Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Gertrud Kolmar Preisverleihung
x
Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Was unsere Avantgarde verschläft

Håkan Sandell (geb. 1962 in Schweden, lebt heute in Oslo) nennt sich selbst einen Retrogardisten, das meint keine Verwandtschaft zur Retro-Avantgarde der 1990er Jahre, die sich von Osteuropa her als künstliches Gegen-Konstrukt jener Übermacht der Kulturdefinition durch die westliche erste Welt entgegenstellte, sondern ein poetisches Konzept, das sich bewußt mit subjektiv erfahrenen Kontexten befaßt und diese kunstvoll präsentiert und behauptet.

Den idealisierten Kunstkörpern, die Gegenwart behaupten und damit verändern sollen, stellt er den tatsächlichen, den mit allen Macken und Narben versehenen, den vom Leben gezeichneten entgegen. Das alte Modell des Erzählens vertieft er mit Hilfe der poetischen Auslotung. Die Struktur entsteht nicht aus einem infantilen Spiel sondern durch die genaue Betrachtung der Verstrebungen der Welt und ihrer Wirkweise hinein in unser Sein. Davon nämlich handelt die Poesie: dem Spannungsfeld der Bezüge. Wie Geschehen mit Dingen zusammenhängt und Dinge mit Geschehnissen zusammengehen, wie kleine Details Apostrophen sind und Sinnbilder, wie das ganze Leben ein Flackern entlang zusammenhängender Linien und ein Austesten von Räumen ist. Wie nichts ohne Bezug ist und alles einander bewirkt. Vergessen wir die spröden und mathematisch erfaßbaren Sonderfälle der Physik, die nur ein kleines künstliches Reservat darstellen. Die Poesie hat eine weit größere Wirkbreite und Verhaltstiefe und entpellt aus dem nüchternen Tag den zauberhaften und aus der Laborsituation das Wunder der Suche nach Wissen.

Der Mensch kann mit seiner Sprache nicht neue Welt entwerfen und verwirklichen - so gern er sich mächtig und allmächtig fühlen möchte, seine Sprache und Begrifflichkeit ist an der Welt gewachsen und muß sich an der Welt beweisen. Wenn Avantgarde heute bedeutet in sinnfreien Bastelorgien anscheinend Neues und Eigenes zu erstellen und als Ejakulat höchster dichterischer Potenz in den Möglichkeitsraum der Zukunft auszuwerfen, dann ist das de facto ein Fortschreiten in dem Sinn, daß man Sinn und Zweck der Sprache verläßt. Der Fortschritt hinein in die Auflösung unseres eigenen Beziehungsreiches. Das Tatsächliche wird mit Konstruiertem ersetzt und der Mensch ist beheimatet nur noch in seinem eigenen geistigen Bildersturm.

Dann lieber einen Schritt zurück gehen, zurück in die Welt, in der wir leben. Retrogarde, wie Håkan Sandell sie versteht, ist die bewußte Rückbesinnung auf das Hier-Sein. Sprache ist kein Objekt, das man auf imaginären Labortischen seziert und klinisch in Versuchskäfigen hält und dem man ein möglichst buntes Fell anzüchtet oder neue Muster, sondern ein lebendiger Bezug, eine Wahrnehmensweise, schon immer und noch immer. Sprache gehört zu den Dingen, die in der Welt sind, weil sie damit für wahr genommen werden kann – Informationen fließen überall, auch unsichtbare, chemische, auch nonverbale, in Sprachen, die wir noch überhaupt nicht verstehen und der Geltungsbereich der Wortsprache kann sich tatsächlich erweitern, wenn wir mit der Poesie die so schwer faßbaren und komplizierten Bezüge und Dimensionen, in denen die Welt geschieht als Raumfotos abbilden. Es gibt genug Raum, den wir noch nicht kennen, der aber durchaus da ist, immer wieder neu da ist und sich ständig verändert mit allem was wir tun und was unsere Handlungen bewirken – wir brauchen dazu keinen neuen in den engen Bezirken unserer Cerebralisation erfinden und das dann noch für Fortschritt halten. Die Avantgarde von heute ist eine Bewegung weg von der Welt hin zum Geschehen der Sprache innerhalb des Menschen, was tut, was macht, was kann sie dort, ein Kanal direkt ins Hirn. Für die Retrogarde geht der Weg zurück zur Sprache und dem, was sie eigentlich ist, ein Kanal für das Geschehen zwischen Welt und Mensch.

Der sich im Übrigen nur deshalb so entwickeln konnte, wie er es tat, weil diese Form der Sprache offensichtlich tief in die Weltverhältnisse eindringt und mit ihr das Weltgeschehen relativ stimmig, auf für das Überleben der Art richtige und wichtige Weise, abbildet – dennoch: es fehlen uns Worte und Begriffe, es gibt Strukturen in der Welt, die wir bis jetzt nur erahnen, in die wir aber beständig hineinspielen und –wirken und die wir stören und zerstören – eine Avantgarde kann sich nur dann berechtigt Avantgarde nennen, wenn sie genau dort vorankommt, voranschreitet – in den wirklichen Beziehungswelten, und nicht wenn sie sich selbstgenügsam um die Beschaffenheit des Werkzeugs kümmert, statt dessen Gebrauchsbereich zu erweitern. Insofern ist die Retrogarde der Jetztzeit die eigentliche Avantgarde.

