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Kritik

„Ich merke mir ein Bild”

Hamburg

Viel grundlegender kann ein Titel nicht sein: Wer man sei und was es gebe, das drückt sich vielleicht auch dadurch aus, was man liebeund was nicht … nicht oder ganz und gar nicht. Das wußte Barthes, das – und, daß Barthes das wußte – weiß auch Ortheil, der unter diesem Titel kleine Essays und Erzählungen veröffentlichte, die gegeneinander permeabel sind.

Autofahren etwa: Die große Freiheit? Nein, er sei „nicht der routinierte Autofahrer”, sein Widerwille gegen Verkapselung und Verkrümmung drücke sich in kleinen Fehlern aus. Etwa der Unbequemlichkeit, die daher rühre, daß er die Bedienungsanweisung prinzipiell nicht lese und die Lüftung nie richtig einzustellen in der Lage sein werde. Und schon ist man bei der Frage, ob die Technik einem oder man der Technik diene, Auto, das sei „reinste Zeitverschwendung”. Oder man müßte sich seiner Intention entziehen: Langsamkeit, Umwege, ein „Habicht auf einem Feldzaun!” Von hier zu einer Geschichte seines Nicht-Autofahrer-Gewordenseins und zu seiner Affinität zur Bahn, zum Fliegen, der „Reglosigkeit” in manchen Momenten darin … alles persönlich, nichts bloß subjektiv.

Neben Großem Kleines. „Kleine Fluchten” wie jene dieser Momente, wie aber auch beim Blumenpflücken – oder immer, aber woanders, in „Frankreich schien es nichts Banales zu geben”, ein schöner Satz von vielen. Radzufahren dort, noch beim Radfahren zuzusehen … „Meditation, sonst nichts.”

Und schließlich beim Lieben das Lieben selbst, „Liebesromane, die ich nicht mag”, zum Beispiel jene, worin einer siecht und einer pflegt und eine eigentliche Augenhöhe unterbleibt, solche „angeblichen Liebesromane sind eigentlich Arztromane.”  Stattdessen solche, „in denen es einzig und nur um die Liebe geht”, worin das Ambiente oder „Sozialkitsch” kaum eine Rolle spielen, worin zwei sich in ein Gemeinsames erzählen oder in es erzählt werden, wie es Badiou1 schildert, übrigens.

Und Wein. Und Musik. Und solche und solche Allüren. Und Museen, „gerade die kleinen unscheinbaren Museen”, die er dann aufzählt: Das Besondere ist überall, vielleicht. Und das, wohin alle pilgern, ist vielleicht auch besonders, aber in der Rezeption schon nicht mehr. Besondere Rezeption: „Ich merke mir ein Bild.” Auch das ein Lieben des Liebens, to learn by heart… Aber nicht zur Wiedergabe, zur „Unterwerfung” vor dem, „was sich irgendein Autor ausgedacht und mit heißen Drähten (Kommata, Semikola, Punkte und Anführungszeichen) zusammengestrickt hatte.”  Sondern Liebe als Antworten darauf – und auf irgendwie alles, vielleicht noch im Nicht-Lieben um eines anderen beispielweise Prinzips willen, das man liebt.

Ein liebevolles Buch, das einem ans Herz wachsen mag.

Hanns-Josef Ortheil
Was ich liebe - und was nicht
Luchterhand Literaturverlag
2016 · 23,00 Euro
ISBN:
978-3-630-87416-6

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