; die Grenzen zwischen fremder Erinnerung und selbst Erlebtem verschwimmen. Ganz ohne forcierte Suspense-Elemente erleben wir im letzten Kapitel Psycho-Horror par excellence. Und begreifen: Die Grundidee des Scheinwerfens hätte, mit ein bisschen Vertiefung, locker über 400 Seiten getragen.

Zu behaupten, der erste Satz sei das Beste am gesamten Roman, würde „Scheinwerfen“ sicherlich nicht gerecht werden – und doch bleibt ein Gefühl von nicht ganz eingelöstem Versprechen zurück.

Giuliano Musio
Scheinwerfen
luftschacht
2015 · 404 Seiten · 25,20 Euro
ISBN:
978-3-902844-51-4

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