Die Poesie, wie sie gegenwärtig in Deutschland en vogue ist, bewegt sich zu oft in Kanälen, die kaum mit den welthaltigen und –bezüglichen zusammenfließen. Deswegen ist kein Wunder was Margitt Lehbert, die Übersetzerin und deutsche Verlegerin des Buches von Håkan Sandell, in einem Interview mit Volker Sielaff im März des Jahres 2008 im Poetenladen darlegt,

„Ich finde es schade, daß man im deutschen Sprachraum so wenig Poesie liest. So hat der wirklich außergewöhnliche Dichter Yehuda Amichai in Berlin vor etwa 70 Menschen gelesen. In Iowa City, eine Uni-Stadt mit damals 70.000 Einwohnern, kamen 800 Menschen, um diesen Mann zu erleben, und das, obwohl er auf Hebräisch dichtet und man „nur“ die Übersetzungen verstand. Was ich mir wünsche, wäre ein lockerer, ein freudvoller, ein nahezu erotischer Umgang mit der Poesie, eine Lust an der Sache. Les Murray freut sich immer besonders, wenn er dort veröffentlichen kann, wo es nicht ausschließlich literarisch zugeht, und ich gebe ihm da Recht. Deshalb achte ich auch so sehr auf die Ausstattung meiner Bücher, es soll Lust bringen, sie in die Hand zu nehmen, Lust bringen, sie aufzuschlagen, Lust bringen, sie zu lesen.“

Lust bringt das Buch von Håkan Sandell tatsächlich. Es macht große Lust auf Leben und das Schreiben darüber, es macht Hunger auf Welt und die Worte dazu. In ihm pulst es und ist es lebendig und die Sprache ein Körper, der sich bewegt und schwitzt und atmet und sich hingibt. Die Erotik seiner Poesie, das Spiel um das offene Geschlecht der Worte, ist so intensiv und sinnlich, wie man das nur von den allergrößten Lyrikern kennt. Håkan Sandell ist ein wunderbarer Dichter und sehr viel mehr muß nicht gesagt werden.
Unbedingt noch, daß Margitt Lehbert ihn für uns übersetzt hat. Kaum jemand überträgt heute Dichtung so spannend und unter Beibehaltung der poetischen Elektrizität wie sie. Da fließt nichts ab oder entlädt sich vorzeitig. Eine große Leistung.
Jeder, der Poesie als Teil des Lebens begreift, sollte sich dieses wundervolle Buch gönnen.

Geburt

Sie beschlossen, dich zu holen, das Blut ungeronnen
in einem Purpurmantel, der mit deinem eigenen Kot
verwoben war, und doch wie ich immer schon wußte,

daß du aussehen würdest, so wie du vom Herzen
deiner Mutter gezerrt wirst und vom Spalt der Wunde;
verdunkelt und mit rötlicher Afrokrause und Nofretete-

schädel, aus dem Niedrigwasser der Demütigung
umhüllt von Kacke und Blut und doch eine Königin.
Jetzt bist du ausgereift in deiner Vorbereitung,

hast dich entwickelt von Abstraktion zu klassischem Stil,
wie deine Mutter ihn zeichnet, schnell freigeschnitten
und brüsk meinen Armen übergeben, blutverschmiert,

zu einem Viertel ausgewachsen, wie bisher im Schenkel
eines Gottes getragen, irgendwie schon vollkommen,
die Persönlichkeit unentwickelt, aber eine Seele, wie

ist das nur möglich, bist du oft gereist?
Ich weiß nichts, wir stehen am Fluß der Zeit
und empfangen lediglich, noch ein Zeitalter erhält

eine nackte Wiederkehr, braunes getrocknetes Blut
über deiner Haut platzt ab wie Schlangenschuppen.
Sie waschen dich unterm Kran, das ist Taufe genug.

Katzenschmale Augen, neugeboren dunkel, leicht geöffnet,
ein wenig mißtrauisch, nicht ganz der, den du erwartet hast,
und eifrig wartet deine Mutter frischgenäht in einem Rollbett;

Schläuche in der Nase, Enzian in der Vase auf dem Tisch,
und ich beeile mich, die eine Hälfte der anderen zuzuführen.
Im Fenster rollen dunkelblaue Tage über die Erde

und die Luft am Fensterspalt duftet nach Frühlingsabend.

Håkan Sandell
Tagebuch, Abendwolken
Übersetzung:
Margitt Lehbert
Edition Rugerup
2009 · 160 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-942955218

Fixpoetry 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge