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Kritik

Kinderverlust

Hamburg

Hakan Nesser steigt auf die allgemeine Verlustangst ein: Kinder sind das Wertvollste und kommen dauernd abhanden. Das macht „Die Perspektive des Gärtners“ weder zum Krimi noch zum guten Roman

In der Generation der um 1900 Geborenen waren zehn Kinder keine Seltenheit, vor allem auf dem Land, wo Kinder zwar Last sind, aber auch eben helfende Hände sein können. Das hat sich binnen hundert Jahren in den Industrieländern radikal geändert. Familien mit mehr als zwei Kindern werden für ihren Wagemut, ihre starken Nerven und ihre logistischen wie organisatorischen Fähigkeiten bestaunt.

Mit der Ein-Kind-Familie wachsen zugleich aber die Verlustängste, die dann in der Literatur ihren Ausdruck findet. Vor allem der Krimi ist auf der ständigen Suche nach Werten, die verloren werden können, mithin nach Opfern, die den besonders schweren Grad eines Verbrechens anzeigen.

Das führt in den letzten Jahren zu einer Verschiebung weg von den misshandelten Frauen hin zu den missbrauchten Kindern, mit Seitenpfaden wie zum Beispiel die Engführung von Kapitalismus und Kindesmissbrauch.

Auf die Kinderschiene steigt jetzt auch Hakan Nesser mit „Die Perspektive des Gärtners“ ein.

Ein Paar mittleren Alters lebt seit kurzem in New York aneinander vorbei. Anderthalb Jahre zuvor wurde die gemeinsame Tochter vor dem Haus entführt. Die polizeilichen Ermittlungen gehen ins Leere. Das Kind – lebend oder tot – bleibt verschwunden.

Die Eltern versuchen, jeder für sich, mit dem Verlust und der Ungewissheit fertig zu werden, was ihnen naheliegend kaum gelingt. Die Ehe geht ihrem Ende zu, was sich nicht zuletzt dadurch verstärkt, dass die Frau ihre Geheimnisse zu haben scheint. Sie leugnet an Orten gewesen zu sein, an denen ihr Mann sie ohne jeden Zweifel gesehen hat. Sie behauptet, das Kind sei am Leben. Und schließlich verschwindet sie.

Der Mann seinerseits  versucht sich mit der Fähigkeit zu retten, die ihm geblieben ist: Er ist Schriftsteller, leidlich erfolgreich, und er schreibt das zusammen, was ihm durch den Kopf geht. Es mag ein Buch daraus werden oder nicht, vielleicht sogar das, was man Nesser zuschreibt, aber das bleibt offen genug.

Er geht jeden Tag in eine Bibliothek, schreibt und lernt dabei einen Mann kennen, der an seinen Erinnerungen schreibt, ein ehemaliger Detektiv, der sich dem neuen Bekannten gefällig erweisen will.

Und so  beginnt der stagnierende Fall aufs Neue sich zu entwickeln. Erik, so der Name des Mannes, folgt den Spuren, auf die ihn sein Detektivfreund setzt. Er fährt aufs Land und findet am Ende sogar nicht nur die Wahrheit über seine Frau und das erste Kind heraus, das sie verloren hat, er findet auch, wie könnte es auch anders sein, seine Tochter.

Dafür bezahlt er naheliegend, immerhin solls ja mit Gewalt zugehen. Aber er findet sie, und das ist die Hauptsache.

Soweit die Geschichte, die freilich ihre logischen und pragmatischen Tücken hat. Das wird jedoch dadurch suspendiert, dass Nesser den Text, der vom Verlag fälschlich als Krimi vermarktet wurde, radikal subjektiv anlegt. Es ist die Sicht Eriks, der er hier folgt, es ist sein Wissen, es sind seine Aktivitäten, die im Vordergrund stehen.

Das wird verstärkt durch das ungewöhnliche Präsens, das das Geschehen im Text  vorantreiben soll. Wenn es denn ein Geschehen gäbe.

Wie zahlreiche andere subjektiv gehaltene Texte verliert sich nämlich auch „Die Perspektive des Gärtners“ in der fast öde zu nennenden Wahrnehmung  des Protagonisten.

Literarische Vergleichstexte wie James Joyces „Ulysses“ oder Brinkmanns „Keiner weiß mehr“ wussten damit immerhin etwas anzufangen. Joyce schlug stilistische Funken daraus, und Brinkmann baute das Hässliche und Öde immerhin zum literarischen Erkenntnismodus aus.

Davon ist Nesser weit entfernt. Von der Krimifolie kann er sich nicht lösen, die literarische Qualität seiner großen Vorgänger erreicht er bei weitem nicht. Das Ergebnis ist mit anderen Worten über weite Strecken quälend. Die Beschreibungen haben gelegentlich die Güte und Brillanz von Handlungsanweisungen. Der Schluss, der dann wieder Fahrt etwas aufnimmt, wirkt aufgesetzt und unplausibel. Wenn schon jemand Amok läuft, dem man die ganze Zeit zuvor schon über die Schulter geschaut hat, dann sollte das irgendwie auch plausibel werden und nicht nur damit begründet werden, dass es Bären in der Gegend gibt. Löwen hättens auch getan, wenn denn schon alles egal ist.

Håkan Nesser
Die Perspektive des Gärtners
Übersetzung:
Christel Hildebrandt
btb
2010 · 320 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-442751730

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