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Kritik

Ecken fegen

Hans Magnus Enzensberger räumt auf und findet alles Mögliche

Im Grund genommen ist die Ausbeute unerwartet gering. Wenn ein Autor nach etwa 50 Jahren literarischer Produktion seine Schmuddelecken fegt und rausräumt, was seit teilweise Jahrzehnten in den Ecken zu vergammeln droht, sollte man mit mehr rechnen als das, was Hans Magnus Enzensberger nun als seine Lieblings-Flops ausgibt und gesammelt im Buch vorlegt. Nun mag die Lösung darin liegen, dass der Herr Autor (zu dem Robert Gernhardt das schöne Wort „Enzensbergers Rezensentenschelte“ erfunden hat) in diesem, an ein Brevier mit Bauchbinde erinnernden schwarzen Band nur eben seine Lieblinge herausgibt und die wirklich blöden Ideen lieber für sich behalten hat. Aber trotzdem, statt der unvermeidlichen Erinnerungen, die dann hart an der Peinlichkeitsgrenze entlangschrammen müssen, das zu publizieren, aus dem nichts geworden ist, das ist schon groß.

Wenigstens ein Teil dieser Flops sind ja auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden. Die selige „Transantlantik“  um 1980 oder die „Frankfurter Allgemeine Bibliothek“ (2004) gehören zu den publikumsträchtigen Reinfällen. Wer mit „Kursbuch“ und „Anderer Bibliothek“, mit dem „Museum der modernen Poesie“ und dem „Wasserzeichen der Poesie“ die Literaturlandschaft der Bundesrepublik  bereichert hat, sollte es genug sein lassen.

Wobei das eine oder andere hätte schon ein bisschen Erfolg verdient gehabt. Das „Journal des Luxus und der Moden“, als das „Transatlantik“ seinerzeit antrat, hätte ein wenig mehr Durchhaltevermögen verdient gehabt. Wer heute „New Yorker“ liest und sich angesichts von „Tipp“ und „Zitty“ fragt, warum das in Berlin nicht möglich ist, hätte an diesem Journal heute seine Freude. Aber seis drum, auch einem Herrn Enzensberger darf schon einmal etwas misslingen. Das Humboldt-Filmprojekt liest sich zumindest ganz schmissig. Und auch mit Lichtenberg hätte man etwas anfangen können. Aber die Exposition von „Verräter“ zeigt, dass man auch mit Fehlschlägen Glück haben kann.

Über eine Oper über „Politbüro“ auch nur einen Gedanken zu verschwenden, bedarf es wohl eben auch eines gewissen Maßes an Übermut, und dass Enzensberger in den frühen 1970ern an eine Revue zur Freundschaft gedacht hat, die Karl Marx und Friedrich Engels verbunden hat, zeigt seine Unerschrockenheit. Auch eine Zeitschrift wie „Story“, die ihre große Zeit nach 1946 hatte, wiederbeleben zu wollen, ist angesichts der angeblichen Leseunlust der deutschen Intelligenz ohne Ignoranz kaum denkbar. Aber wer nicht wergsehen kann, wird sich nie etwas Neues ausdenken, und sei es auch nur etwas, was es schon gegeben hat. Und was das angeht, kann man Enzensberger einigen Spieltrieb zuschreiben.

Enzensberger hat seinen vergnüglichen Rückblick (mit einigen versammelten Zukunftsideen) fein säuberlich nach Medien getrennt. Die Kino-Flops, die anscheinend hinreichend bezahlt wurden, soweit sie Auftragsarbeiten waren), werden von den Opern, Theater, Verlags und Literaturflops getrennt. Was darunter nicht passt, gehört ins kleiner Fach der Etcetera-Flops (das aber nur mit einem Lyrikbrunnen befüllt wird, ein Projekt, das gottseidank unrealisiert geblieben ist). Bei den Ideen fehlt dann schon die Literatur, so als ob sich Enzensberger, was das angeht, ein bisschen bedeckt halten möchte. Dass Flop nicht immer heißt, dabei leer ausgegangen zu sein, steht zudem auf einem anderen Blatt geschrieben. Wofür Berufsanfänger zum Teil heftigst in Vorleistung gehen, ist bei einem etablierten Autor dann wenigstens mit einem Schmerzensgeld versehen worden. Den Berliner Opernflop (der freilich nach zweifelhaften Geschäftsgebahren ausschaut) wird Enzensberger hoffentlich verkraftet haben.

Schade im Übrigen, dass die intellektuellen Wendungen und Flops im Band keine Berücksichtigung gefunden haben, oder jene Texte, die vorherige kommentieren und zum Teil wahlweise suspendieren oder diskreditieren. Oder wie war das noch mit dem Tod der Literatur und der Rettung der Intellektuellen in der Alphabetisierung der Republik? Niemand wird Enzensberger seine intellektuelle Wendigkeit vorwerfen wollen. Ein Dämlack, wer nicht zu lernen bereit ist. Und das wäre das Letzte, was man dem Autor vorwerfen dürfte.

Interessant wäre eben nur, die Wahrnehmung der vergangenen Irrtümer heute zu erfahren, nicht zuletzt auch, um den Autor dabei beobachten zu können, wie er seine nächsten vorbereitet. Immerhin ist mit der Ideensammlung am Ende des Bandes einiges dazu bereits vorbereitet. Was bedeuten kann, dass noch einiges Amüsantes aus dem Hause Enzensberger zu erwarten ist. Und  das ist ihm hoch anzurechnen, wie der Umstand, dass er einen eigentlich nie gelangweilt hat.

Hans Magnus Enzensberger
Meine Lieblings-Flops, gefolgt von einem Ideen-Magazin
Suhrkamp
2010 · 241 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-518422113

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