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lichtungen Ausgabe 161 Schwerpunkt: Katalanische Literatur
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Kritik

Hannah Arendts Gedichte

Hamburg

Hannah Arendt war der Dichtung und den Dichtern zugewandt. Gegen Platons Verdikt, alle Dichter würden lügen, bringt Arendt die Dichter gegen die Philosophen in Stellung – „Nur von den Dichtern erwarten wir Wahrheit, nicht von den Philosophen, von denen wir Gedachtes erwarten“, schrieb sie Mitte der fünfziger Jahre in ihr „Denktagebuch“. Die Wahrheit der Dichter besteht für sie darin, dass ihre Lyrik über die Zeiten hinweg fähig ist, „Gedächtnis zu stiften“ – wie sie 1958 in ihrem letzten großen Werk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ formuliert. In der Dichtung sah sie eine „transhistorische Garantie für Beständigkeit und Weltbindung“, sie bringe, wie die anderen Künste, die „Weltlichkeit der Welt“ und „das Währen selbst“ zum Leuchten.

Es erstaunt also nicht, dass es Hannah Arendt zur Dichtung zog. Nicht nur als Leserin, sondern auch als Schreibende, die Anteil an der transformativen Kraft des lyrischen Sprechens hat, die edelsten menschlichen Tätigkeiten, Handeln und Sprechen, gewissermaßen zu verewigen, im dichterischen Akt. 71 Gedichte aus Arendts Feder haben sich im Nachlass erhalten und sind jetzt zum ersten Mal vollständig in einem Band erschienen. 21 von ihnen hat sie zwischen 1923 und 1926 geschrieben, also während ihrer Studienjahre in Marburg, als zwischen der Noch-nicht-mal Zwanzigjährigen und ihrem 17 Jahre älteren Lehrer Martin Heidegger eine geheim gehaltene Liebesbeziehung bestand.

Vor allem nachts scheint sie gedichtet zu haben, Traum, Dunkelheit, Dämmerung, Sterne, Nacht sind die wiederkehrenden atmosphärischen Bilder, die sich zu einem Gefühl der Ausweglosigkeit, Ergebenheit in den Lauf der Dinge, der Traurigkeit und Einsamkeit verdichten. Nichts von Liebeseuphorie, Glück, leuchtendem Versprechen einer sinnenfrohen Zukunft. Stattdessen Bescheidung und Entsagung. Gut, dass sie Anfang 1926 dann nach Freiburg zu Husserl und ein Semester später zu Jaspers nach Heidelberg ging. Da scheint sie auf andere Gedanken gekommen zu sein und ein frisches, weniger nachtmelancholisches Leben geführt zu haben. Jedenfalls trat eine lange Pause in Arendts lyrischer Produktion ein.

Erst 1942, als sie längst, über Karlsbad, Genua und Genf nach Paris und von dort weiter über Lissabon nach New York emigriert war, folgt ein neues Gedicht, zum Gedenken an den Freund Walter Benjamin, der sich 1940, auf der Flucht über die Pyrenäen, im spanischen Grenzort Portbou das Leben nahm.

                       W. B.

        Einmal dämmert Abend wieder,
        Nacht fällt nieder von den Sternen,
        Liegen wir gestreckte Glieder
        In den Nähen, in den Fernen.

        Aus den Dunkelheiten tönen
        Sanfte kleine Melodeien.
        Lauschen wir uns zu entwöhnen,
        Lockern endlich wir die Reihen.

        Ferne Stimmen, naher Kummer –:
        Jene Stimmen jener Toten,
        Die wir vorgeschickt als Boten
        Uns zu leiten in den Schlummer.

Das Zitat zeigt, es ist keine große Dichtung, die Hannah Arendt geschrieben hat; sehr viele der Gedichte – es folgen noch 49 weitere, zwischen 1942 und 1961 entstanden – muten epigonal an, erscheinen ihrem Gegenstand – wie hier dem Tod Benjamins – nicht angemessen, formulieren in allgemeinsten Wendungen und hundertfach gebrauchten Bildern spätromantische Stimmungen und Sehnsüchte und sind, leider, nicht selten der reine Kitsch.

Arendt hat die Gedichte auch keineswegs zur Veröffentlichung bestimmt. Sie waren vielmehr oft Beigaben oder Einschübe in Briefen oder finden sich in ihrem von 1950 bis 1973 geführten „Denktagebuch“. Und auch wenn sie die meisten, sauber auf der Schreibmaschine abgetippt, in einer Mappe gesammelt hat, ihnen also doch einen gewissen Wert beimaß, es ist fraglich, ob man der Denkerin und Philosophin mit der Veröffentlichung der Gedichte samt umfangreichem Nachwort und seitenlangen philologischen Angaben zu Überlieferung und Druckfassungen samt Varianten in einem eigenen Band einen Gefallen getan hat. Die Gedichte haben nicht das Gewicht, das einen solchen Aufwand rechtfertigt, nach der Lektüre ist man enttäuscht und rätselt, weshalb Arendt stolz auf sie war (das verrät, bei aller Ironie, ein Brief, in dem sie, nach einem Wiedersehen mit Heidegger in Freiburg 1951, einige bei dieser Gelegenheit neu entstandene „schöne Gedichte“ ankündigt).

Allerdings fügt der Band der messerscharfen Analytikerin eine weiche Seite hinzu und deutet auf eine Sehnsucht, die sie hatte, nämlich die nach einer (auch) dichterischen, künstlerischen Begabung, die ihr versagt blieb. Dichtung war für Arendt die „menschlichste und unweltlichste der Künste“, und sie wollte Anteil daran haben, auch wenn sie sich natürlich nicht als Dichterin verstand. Arendts Gedichte sind eine Art kondensierter Selbstaussprache, in der sie verschiedenen Emotionen Ausdruck zu geben und für sich das Tor zur Welt hin zu öffnen versucht. Wie viele Amateur-Dichter begeht sie dabei den Fehler, die dichterische Produktion zu sehr oder sogar ausschließlich subjektiv zu betrachten, nach dem eigenen Empfinden, nicht aber die kritische Distanz eines quasi-fremden Lesers einzunehmen, also sie sich fern zu rücken und mit den Augen eines anderen anzusehen und zu beurteilen. So schüttelt man über der Lektüre den Kopf, ist aber auch gerührt. Und wendet sich dann wieder Arendts theoretischen Schriften zu.

Hannah Arendt
Ich selbst, auch ich tanze
Piper
2015 · 160 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-492-05716-5

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