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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Zwei Leben

Hamburg

So langsam aber sicher scheint die türkische Gegenwartsliteratur im deutschen Sprachraum anzukommen. Das ist für jeden Leser ein unschätzbarer Gewinn. Dass mit Hakan Gündays Roman „Extrem“ nun auch ein Buch in einem hiesigen Publikumsverlag (btb / Random House) erscheint, dürfte zusätzlich zur Aufmerksamkeit beitragen. Und das mit einem Paukenschlag, denn „Extrem“ (im Original „AZ“, übertragen von Sabine Adatepe) ist eines jener radikalen Bücher, die man nicht mehr vergisst – im Gegensatz zu all dem Zeug, das nach dem ersten Lesen teils schon binnen Tagen in der Erinnerung verblasst. Es ist ein Skandalbuch, und der Skandal ist durchaus kalkuliert – aber während all die vermeintlichen Skandalschinken aus EU und USA lediglich verzweifelt versuchen, mit Sex und Gewalt die Aufmerksamkeit und damit die Auflage zu maximieren bei in der Regel nicht existentem literarischen Mehrwert, ist Gündays Roman ein Buch, das rote Linien in einer Türkei überschreitet, die unangenehme Realitäten lieber unter den Teppich kehrt und bestimmte Themen aus ganz anderen Gründen zu Aufregern macht, als das in Deutschland der Fall ist.

Günday, der in Kadiköy auf der asiatischen Seite Istanbuls lebt, provoziert und polarisiert gern. Es gibt viele Themen, über die in der Türkei nicht oder nur wenig gesprochen wird, und genau dieser Themen nimmt er sich an. Redeverbote gibt es bei ihm nicht. Was freilich dafür sorgt, dass die einen ihn für seinen Mut verehren, die anderen ihn hassen, weil er ihnen alle Nase lang in die Suppe spuckt. „Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!" schrieb Günter Eich, und genau das beherzigt Günday als die eigentliche originäre Aufgabe jedes Künstlers.

Atay erzählt die Geschichte zweier Leben, die eng miteinander verwebt sind, die in ständiger Wechselwirkung zueinander stehen einerseits und andererseits nicht das geringste miteinander zu tun haben – zwei Lebenswege, die so unwahrscheinlich wirken, dass sie wieder real erscheinen, ins Extreme übersteigert. Und am Ende müssen sie sich kreuzen, Zwangsläufig. Wie aus göttlicher Fügung in einer restlos verkommenen, gottlosen Welt. Da ist das Mädchen Derdâ, das in einem anatolischen Bauernkaff aufwächst und mit elf Jahren an einen Geschäftsmann in London verkauft wird, der zugleich Handlanger eines radikalislamischen Predigers ist, der seine Strippen auf der ganzen Welt zieht und großen Einfluss in der Türkei hat, aber bereits vom MI5 beobachtet wird. Fünf Jahre lang lebt Derdâ im goldenen Käfig, ihrem cholerischen, gewalttätigen Gatten ausgeliefert. Die Flucht ermöglicht ihr schließlich ihr Nachbar, der sie als Tschador-Domina in Pornofilmen einsetzt, doch die zermürbende Odyssee aus Drogensucht und Gewalt ist damit längst nicht beendet. Derweil wächst in Istanbul in einem Slum an einer Friedhofsmauer der Junge Derda auf; sein Vater sitzt im Gefängnis, seine tote Mutter hat er zerstückelt und verscharrt, damit bloß niemand merkt, dass er allein ist. Sonst würde er im Heim landen. Irgendwie schlägt er sich durchs Leben, lernt, dass er andere einschüchtern muss, um zu überleben, während sein Alltag von ewiger Angst geprägt ist, oder genauer: dem Warten auf die Angst. Noch bevor er lesen kann und erfährt, dass das Grab, das er täglich pflegt, das des Schriftstellers Oğuz Atay ist, dessen Werke er kurz darauf verschlingt, als er sie bei der Arbeit in einer Raubdruckerei in die Finger bekommt.

Atay (1934 – 1977) gilt als einer der einflussreichsten und avantgardistischsten Schriftsteller der Türkei im 20. Jahrhundert, einer, der erzählerische Konventionen sprengte. Derda versinkt in Atays Büchern ohne sie richtig zu verstehen. Was er aufnimmt sind Stimmungen, die sich auf sein eigenes Leben übertragen, auf dieses Elend aus Leid und Tod, das ihm schließlich normal vorkommt, denn er kennt nichts anderes.

Auch Günday widersetzt sich konventionellen Erzählstrukturen, bricht immer wieder die Erwartungen des Lesers und überreizt seine Geschichte bis zum Äußersten. Die Frage, die über allem steht, ist die nach den Gesellschaftsstrukturen und ihren überkommenen, verlogenen Werten, die derartige Extreme hervorbringen können. Und nicht zuletzt ist „Extrem“ eine grandiose Hommage an Oğuz Atay.

Hakan Günday
Extrem
Übersetzung:
Sabine Adatepe
btb
2014 · 416 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-442-75397-0

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