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Artichoke #17
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Artichoke #17
Kritik

Lyrische Teppiche

Eine Sammlung ausgewählter Gedichte von Göran Sonnevi

„Sonnevis Lyrik verstand (und versteht) sich als mögliches Werkzeug gegen hypostasierte sprachliche und gesellschaftliche Strukturen, in dem ständigen prozeßhaften Versuch, das »Unmenschliche zu transformieren«, die schleichenden Deformationen, die destruktiven lähmenden Kräfte aufzuheben.“ So steht es in der Einleitung des verdienstvollen Themenheftes Nr. 135 der Zeitschrift „die horen“, das 1984 schwedische Lyrik aus dem Zeitraum 1965-1980 vorstellte. Mitverfasser Klaus-Jürgen Liedtke legt nun fünfundzwanzig Jahre später eine Sammlung ausgewählter Gedichte von Göran Sonnevi aus den Jahren 1991-2005, anlässlich dessen 70ten Geburtstages, in der fein gestalteten Edition Lyrik Kabinett vor. Obwohl nur acht Jahre jünger als der alle überragende Tomas Tranströmer zählt Sonnevi bereits zu einer anderen Generation schwedischsprachiger Poeten. Mit seinem Gedicht „Über den Krieg in Vietnam“ hatte er sich früh als politischer Lyriker etabliert. Auch in seinen späten Gedichten bilden kriegerische Ereignisse weltweit ein zentrales Motiv seiner Texte: „Heute fällt die Entscheidung über Fortsetzung oder Nichtfortsetzung des Krieges / Der Tod jedes einzelnen Menschen löscht den gesamten Krieg aus“.

In seinem Nachwort bezeichnet Liedtke Sonnevi als „Meister des langen Gedichts“. Diese literarische Form führt allerdings dazu, dass einige von Sonnevis langen Texten deutlich an poetischer Strahlkraft verlieren. Es sind eher lyrische Notate, die aufgrund ihrer Tagesaktualität nur bedingt weiterführende Bedeutsamkeit beinhalten: „Laut Boris Jeltzin, der / nach Tallinn reiste, um seine Unterstützung / für die baltische Befreiung zu demonstrieren, schwört sich Gorbatschow frei“. Dies gilt größtenteils auch für den Text „Singet der Unendlichkeit ein neues Lied!“, in dem die Kriege im ehemaligen Jugoslawien thematisiert werden.

Ansprechender wirken dagegen Sonnevis lyrische Betrachtungen in „Burge, Öja; Gotland; 1989“, in denen Sprache, Geschichte, Politik, Kultur und Natur zu einem literarischen Teppich verwoben werden. Die Beschreibung der Landschaft während eines Spaziergangs schlägt unmerklich um in philosophische Gedankengänge.

Stilistisch arbeitet Sonnevi meistens mit ganzen Sätzen, die durch einen Zeilensprung oder gar mehrere Zeilensprünge zu Versen gebrochen werden. Statt eines Punktes kennzeichnen Leerzeichen das Satzende: „In den meisten Häusern / und einem Teil der Scheunen wohnen jetzt Sommergäste aus den / Städten“. Das klingt jedoch oft allzu prosaisch. Komplexer und überzeugender gestaltet ist dagegen sein Zyklus reimloser Sonette aus dem „Buch der Klänge“. Hier scheint in der Darstellung des singulären Ereignisses des Todes der Mutter Transzendenz auf. In den Ausschnitten aus „Mozarts Gehirn“ werden geschickt Mythen, Gedanken zur Zwölftonmusik, historische Fakten, neurophysiologische Erkenntnisse und Einsprengsel politischer Einschätzungen miteinander verwoben. Diese Verschränkung verschiedener Perspektiven und die Verflechtung unterschiedlicher Ebenen mit subjektiven Reflektionen bilden zweifellos die besondere Stärke von Sonnevis Lyrik.

Göran Sonnevi
Das brennende Haus
Ausgewählte Gedichte 1991-2005
Hanser
2009 · 144 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-446232846

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