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Kritik

Ein vernichtendes Bild seiner selbst

Die Bildwelt eines Dichters
Hamburg

Das vielleicht bekannteste Foto von Georg Trakl wurde im Mai 1914 aufgenommen, etwa sechs Monate vor seinem Tod. Es zeigt den Dichter in einem Lehnstuhl sitzend, die Hände sind wie zum Gebet gefaltet. Der Anzug wirkt ein wenig zu groß, die gestreifte Hose unpassend. Sein Mund ist schmal, die Haare sehr kurz geschnitten, sein Blick ist ängstlich und provokant zugleich. Trakl wirkt auf diesem Bild wie hingesetzt, zum Stillhalten verurteilt. Sobald die Aufnahme erfolgt ist, wird er eilig aufstehen und gehen. Das Foto wurde in Schulbüchern und Lexika weit verbreitet, doch diese zeigen meist nur den Kopfausschnitt.  Immerhin, sein Blick reicht schon aus, um das große Paradox in Trakls Erscheinung erkennbar zu machen: seine geradezu herausfordernde Nervosität.

Georg Trakl wird am 3. Februar 1887 in Salzburg geboren. Er ist das vierte von sechs Kindern. Dem Abbruch des humanistischen Staatsgymnasiums folgt 1905 ein dreijähriges Praktikum als pharmazeutischer Assistent in seiner Heimatstadt. 1910 erlangt er in Wien den Magister der Pharmazie. Versuche eine Laufbahn als Apotheker oder beim Militär einzuschlagen bleiben relativ erfolglos. Seit seinem 17. Lebensjahr ist Trakl abhängig von Rauschmitteln. Zunächst betäubt er sich regelmäßig mit Chloroform, später kommen unter anderem Kokain und Unmengen von Alkohol dazu. Trakl leidet an Depressionen. Selbstmordgedanken begleiten ihn seit der Schulzeit. Als er im August 1914 als Medikamentenakzessist eingezogen wird, zeichnet sich sein Lebensende bereits ab. In der Schlacht bei Grodek Anfang September ist er allein für 90 Schwerverletzte zuständig. Ein Erlebnis, in dessen Folge Trakl versucht sich zu erschießen. Dem verhinderten Suizid folgt die Einweisung in die Psychiatrie des Krakauer Garnisonsspitals, in dem er am 3. November 1914 an einer selbstzugefügten Überdosis Kokain stirbt.

Außer diesen Eckdaten ist über Georg Trakls Leben vergleichsweise wenig bekannt. Das liegt vor allem daran, dass die Familie nach dem Tod des Dichters zahlreiche Briefe und andere Zeugnisse akribisch vernichtete. Gleiches gilt auch für die Briefe der jüngeren Schwester Grete, mit der Trakl ein inzestuöses Verhältnis gehabt haben soll. Und auch wenn die wenigen Trakl-Biografien aufgrund der schlechten Quellenlage meist ziemlich schmal ausfallen, die verbotene Liebe zur Schwester findet darin immer ausreichend Platz. So auch in Gunnar Deckers Darstellung, die überpünktlich zum 100. Todestag Trakls in der Reihe Leben in Bildern des Deutschen Kunstverlags erschienen ist. Dabei geht Decker jedoch keineswegs voyeuristisch oder sensationslüstern vor. Vielmehr ist seine Annäherung an Trakl davon geprägt, die Bildwelt des Dichters mit dem sich zerfasernden Leben des nervösen Suchtkranken zu verbinden. Meist gelingt es Decker die Verbindung von Leben und Schreiben des Salzburgers nachvollziehbar und vor allem glaubhaft darzustellen, sodass er der Gefahr eines übersteigerten Biografismus entgeht.

