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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Unfall des immateriellen Daseins

Gonçalo M. Tavares‘ Roman „Joseph Walsers Maschine“ ist ein schillernder und zeitgemäßer Versuch, das Thema „Mensch-Maschine“ literarisch zu umreißen.
Hamburg

„Natürlich waren die Menschen Materialien, die denken!“ Darüber immerhin sind sich Joseph Walser und seine Frau Margha einig. Es ist fast der einzige Dialog, der zwischen ihnen entsteht auf 170 Seiten – ansonsten leben sie, wie alle Figuren in Gonçalo M. Tavares‘ Roman „Joseph Walsers Maschine“ auf eigentümlich autistische Weise nebeneinander her.

Wer „Die Versehrten“ kennt, den ersten Teil seiner Roman-Tetralogie, die sukzessive bei der DVA auf Deutsch erscheint, weiß, dass man bei Tavares keine lebendigen, authentischen Charaktere erwarten darf. Neben seiner – unglaublich produktiven – Schriftstellertätigkeit lehrt „Portugals Kafka“ (wie die französische Zeitung Le Figaro ihn bezeichnete) Erkenntnistheorie an der Universität Lissabon. So sind auch seine literarischen Werke keine klassischen Romane, sondern vielmehr philosophisch aufgeladene Parabeln auf das menschliche Wesen und den Geist des 20. Jahrhunderts. Trockene Unterrichtsmaterie ist das nie – im Gegenteil. Tavares ist nicht nur ein großer Philosoph, sondern auch ein höchst talentierter Prosaautor, der bereits als würdiger Nachfolger des verstorbenen Nobelpreisträgers José Saramago gehandelt wird. Umso skandalöser, angesichts seines umfangreichen Werks, dass es erst zwei seiner Bücher auf Deutsch zu lesen gibt.

„Joseph Walsers Maschine“ spielt zu einer nicht näher definierten Zeit in einem Nicht-Land, deren Bewohner Namen tragen, die teilweise deutsch, teilweise aber auch nach Phantasiesprache klingen. Nicht zufällig erinnert seine Hauptfigur an Franz Kafkas „Josef K.“ – hier wie dort zieht sich eine von absurden Regeln geprägte Welt auf klaustrophobische Weise um die Figuren herum zusammen, und steuert, obwohl kaum etwas geschieht, unaufhaltsam auf ein brutal berechnetes Finale zu.

Joseph Walser führt ein diszipliniertes – man könnte auch sagen: zum Gähnen langweiliges – Leben. Tagsüber arbeitet er in einer Fabrik, die Abende verbringt er, wie so viele Menschen, die stumpfsinnigen Arbeiten nachgehen, mit einem unnützen Hobby: Er sammelt Metallteile, die nicht größer als zehn Zentimeter sein dürfen. Samstags geht er zum Würfelspiel mit Freunden; seine Frau betrügt ihn derweil mit seinem Vorgesetzten. Irgendwann bricht ein Krieg aus. Er kommt über das namenlose Land wie ein notwendiges Übel, eine periodische Wiederholung. Abstrahiert von seinen Ursachen, Absichten und Teilnehmern wird der Krieg beschrieben als „verschwenderische Aneinanderreihung von Ereignissen innerhalb kürzester Zeit“, als „schamloser Übergriff auf die Zeit“. Einiges erinnert an die faschistische Herrschaft in Deutschland, anderes an die Salazar-Diktatur in Portugal. Vielmehr jedoch wirkt die distanzierte, abstrakte Beschreibung des Geschehens wie eine Verschmelzung sämtlicher Kriege der Neuzeit: ein so zynischer wie zutreffender Kommentar zur Kriegsgeschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts.

Weder die Besetzung der Stadt noch die Seitensprünge seiner Frau scheinen Walser zu tangieren; sie fügen sich in sein Leben ein wie etwas, das eben dazugehört und nicht hinterfragt werden darf.

