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Kritik

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Jenny, Ausgabe 04
Hamburg

Kürzlich führte der Mitherausgeber der Jenny ein Gespräch mit mir, da sagte ich unter anderem zu ihm, ich würde befürchten, dass im Literaturbetrieb die Stimmen der Ungeschmeidigen zusehends verstummten. Es ist diese Rezension kein Nachtrag zu jenem Gespräch, aber wir dürfen doch konstatieren, dass die jüngste Ausgabe der Jenny meine Befürchtung, wenn schon nicht blank bestätigt, so doch illustriert. Warum? – Mal sehen …

Jenny 04 bietet sich, das fällt als Erstes auf, als Objekt sorgfältiger Gestaltungsarbeit dar; kein Designelement, das nicht sichtlich präzise gesetzt wäre – mit Betonung auf dem Wort "gesetzt", auf dem waltenden Willen zu Form und Klarheit. Eh sowieso. Von etwas, das in der "Edition Angewandte" erscheint, dürfen wir nicht weniger erwarten. Angenehm, menschenfreundlich, und auf zwanzig jeweils genau benennbare Weisen auf die Tradition der klassischen Moderne bezogen ist das Layout; ein wenig entwickeln wir das Gefühl, diese ganze nüchterne Unprotzigkeit protze selber schon wieder, aber wenns sonst nichts ist … "Fast zu übersichtlich" ist nicht das Schlechteste, was wir über die Gliederung der vielen, vielen Texte in Jenny 04 sagen können.

Mit diesen vielen, vielen Texten hat es eine ähnliche Bewandtnis: Was es da zu lesen gibt, gehört durch die Bank ins "schwierige" Eck (heisst nie: schwierig zu lesen; heisst meistens: schwierig einzusortieren; heisst immer: schwierig zu vermarkten) und ist jeweils für sich geradezu aufreizend unangreifbar. Oft sind auch einzelne Text richtig super: Daniel Bayerstorfers "Wiegenlied am Tage" beispielsweise, ein Text frontal gegen das Einverstandensein der Naturlyrik mit dem Lauf der Dinge; Helene Bukowskis "metallregale", eine zugleich streng verknappte und verspielte Beziehungsgeschichte; Luca Manuel Kiesers "das kind der gretel und wie es vom lieben herrgott bei mondschein vergiftet" (dem Titel ist nichts hinzuzufügen); die sehr kurzen Gedichte von Kinga Tòth und Max Oravin (der hier durchgängig als "Oravin" geführt wird) …

… Auch hier gilt, wie beim Design der Jenny: Wir dürfen uns kaum weniger erwarten von einer Zeitschrift, bei der es sich explizit um ein Produkt von Studierenden am Sprachkunst-Institut der Wiener Angewandten handelt. Wie offiziell das Verhältnis zwischen Redaktion und Institut ist, geht aus dem Impressum und den selbstreflexiven Beiträgen der Herausgeber zwar nicht klar hervor, aber wir können davon ausgehen, dass es zumindest nicht antagonistisch sein wird: Vor den "eigentlichen" Beiträgen stehen, ohne im Inhaltsverzeichnis aufzuscheinen, kurze Beiträge der beiden Professor_innen Esther Dischereit und Ferdinand Schmatz; keine "richtigen" Vorworte, aber doch sowas Ähnliches.

Ästhetisch geht sich also alles aus; die Verpackung passt; die institutionelle Einbettung erleichtert uns die Einordnung: Aha, denken wir, wir stehen also vor dem Schaufenster der "Angewandten" vis-à-vis den anderen beiden Betriebsnachwuchs-Hogwartses in Hildesheim und Leipzsch, vis-à-vis dem Betrieb als Ganzem sowieso (und dürfen uns an dieser Stelle eine Runde über den Schmatz'schen Einfluss wider den Käse des prägnanten Erzählens freuen) …

Die wie geschildert ausgiebig ausgebreiteten Primärtexte haben uns also zumindest keine körperlichen Schmerzen bereitet, und die Konsistenz der Darreichung war auffällig. So sind wir natürlich darauf gespannt, was der viel knappere Theorieteil – zwei Doppelseiten mit "Drei junge[n] Herausgeber[n] im Gespräch" und ein ebenso langes Email-Interview Timo Brandts mit Jürgen Brocan, laut Überschrift "Sondierungen zum lyrischen Feld" – bringt. Vergleichbar konsistente Erläuterungen zu den Auswahlkriterien des Redaktionskollektivs? Paar Takte Bewusstsein zur Funktion von Schreibinstituten und zum Verhältnis Institut – Ästhetik – Betrieb? Nix dergleichen …

… Die drei "jungen Herausgeber" erzählen einander in ihrem Gespräch Anekdoten des hauptberuflichen networkings; von ästhetischer Theorie und Literatursoziologie bleibt bloß die Frage übrig, "was gerade angesagt ist" – wo doch z. B. aufmerksame Fixpoetry-Leser_innen bei allen dreien, also bei Brandt, bei Müller-Schwefe und bei Wieser wissen, dass sie erwiesenermaßen mehr draufhaben. Es ergibt dieses lockere Gespräch "als Beitrag" der Jenny dann und nur dann Sinn, wenn wir uns das Verhältnis zwischen jemandes eigener ästhetischer Haltung einerseits und seinem Marktverhalten andererseits so vorstellen, als sei das Markverhalten die "Wahrheit hinter den Kulissen" und die Theorie dann ungefähr die inszenierte Illusion, also das Produkt. Wenn so eine Lesart zuträfe, dann wäre das Herausgebergespräch als ein "peak behind the curtain" in der dargebotenen Variante ok. Bloß: So trostlos kann die Welt nicht sein.

Mehr gibt das Interview Brandt/Brôcan her; vielleicht liegt das an der Textsorte des ausführlicheren Mailinterviews, aber hier gäbe es plötzlich haufenweise Anknüpfungspunkte (Literatur als Glaubenssystem, soziale Funktionen von Lyrik usw.) an denen sich einhaken wollen lässt: Stellen, wo sich zwischen Brôcan und z. B. mir-beim-Lesen inkommensurable Auffassungsunterschiede auftun – die aber, und da wird's spannend, auf bestimmte in dieser Jenny 04 abgedruckte Texte oder Textcluster verweisen und nicht einfach nur in der Luft hängen.

Langer Rede kurzer Sinn: Jenny 04 sollte man lesen; man darf sich dann auch eine Runde über die flapsige Jungprofi-Geschmeidigkeit ärgern, die leise in der betonten Unangreifbarkeit der einzelnen Elemente west und lautstark in dem Theoriesubstrat "was grade angesagt ist" zu sich kommt. Dass die Redaktion aufgrund dieses solchen Substrats bei der Textauswahl danebengegriffen hätte, lässt sich allerdings echt nicht behaupten.

 

Am Heft beteiligte AutorInnen: Daniel Bayerstorfer, Jürgen Brocan, Helene Bukowski, Lisi Danzer, Anah Filou, Iris Gassenbauer, Lydia Haider, Thassilo Hazod, Felix R. Kalaivanan, Luca Manuel Kieser, Miku Sophie Kühmel,  Johanna Müller, Moritz Müller-Schwefe, ORAVIN, Kerstin Putz, Sarah Rinderer, Frank Ruf, Ferdinand Schmatz, Vera Sebert, Jan Skudlarek, Mercedes Spannagel, Kinga Tóth, Matthias Vieider. Herausgeber_innen: Timo Brandt, Gunda Kinzl, Antonio Schachinger, Johanna Wieser. Herausgeber der Buchreihe der Universität für angewandte Kunst Wien: Gerald Bast, Rektor

Gunda Kinzl (Hg.) · Antonio Schachinger (Hg.) · Timo Brandt (Hg.) · Johanna Wieser (Hg.)
JENNY. Ausgabe 04 Behaupten, Denken, Großtun
De Gruyter
2016 · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-11-048681-0

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