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Kritik

Protestpisser schiffen gegen den Wind

Debut Hank Zerbolesch bei periplaneta
Hamburg

Gewiss, was diesen nicht mehr ganz so jungen Mann angeht, bin ich befangen. Ich kenne ihn nicht nur, habe mit ihm schon in Wuppertal an einem Tresen gesessen und in meinem Kaufexemplar seines Erstlingswerkes „Rausch-Hour“, das hier besprochen werden soll, steht eine Widmung von ihm für mich … nein, schlimmer noch, ich mag ihn sogar: ihn und seine Art zu denken, sich der Welt zu stellen und sie poetisch vorführen, ja, sezieren zu wollen. Hank Zerbolesch, das sei den folgenden kritischen Einlassungen vorausgestellt, schätze ich als einen gerne-authentisch-wütenden, gerne-spöttisch-schlagfertigen kleinen Mann mit Hut und charmesprühend-rehkitzbraunen Augen, motzend gegen irgendwie alles , was nicht rauschhaft-wahnsinnig ist und immer einladend zum Schnaps unter Freunden. Denn so’n bisschen Zeugs, so Hank Zerbolesch gerne und oft, hat noch keinem geschadet. Und nicht umsonst findet sich dieses Motto als Untertitel seines gerade erschienenen Erstlingsbandes mit Poetry-Slam-erprobten Kurzgeschichten und Gedichten (nebst Hörbuch-CD).

Was an der Person Hank Zerbolesch Kunstfigur und was wirklich real ist, vermag selbst ich – nach schon so einigen Begegnungen mit ihm – nicht zu sagen. Unbedingt glaubhaft ist seine anarchisch-bodenständige, man könnte sogar sagen: proletarische, gegen Bürgertum, das bürgerliche Bildungsverständnis und die etablierten Erwartungen und Regeln des Literaturbetriebs gerichtete Attitüde. Andererseits strotzen seine Texte derart vor kecken Sprüchen, kurios-radikalisierten Stereotypen und einer hard-boiled-Krimi tauglichen Subkultur-Szenerie mit Zuhältern, Dealern, Koks und Co., dass man geneigt ist, die vorgetragene Antihaltung als vorrangig unterhaltsam und gut verkäuflich / gut erfunden zu rezipieren.  Nicht umsonst kommt Hank Zerbolesch aus der Poetry-Slam-Szene. Da besteht man schließlich auch nur, wenn man entgegen aller möglichen thematischen Biestigkeit ein Talent hat dennoch - als Type:  Geschichtenerzähler, Humorist und Verseschmied -  zu gefallen.

Und schließlich arbeitet sich Hank Zerbolesch keineswegs nur heimlich an jener bürgerlichen Bildungstradition ab (zitiert sie, ironisiert sie), die er – seinen Worten nach  – eigentlich immer  abgelehnt hat und verfügt dabei über ein derart breites Vokabular und eine Sprachfähigkeit, die auf eine lange und intensive Lese- und Übungszeit schließen lässt.  Das ist dann irgendwie nicht kompatibel mit der von Hank selbst erzählten Legende der Späterweckung eines Bücherhassers durch Charles Bukowski (so auch im Klappentext zum Band). Zwar könnte man sagen, bei den herangezogenen Klassikern und kulturellen Überlieferungen handelt es sich vor allem um schulische Pflichtlektüren – aber so anti wie Hank Zerbolesch sich gibt, als Protestpisser aus Prinzip (so auch der Titel der ersten Kurzgeschichte des Bandes), erscheint eine solche allein schulische erzwungene Kulturbegegnung unglaubhaft und unwahrscheinlich. Schließlich kennt er sie: seinen Kafka, seinen Don Quixote, seinen Schiller … und verwendet Anspielungen durchaus passend und fortentwickelnd kreativ.

Der vorliegende Erstlingsband ist, dass muss man ihm sicherlich nachsehen, eher eine additive Zusammenstellung aktueller Best-of-Texte als ein durchkomponiertes Werk. Selbstironisch bekennt so auch die Rückseite des Buches: „Ja, wer in diesem Buch nach einem roten Faden sucht, findet ihn schnell als weiße Linie“. Doch für mich, der ich Hank Zerbolesch als poetisch talentierten und eigenwilligen Freigeist schätze, fern von und entgegen der durchgeformt-langweiligen Mittelstandswelt von Nachwuchs-Diplomschriftstellern und Literaturbetriebs-Seilschaften, ist diese berauschte Willkürlichkeit bedauerlich.  Zu wenig tritt mir der reflektiert-anarchische Alltagsaktivist hervor, der als Protestraucher und Protestkiffer persönlich für zivilen Ungehorsam, das Recht auf Rausch und Dysfunktionalität oder für P.C.-freie Meinungsfreiheit streitet – auch wenn sicherlich  ein Drittel der 39 Texte des Bandes in diese Kategorie gehören. Zu wuchtig dagegen, zu überzogen lustig und dynamisch-mitreißend in den Dialogen, kommen mir demgegenüber die Heroen-Geschichten vom Loser-WG-Leben, Ecstasy-Delirien und sonstigen Absack-Szenarien daher. Da zeigen sich in den Texten für mich sehr unangenehme asoziale, misanthropische, machohafte und vor allem verächtlich machende Tendenzen zu Lasten nicht nur der Bürgerlichkeit, sondern auch aller Nicht-so-Schönen, Nicht-so-Eloquenten, all der Prolls ohne Rausch, ohne coole Halbwelterfahrung und ohne Dichterherz.

Zwar sind die Heroen der Erzählungen, allen voran der Ich-Erzähler Han Zerbolesch selbst, oft genug selber mitgenommen von ihren Ticks und Blackouts, aber mir – als vielleicht allzu gesetzten und bieder verbürgerlichten Anfang-Vierzigjährigen – misshagt ihre allzu trotzig-stolz vorgetragene nihilistische Egal-Haltung. Da fehlt es mir wohl an Moral, an Katharsis oder kurz: an Entwicklung und Entwicklungsperspektive. Wenngleich ich den Schmerz, die Verletzheit und Verletzlichkeit des Dichters Hank Zerbolesch, die in den Texten durchscheint, sie trägt und von wohlstandsgesättigt-dekadenten Lobpreisungen des Hier und Jetzt positiv abhebt, außerordentlich wertschätze, so scheint mir das Zwangslustige im Feierbiest, das Mitfühlende in der Spottlust, der Ernst im Scherz oder auch das Politische im Privaten insgesamt zu kurz zu kommen.   

Besonders lieb sind mir in dem Band die (wenigen) Texte, in denen Hank Zerbolesch hinter die Fassade gucken lässt. In der Regel sind es Gedichte – wie der tief-ehrliche, schmerzhaft selbstkritische Text über das „eigene“ Versagen in der Partnerschaft (Vom gescheiterten Versuch, Ersatz zu finden), dem bekenntnishaften Afterhour (auch als Poetryclip anzusehen) oder dem programmatischen „Die Quelle aller Trauer ist Wut“ (nur auf der dem Buch beiliegenden CD).

Sicherlich, was die lyrische Formbeherrschung angeht, hat Hank Zerbolesch seine Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Insbesondere die im mündlich-kraftvollen Vortrag auf Poetry-Slam-Bühnen vielleicht noch reizvolle Durchmischung der Gedichte mit (eher schichten) Reimen stößt ihn der schriftlichen Präsentation oft als ungewollt-unstrukturiert bzw. unangenehm-unentschieden auf. Die Reime erscheinen manchmal als allzu erzwungenen und durch ungewöhnliche Satzstellungen sichtlich widerständig hergestellt. Da wäre etwas mehr Anlehnung an Bukowski und seine alltagsnah-ungebundenen Verse mehr gewesen.

Schon nahezu ideal indes erscheint mir dagegen Hank Zerboleschs Beherrschung einer prägnat-lebendigen Figurenzeichnung und eines rasant-variablen dialoggetragenen Erzählens in den Kurzgeschichten des Bandes, die den Vergleich mit aktuell erfolgreichen Satirikern und Kolumnisten wie Axel Hacke oder Horst Evers nicht scheuen muss.  Wäre nicht der – siehe oben – manchmal allzu machohafte Protagonist, der seine Verletzlichkeit eher versteckt und übertüncht, meine Begeisterung könnte noch einhelliger ein.

Aber Debuts sind noch keine Lebenswerke. Insofern erhoffe ich mir von den Ansätzen, die Hank Zerbolesch in seinen Texten zeigt noch einiges. Anders als manche andere Autoren seiner Generation, hat er durchaus ernste und große Themen (und auch zurecht: keine Lösung), hat er echte und  starke Gefühle (Leidenschaften), die ihn in eine künstlerische Existenz zwingen - und will und kann er Bohéme: das Leben ernsthaft leicht nehmen, es bis zum Bodensatz durchkosten und dann sogar – für uns, die allzu nüchtern-gebremste Masse – feinsinnig-sprachgewandt davon berichten.

Hank Zerbolesch
Rausch-Hour
(Buch &CD)
Ein Protestpisser über Drogen, Gesellschaft, Musik und das Leben.
periplaneta
2014 · 150 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-940767-42-0

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