Walser liebt Wiederholung und Vorhersehbarkeit. Selbst am Würfelspiel gefällt ihm nicht etwa der Zufall,  sondern die Begrenztheit der Möglichkeiten („Sechs Zahlen klebten fest an dem Würfel, und sie blieben dort.“) Andere Menschen erwecken in Walser weder Leidenschaft noch Interesse. Das einzige, woran er wirklich hängt, ist  „seine“ Maschine, die er in der Fabrik bedient und mit der er eine gefährliche Symbiose eingeht – „Obwohl diese Maschine ihn Tag für Tag vor etwas bewahrte, bedrohte sie ihn auch unentwegt“. Das abendliche Abstellen der Maschinen kommt für Walser einem Herzstillstand gleich.

Unweigerlich sieht man Charlie Chaplin als glücklosen Fabrikarbeiter in „Moderne Zeiten“ vor sich, wie er ins Räderwerk „seiner“ Maschine hineingezogen wird. Doch ist „Joseph Walsers Maschine“ nicht nur eine Parodie auf die entfremdete Arbeit, die Entmenschlichung der Fließbandarbeit, sondern kann ebenso auf die heutige Kommunikationskultur übertragen werden – die immer lückenlosere Verknüpfung unserer Identität mit unserer Facebook-Timeline, die Abhängigkeit unseres Wohlbefindens von der Menge erhaltener Likes. „Sobald individuelles Glück von diesen Mechanismen abhängt und ebenfalls vorhersehbar wird, wird unsere Existenz überflüssig und sinnlos.“ Stellt man sich bei Tavares‘ Beschreibung der Maschinen anstatt einer Automobilfabrik im Stil Henry Fords die gigantischen Rechner im NSA-Hauptquartier vor, bekommen solche Sätze noch einmal einen ganz anderen Beigeschmack.

Trotz seines sachlich-minimalistischen Tons ist „Joseph Walsers Maschine“ kein Buch, das sich schnell weg liest. Hinter jedem routiniert ausgeführten Handgriff, hinter jeder Denkbewegung verbirgt sich eine philosophische Reflexion, die Tavares völlig unprätentiös im selben klar-reduzierten Stil in die Geschichte einbaut: „Weitaus verbreiteter als die Bösartigkeit ist diese universelle Gleichgültigkeit, die daraus erwächst, dass alle unsere Körper auf gewaltsame Weise voneinander getrennt sind, selbst in friedlichen Zeiten.“ Stellenweise driftet seine Sprache in ihrer schillernden Rätselhaftigkeit auch ins Poetische: „Manche Herzen wurden von einem hellen Metall durchbohrt, wurden gestraft durch das, was im Krieg keineswegs unnütz ist: die dichte, mit dem Leben nicht vereinbare Materie.“ Jeder Paragraph enthält mindestens einen Satz, über den es sich nachzudenken lohnt, der zum Pausieren nicht nur einlädt, sondern geradezu zwingt.

Immer wieder kehren die Betrachtungen zurück zu existenziellen Fragen nach dem Wesen der „Maschine Mensch“, verkörpert durch Joseph Walser. Machen ihn seine Passivität, seine Gleichgültigkeit zu einer inhärent harmlosen, oder zu einer zuinnerst gefährlichen Kreatur?

Eines Tages ist Walser (oder seine Maschine?) nicht ganz bei der Sache – und schon hat Walser seinen rechten Zeigefinger eingebüßt. Die Maschine hingegen bleibt unversehrt. Walser liegt eine Weile im Krankenhaus, danach wird er ins Sekretariat versetzt. Äußerlich geht alles seinen gewohnten Gang. Der Krieg nimmt so abrupt und erklärungslos ein Ende wie er begonnen hat. Die samstäglichen Würfeltreffen werden fortgesetzt, auch wenn einer der Kollegen inzwischen wegen vermeintlich terroristischer Aktivitäten erschossen wurde. Walser gewöhnt sich schnell daran, die Würfel vom Daumen direkt zum Mittelfinger wandern zu lassen. Doch seine Innenwelt, die ihm bislang unberührbar erschien, ist angeknackst: „Sein immaterielles Dasein hatte einen Unfall erlitten.“

„Joseph Walsers Maschine“ bewegt sich auf ein Ende zu, bei dem es um alles gehen wird. Der rechte Zeigefinger ist nämlich auch der, der bei einer Schusswaffe den Abzug drückt.

Gonçalo M. Tavares
Joseph Walsers Maschine
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
DVA
2014 · 176 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-421-04627-7

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