Eine dieser Verknüpfungen stellt Decker, wenn auch stark verkürzt, her, wenn er von den Spaziergängen Trakls mit seiner Mutter spricht. Als Kind führte sie ihn einmal in die Margarethenkapelle, in der zu diesem Zeitpunkt Tote aufgebahrt lagen. Ein Bild, das ihn sein Leben lang nicht mehr losließ. Trakl hasste seine Mutter, die selbst drogenabhängig der Realität entrückt „in ihrer Traumwelt“ lebt. In Traum und Umnachtung zeichnet er ein geisterhaftes Portrait von ihr. Decker schreibt: „Georg wird seiner Mutter ähnlicher werden, als er es erträgt.“

Auch wenn die biografische Annäherung an das dichterische Werk im Falle Trakls sehr berechtigt erscheint, genügt sich Decker in dieser Herangehensweise nicht. So verortet er den Salzburger, wenig überraschend, zwischen den kanonischen Dichtern des Expressionismus und annähernd in der österreichischen Bohème neben seinem Freund Ludwig von Ficker, Adolf Loos und Karl Kraus. Darüber hinaus legt Decker einen besonderen Fokus auf die dichterische Traditionslinie, an die Trakl seiner Meinung nach anzuknüpfen versucht. Dass dabei vor allem die Namen Stéphane Mallarmé, Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire fallen, überrascht nicht. Letzterer muss bei Decker allerdings derart oft als Dichtervater Trakls herhalten, dass man den Eindruck bekommt der Franzose sei nicht nur Schlüssel zum Werk, sondern auch das „Allheilmittel“ jeder Interpretation. Dennoch ist das Angebot Trakls Dichtung vom französischen Symbolismus her zu verstehen sicher kein schlechtes. Ebenso wenig der wiederkehrende Versuch dem Charakter des Salzburgers über seine Portraits nahe zu kommen.

Wie schon Florian Illies in seinem Buch 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts, ist Gunnar Decker besonders von jenem ungewöhnlichen Bild Trakls angetan, das ihn in eben jenem Sommer als Badegast am Lido in Venedig zeigt. Die Reise sollte seiner Erholung dienen und führt ihn „ausgerechnet nach Venedig, in die Stadt des Todes!“ Trakl wirkt alles andere als entspannt. Der Badeanzug hängt wie ein Fremdkörper an ihm. Die Sonne zieht seine Augenbrauen zusammen und zwingt ihn zu einem skeptischen Blick, der der Schönheit des Wassers abgewandt ist. Es gibt kaum Reiseaufzeichnungen. Für Decker ist klar: „Venedig [bleibt] für ihn Teil jener Außenwelt, die auf direkte Weise niemals Eingang in sein Werk finden wird.“ Die Todesmythen seiner Dichtung kommen aus den inneren Kanälen.

Ein undatiertes Foto zeigt Trakl im scharfen Profil mit fast schwarzen Augen. Der Blick wirkt stechend, fokussiert und träumerisch leer zugleich. Wie viele andere Bilder zeigen sie einen unnahbaren Menschen, der alles sein könnte: Verbrecher, dämonischer Sendbote und geprügelter Hund. So sah sich Trakl wohl auch selbst. Ebenfalls 1913 malt der Dichter im Atelier Max von Esterles ein Selbstportrait, dass oft als Archetyp für den Schrecken einer ganzen Generation angesehen wird. Die maskenhafte Fratze wirkt durch ihre expressive Farbigkeit in Rot, Grün und Blau seltsam bewegt. Das nicht zu greifende Paradox der Fotos schlägt sich auch hier nieder. Die toten, dunklen Augen sind nur leere Höhlen, die keine Zukunft sehen. „Ein Bild, das den Dichter so zeigt, wie er sich wahrnimmt: nach jedem Rausch, aus aller Hitze in eisige Kälte gefallen, bereits erstorben, gar schon mumifiziert. Eine bloße urbildliche Hülle, und auch die verwüstet. Ein vernichtendes Bild seiner selbst.“

Gunnar Decker
Georg Trakl
Mit 43 Duplexabbildungen
Deutscher Kunstverlag
2014 · 96 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-422-07177-3

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