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Kritik

Erstaunen war alles, was mir übrig blieb

In einem überzeugenden Einstand belegen die Verse des russischen Dichters Gleb Schulpjakow Aufrichtigkeit und Temperament
Hamburg

Der freie Vers hat längst auch in der modernen russischen Lyrik Einzug gehalten. Lange hatte sich die Tradition einer Versdichtung in klassischen Metren gehalten. Abweichungen bei Vertretern der sogenannten „Neuen Welle“ waren noch in den späten 1980er Jahren von der Literaturkritik als „Versprosa“ abqualifiziert worden.

Für den 1971 in Moskau geborenen Gleb Schulpjakow mögen diese Diskussionen wie aus einer anderen Zeit wirken. Mit einer Mischung von Sensibilität und Temperament wenden sich seine Verse einer sich zunehmend komplizierter wie auch komplexer gerierenden Wirklichkeit zu. Auch wenn im heutigen Russland der Marxismus-Leninismus als Staatsideologie nicht mehr vorgegeben ist, herrschen dennoch mehr oder minder subtile Mechanismen, mit welchen die Obrigkeit ihre gesellschaftliche Anerkennung erwirkt. Vorgaben, die in ihren Auswirkungen nicht unerheblich für Künstler und Schriftsteller sind.

Hier überrascht die Souveränität der Verse von Gleb Schulpjakow, die nur sich selbst verpflichtet zu sein scheinen. Und insofern läßt sich auch deren Authentizität und Stärke erklären. Ideologische Vorgaben gleich welcher Couleur finden hier keinen Raum, Schulpjakows Blick reicht tiefer und die dargebotenen Perspektiven überschreiten ein überkommenes konventionelles Denken.

Als Paradigma eines Perspektivenwechsels kann das Gedicht „Der Mantel“ herangezogen werden, in welchem auf subtile Weise das Innerste nach außen gekehrt wird – zugleich unter Auswechslung der Aktanten. Jetzt ist es der Mensch, der zum Objekt seiner Umgebung wird:

Der Mantel

Fällt über einen Menschen her,
reißt ihm die Knöpfe ab,
renkt die Ärmel aus –
scheuert / quetscht / reißt / schneidet
und schmeißt ihn an den Haken.
und der Mensch hängt in der Garderobe,
vergessen, nutzlos,
und atmet schwer,
mit dem ausgestreckten
rosafarbenen Futter.

Hier wird exemplarisch die Verwurzelung Gleb Schulpjakows in der Tradition der russischen Literatur aufgezeigt. Sein Gedicht „Der Mantel“ illustriert nicht zuletzt auf ganz eigenwillige Art und Weise eine kolportierte Feststellung, die von Fjodor Dostoewskij stammen soll: „Wir sind alle aus Gogols `Mantel´ hervorgegangen“. Schließlich werden in Nikolaj Gogols Novelle „Der Mantel“ aus dem Jahr 1842 Attribute des Mensch-Seins verhandelt, welche in ihrer Vermengung des Komischen wie auch Tragischen zeitlos sind.

Auch Gleb Schulpjakows Blicke gelten scheinbaren Nebensätzlichkeiten, die dennoch grundlegende Bedeutung für den Lebenswert für das konkrete Individuum einnehmen. Es geht um nicht weniger als die Frage, was den Menschen zum Menschen macht.

Atemlos hervorgestoßen wirken die Verse des Gedichtes „Der Neujahrsbaum auf dem Manegnaja-Platz“, in welcher unter anderem mithilfe konkreter Zeitangaben die Zuspitzung einer bedrohlichen Situation durch gewalttätige Extremisten geschildert wird. Mit dem angeführten „Manegnaja-Platz“ ist der Manegenplatz gemeint, der mit der Straße Ochotnij Rjad das Zentrum Moskaus bildet, in welchem das Leben pulsiert. Die hellwache Wahrnehmung des Dichters registriert Vorgänge ohne Scheuklappen, mit geradezu ernüchternden Sachlichkeit: „Erstaunen war alles, was mir übrig blieb“. Eine Haltung, die sich auch in Gedichten Schulpjakows finden lässt, die auf seinen Reisen etwa in Italien oder Armenien entstanden sind. Und zugleich deuten sich immer phantasievolle Ergänzungen, zuweilen sogar Überhöhungen an, die über das prosaisch geschilderte hinausweisen.

Mit einem Ansatz zur Erklärung dieses Verfahrens beginnt der erste Teil des Gedichts „***“:

„Die Poesie wächst aus dem Nichts –
Nehmen wir das Bild, welches
Gegenüber dem Fenster hängt,
genauer gesagt, den Augenblick, als
der Schatten eines Baumes,
der im Garten wächst,
an der Zimmerwand
erscheint -“

Das Berichten über das eigene Erzählen ersetzt in der Postmoderne zuweilen das eigentliche Erzählen. Im vorliegenden Gedicht wird viel weiter gegriffen. Es eröffnet Blicke und lässt beim Hinsehen die Augen aufgehen. Und zudem wartet das Ende dieses Gedichts mit einer paradoxen Überraschung auf.

An der einen oder anderen Stelle hätte es den vorliegenden Übersetzungen gut getan, nachgefeilt zu werden. Denn Lyrikleser sind genaue Leser, wie der Dichter Reiner Kunze einmal angemerkt hatte.

Gleb Schulpjakow zählt in seiner Heimat zu den bedeutendsten Autoren der mittleren Generation. Neben Lyrik hat er auch Romane, Theaterstücke sowie zahlreiche Übersetzungen unter anderem aus dem Englischen vorgelegt. Längst haben seine Texte auch über die Landesgrenzen hinweg die verdiente Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die vorliegende vielversprechende Kostprobe jedenfalls hat den Appetit geweckt!

 

 

Gleb Schulpjakow
Anfang der Religion
Übersetzung:
Sergej Tenjatnikow
hochroth Leipzig
2015 · 34 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-902871-75-6

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