Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
außer.dem Literaturzeitschrift
x
außer.dem Literaturzeitschrift
Kritik

Aus grauer Städte Mauern

Erinnerungen an die NDW

Nach und nach versucht sich unsere globalisierte Kultur durch die Aufbereitung der gewesenen analogen Welt in der digitalen einen eigenen Kosmos zu erschaffen, der Zitate bereit hält, mit denen man neuen Herausforderungen spielend begegnen kann. Informationen lagern sich nicht mehr in verstaubten Büchern ab und sind räumlich abgetrennt, einsortiert in massive Prunkgebäude, sondern flüssig und jederzeit verfügbar und verhandelbar. Das läßt ein hohes Maß an Romantik zu als einer Universalpoesie, die sich ihre Sehnsuchtsorte meist im Rückgriff denkt, aber auch die kreative Konfrontation von gewesenen Entwürfen mit den Erfordernissen der Gegenwart und den Abgleich der Stimmigkeit von Antworten.  Es gibt mittlerweile Unmengen privater Sammlungen, die in spezialisierten Blogs kulturelles Erbe aufbereiten und dem Sprachschatz der Gegenwart zur Verfügung stellen, Zitate hineinmischen und Weltantworten dokumentieren. Es konnten sich private Formen der Ärchäologie entwickeln, die nicht mehr nur nach Scherben graben und dafür in geographisch weit entfernte Räume abtauchen, sondern ihre Informationen als Sammelgut vom Bildschirm abkehren und in Dateien horten, die an Orten gespeichert werden, wo sie sofort in bearbeiteter Form wieder anderen Informationsarchäologen zu Verfügung stehen: auf webistes, in blogs und foren, also in einer neuen völlig neuen Topologie, in digitalen Territorien, die ohne Zeitbegriff auskommen.

Oft führt der romantische Rückgriff auch zum Rückgriff auf althergebrachte Speichermedien wie Bücher und Vinyl, deren Existenz dann aber digital präsentiert und angezeigt ist. So fand ich – zufällig (was ja nicht stimmt, man surft immer vom eigenen Kontext gelenkt) beim Surfen die Edition Blechluft, in der Dimplom-Ingenieur und Erwachsenenpädagoge Günter Sahler sich einer Musikrichtung und Kultur angenommen hat, die gerade wieder neue Freunde gewinnt, weil ihr Zitatenschatz heute wieder interessant und frech wirkt und inspirierend zugleich: die NDW und vor allem, das Feld darunter. Eine ganze Buchreihe steht dafür bereit und das bislang Erschienene ist bereits jetzt eine Fundgrube ohnegleichen für jeden Archäologen. Die Zeitschrift Testcard urteilte treffsicher: „Die Edition Blechluft ist eine reine Fangeste, versucht sich an einer längst überfälligen Spurensuche und Rekonstruktion dessen, was im Zuge von Punk, New Wave, Industrial etc. seinerzeit in Deutschland passiert ist, und zwar ganz ohne Ächzen im diskursiven Gebälk.“

„Wir werden in dem, was passiert, drin sein.“ diktierte Gudrun Gut von DIN A Testbild dem Musikjournalisten Alfred Hilsberg 1979 ins Notizbuch und er startete eine Artikelserie in der Musikzeitschrift SOUNDS, die mit der Überschrift begann „Neue deutsche Welle – aus grauer Städte Mauern“, womit er dem Kind einen Namen gab, der sehr bald auch kommerziell nutzbar wurde und bis zu Dieter Thomas Heck in die Hitparade und sogar in die Bierzelte der Nation vordrang. Dort war am Ende eigentlich nur noch der Kapitalismus drin, der jede Kulturerscheinung so weit verwässert, daß sie nach überallhin kompatibel ist und schließlich biergeschwängerte Bürger vom Skandal im Sperrbezirk grölen lassen. Die eigentliche NDW, um die es auch in den Büchern der edition Blechluft geht, enthielt den Punk und den Zweifel, die Wut und die Verzweiflung, die Straße und den Dreck nicht nur auf der Straße, sondern auch im Herzen. Sie enthielt, daß sich drei Leute im selben Haus umbrachten, während Bettina von DIN A Testbild Saxophon für ihre Band übte. Sie enthielt die Abkehr vom englischen Text, das Ringen um Klartext, selbst in Liebesdingen, wie Gabi von DAF „Meine Liebe / Böse Träume / Blut und Pisse und Du und Ich / Scha - Schatz, Ich liebe Dich / Meine Liebe / Böse Träume /Blut und Sperma / Blut und Sperma / Sie ist schön und Fleisch und Körper / Sie ist heilig / Sie ist süß und bitter / Blutig, blutig, salzig / Sie ist zart und gut und böse / Sie ist heilig / Sie ist weiblich / Weiblich / Weiblich / Ich schlafe mit ihr / Sie ist Gott…” sang. Das hatte eine Qualität, die man vorher nicht kannte. Es war das prinzipielle Eingeständnis sich selbst fremd und stückweit kaputt zu sein, von der Welt verunstaltet und in eine Welt hineingestaltet auf eine Weise, die der Seele keinen Raum ließ, um zu atmen. Es passierte in den Städten, aber auch in der Provinz. Nur daß sich die Musiker dort ihr Publikum suchen mußten, indem sie Kassetten durch die Welt schickten (eine eigene Welt, über die viel in den Büchern von Günter Sahler zu finden ist).

Was unter dem Etikett NDW heute allgemein bekannt ist, ist ja nur ein abgeschöpfter, gefilterter Quark. Was in den Proberäumen der Republik und in den Mansarden der Cassettenbastler wirklich los war, ist andernorts enthalten – und die edition Blechluft sucht diese Plätze auf und erzählt all die kleinen und großen Geschichten, teils in Interviews, teils in kommentierten Diskografien, teils in persönlichen Berichten. Kapitel, die wieder lebendig werden, diese ganze schwierige Zeit , die so stark von dem Verlangen geprägt war in allen Lebensäußerungen ehrlich zu sein, koste es, was es wolle.

“NDW-Ärchäologie” nennt sich Band 5 und bringt Beiträge u.a. “Über die Unfähigkeit jede beliebige Vergangenheit  zu durchdringen und zu erfassen”, Interviews mit Stef Petticoat & Thomas Voburka & Mark Eins, Artikel über die Fehlfarben und die Band Hirsche nicht aufs Sofa (kennt natürlich keiner: haben zig Cassetten gemacht, von fünf Stück Auflage aufwärts, und erst spät auch LPs). “Wir haben eine Mikro aufgestellt, ich hatte von einem Freund ein Tonbandgerät geliehen, dann hatte ich selbst Aufsätze gebaut … benutzt haben wir alles was da war: Schrank, Tischgong, ein Banjo mit einer Saite und ich hatte einen Korg MS-20.” erzählt Achim Flaam von HNAS und zeigt die eigentliche Wirktiefe dieses anarchistischen Ansatzes: ich bin auf der Welt und kann was – ich muß nicht auf einem Konservatorium gewesen sein. Meine Lebensäußerungen sind intensiv, Spaß und Glück und auch das Elend gehören mir und niemand hat mir Erscheinungsweisen vorzudefinieren.

Jedem, der eine Zeitreise in die Jahre um die neue deutsche Welle unternehmen und dort wirklich ungefiltert ankommen möchte, seien die Bände der Edition Blechluft empfohlen.

Günter Sahler
NDW-Archäologie
Edition Blechluft
2010 · 162 Seiten · 11,50 Euro
ISBN:
978-3-942139243

Fixpoetry 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge