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Kritik

Apologie der Freundschaft

Hannah Arendt untersucht in „Sokrates. Apologie der Pluralität“ das Verhältnis von Denken, Handeln und Politik.
Hamburg

Hannah Arendt würde wohl sagen, nicht die Familie sei die kleinste Zelle der Gesellschaft oder des Staates, sondern die Gemeinschaft der Freunde.

1954 hielt sie in Paris, an der Universität von Notre-Dame, eine Reihe von Vorträgen, die sich mit dem Thema „Philosophie und Politik – Das Problem von Handeln und Denken nach der Französischen Revolution“ beschäftigten. Im dritten dieser Vorträge bezog sie sich allerdings nicht auf die Moderne, sondern ging weit in die Vergangenheit zurück, in das vierte Jahrhundert v. Chr., in die Zeit der attischen Demokratie, als diese in eine Umbruchsphase und dann, nach dem Peloponnesischen Krieg und Perikles' Tod, in eine schwere Krise geraten war.

In dieser Zeit ging Sokrates jeden Tag auf die Agora, den Markt, um öffentlich zu philosophieren, was für ihn bedeutete, zu fragen, zu lehren, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Er wollte wissen, was die Bürger über Tugend, Wahrheit, Gerechtigkeit, das Gute dachten, und kehrte daher die Technik seiner Vorgänger, der lehrenden Sophisten, um. Er hielt keine Vorträge und ließ sich dafür von den Zuhörenden bezahlen, sondern stellte Fragen. Ihm ging es um den Prozess gemeinsamen Verstehens, nicht um absolute Wahrheit – an deren Erkennbarkeit er nicht glaubte.

Seine Mäeutik genannte Methode gefiel den angehenden Nachwuchspolitikern Athens wenig; sie wollten ihr Wissen nicht infrage gestellt sehen, sondern gerühmt und vermehrt. Aus den Gesprächen mit Sokrates gingen sie aber oft völlig desillusioniert nach Hause. Weder waren sie in ihren Auffassungen bestätigt worden, noch um zusätzliche Erkenntnisse bereichert – vielmehr hatte der Dialog in eine Ratlosigkeit, die berühmte Sokratische Aporie, geführt. Man konnte jetzt zwar besser sagen, was die Tugend, das Gute, die Gerechtigkeit nicht waren, aber keine positive Definition geben. Man hatte einsehen müssen, wenig kompetent zu sein, was die Belange der Polis betraf. Die neue Methode schien also das Nichtwissen zu vergrößern und wenig nützlich für den Staat zu sein: Worauf sollte sich das politische Handeln aber stützen, wenn es ohne absolute Gewissheiten auszukommen hatte, wenn die Werte, die als Richtschnur dienen sollten, wenn überhaupt, nur ex negativo bestimmbar waren?

Sokrates wurde als „Verderber der Jugend“ angeklagt und bekanntlich zum Tode verurteilt. Sein Schüler Platon war schockiert. Hannah Arendt zeigt in ihrer Vorlesung, wie dieser Schock in ihm nachwirkte und ihn zu Ideenlehre und Staatstheorie führte: Der Philosoph, folgerte Platon, muss, um dem Staat nützlich zu erscheinen, allen anderen überlegen sein, und zwar durch sein Wissen. Dieses darf nicht ein negatives sein, wie bei Sokrates, der, wie das Orakel in Delphi sagte, der Weiseste sei, weil er der Einzige sei, der wisse, dass er nichts wisse, sondern ein positives, da die Gemeinschaft den Wert des Nichtwissens, also zu wissen, was man nicht weiß, nicht würdige. Platon erhebt den Philosophen daher in den Stand, der Einzige zu sein, der Zugang zur absoluten Wahrheit hat, was ihn nicht nur dazu befähigt, die anderen zu leiten, sondern sogar dazu bestimmt, selbst an der Spitze des Staates zu stehen. Dazu dient ihm das berühmte Höhlengleichnis, in dessen Verlauf er, wie Arendt vorführt, den vom Licht der Ideen geblendeten Philosophen, der den anderen, in die Höhle zurückgekehrt, als wenig lebenstüchtig erscheint, umdreht zum Theoretiker auf Lebenszeit, der die absoluten Wahrheiten, in deren Besitz er sich im Gegensatz zu den anderen, die lediglich Meinungen haben, glaubt, anwendet auf das Feld der Politik. Damit aber trennt er gerade die beiden Bereiche, die Sokrates stets in Verbindung zu halten suchte: den Bereich des Politischen und den der Philosophie. Die Politik erscheint nämlich in der Folge als das Unreine, Unethische; der Versuch ihrer Ausrichtung auf eine wie auch immer definierte Reinheit eines Idealstaats erweist sich als Fluch. Das 20. Jahrhundert hat für die Unbrauchbarkeit geschlossener philosophischer Systeme im Feld des Politischen zahlreiche Beispiele geliefert, die an Grausamkeit alles Vorangegangene in einem Ausmaß übertraf, das zwar real, aber nicht mehr vorstellbar ist.

Hannah Arendt hat diese Grausamkeiten am eigenen Leib erfahren. Auch ihre Philosophie hat sich unter einem Schock entwickelt, dem der faschistischen und stalinistischen Diktaturen, des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust. Vor dem Hintergrund des Totalitaris und der Vernichtung denkt sie über Handeln, Dialog, Freundschaft, Öffentlichkeit und Politik, über den Zusammenhang von Denken und Gewissen nach und geht hinter Platon zurück, zu Sokrates.

Sokrates ist für sie beispielhaft darin, Politik von unten zu denken. Er ist der erste Theoretiker und Verfechter der Basisdemokratie. Sie beginnt in der gemeinsamen Verständigung, im ergebnisoffenen Dialog, in dem Meinungen ausgetauscht und der Versuch einer Konsensbildung unternommen wird. Der auch darin bestehen kann, nicht zu wissen, was das Richtige (Wahre) ist. Arendt bringt nun diese Minimaleinheit des konsensbildenden Gesprächs in Verbindung mit der Freundschaft. Die Freundschaft schenkt die Fähigkeit, die Welt vom Standpunkt des anderen aus zu sehen – das aber ist für Arendt die Grundvoraussetzung politischer Philosophie, aus der das politische Handeln folgt: die verschiedenen Wirklichkeiten zu verstehen und sie kommunikativ so zu vermitteln, „dass die Gemeinsamkeit der Welt erkennbar wird“.

„Das politische Element der Freundschaft liegt darin, dass in einem wahrhaftigen Dialog jeder der Freunde die Wahrheit begreifen kann, die in der Meinung des anderen liegt. Der Freund begreift nicht so sehr den anderen als Person – er erkennt, auf welche besondere Weise die gemeinsame Welt dem anderen erscheint, der als Person ihm selbst immer ungleich und verschieden bleibt.“

Ihr Vortrag über Sokrates und den Sokratischen Dialog ist eine Apologie der Freundschaft als mögliche Realität der Politik. Es muss darum gehen, eine gemeinsame, herrschaftsfreie Öffentlichkeit herzustellen, in der sich jeder artikulieren kann. Voran gehen muss jedoch ein Denken, in dem man mit sich selbst im Dialog, im Zustand einer inhärenten Pluralität, ist. Denn die innere Zwiesprache ist notwendig für die Ausbildung des Gewissens, das heißt eigener moralischer Vorstellungen, und der Übereinstimmung mit sich selbst. Erst danach ist man reif, seine Überzeugungen mit anderen zu teilen, abzugleichen und zu korrigieren. Ohne eigenes Nachdenken und das Bilden eigener Wertvorstellungen aber lässt man sich lediglich von den Meinungen anderer bestimmen.

Auch das haben die Diktatoren erkannt. Dass es Einsamkeit braucht, um einen eigenen Denkraum auszubilden und ein Gewissen. „Das häufig beobachtete Phänomen, das das Gewissen unter totalitären Bedingungen nicht mehr funktioniert (…), lässt sich auf diese Weise erklären. Niemand, der nicht fähig ist, mit sich selbst einen Dialog zu führen, kann sein Gewissen bewahren.“

Hannah Arendt
Sokrates. Apologie der Pluralität
Reihe: Fröhliche Wissenschaft
Übersetzung: Joachim Kalka
Matthes & Seitz
2016 · 107 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-168-7

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