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Kritik

Das Eigenlob der Inkonsequenz ist ein Wurmloch

Im November wird er 80 Jahre alt. Fünf Jahrzehnte hat er uns sowohl als Herausgeber als auch als Schreibender mit Gedichten versorgt und gehörte für manche Generation zu den wichtigsten Poeten, die wir in Deutschland haben. Und eben erschien bei suhrkamp sein neuer Band mit Gedichten, die sauber gearbeitet sind und ganz auf Verneblung und kryptisches Wortmikado verzichten, dafür aber formsicher geistreiche,  welthaltige Poesie pointenstark so präsentiert, daß viele sie mit persönlichem Gewinn mit in den eigenen Tag nehmen können. Ein bisschen altersweise und mit diesem abgeklärten Abstand, der Ironie zulässt - was man auch als Vorzug wahrnehmen kann, wie man bei manchem alten Wein (das musste ja kommen!) die Frische vermisst, dafür aber spürt, wie das Firne im Nachgang gut tut. Man denkt, sich inspiriert zurücklehnend: das möchte ich auch – selbst dann noch einfache und intelligente Gedichte schreiben, die immer noch kritisch Welt transportieren, wenn man so viele Jahre dabei ist und tatsächlich alt….- und liest dann erste Kritiken zu dem Band, in denen bspw. die taz meint ihren Kommentar dahingehend einfärben zu müssen, daß „Rebus“, so heißt Enzensbergers Alterswerk, „mehr Feuer“ hätte gut vertragen können.

Und Helmut Schmidt soll wieder Bundeskanzler werden? Beckenbauer noch mal die Schuhe schnüren und 90 Minuten auf dem Platz den Gegner mit Grandesse und Übersicht beeindrucken? Mick Jagger, dem man heute noch mehr Charisma bescheinigen kann, als manchem Jungen,  soll mit 80 noch unter Hüftschwüngen ins Mikro keuchen „I can’t get no satisfaction“? Fürs Feuer sind doch wohl ganz andere zuständig. Wo sind wir, wenn unsere Alten nicht mehr fürs Altern zuständig sein dürfen, sondern für die Jungen die Hausaufgaben erledigen sollen? Was für eine Gesellschaft ist das, die kein Gespür mehr dafür hat, daß man mit 80 nicht mehr vorne mittelstürmen kann, sondern lieber am Spielfeldrand in Ruhe seine Bilanzen zieht?

Ganz schlimm zieht Michael Braun in der Frankfurter Rundschau über Enzensberger her: weil der doch „in seinem Alterswerk erkennbar die Zügel schleifen lässt, auf Selbstdisziplin verzichtet…“, und dabei „demonstrativ ungerührt an den neuesten Erregungs-Baustellen der Gegenwart vorbeipaddelt“, denn er „walzt die bekannten Pointen noch ein weiteres Mal aus“ und „überlässt sich … dem Glanz seines Pointenfeuerwerks, das schnell abgefackelt ist“. Enzensberger, „ein intellektueller Narziss“ und Braun befürchtet „man ist peinlich berührt über so viel eitle Koketterie.“

Was ist denn hier los? Nutzt da jemand die Chance, um die Turning Point-Lyrik niederzuhauen zugunsten des modernen Texturgedichtes? Und Enzensberger steht im Weg? Ja und  leider auch nein. An dem was Michael Braun schreibt, ist viel Wahres dran. Selbst bei wohlwollendstem Lesen der Texte bleibt ein Geschmack – dessen Ursache sich nach mehrmaligen Lesen näher benennen lässt.

Es ist bestimmt nicht das Gedicht mit Pointe, das Gedicht, das, um es weniger abschmackend witzverwandt auszudrücken, einen scharfsinnigen Dreh- und Angelpunkt hat, eine poetische Inzision mit der plötzlichen Eröffnung anderer Tiefe, und das Michael Braun implizit anhebt zu disqualifizieren, womit er sich auf einer Linie einfindet mit anderen prominenten modernistischen Vorbetern wie Ulf Stolterfoht und Uljana Wolf. Daß man Gedichte mit einem Scheitelpunkt schreibt (eben der Pointe), sollte nicht ausreichen für eine Kritik. Man kritisiert keinen Jazzer dafür, daß er Jazz spielt. Der Texturverliebte schreibt eine andere Sorte Gedicht und es steht ihm nicht zu, dieses Merkmal außerhalb seines eigenen literarischen Bezirks als unzeitgemäß zu brandmarken. Man sollte als Kritiker nicht nur nachmessen, ob ein Werk die „Kriterien der Moderne“ erfüllt, sondern auf welche Weise es die Anforderungen seines eigenen Genres erfüllt (und die erfüllt Enzensberger nach wie vor gut), und man sollte auch nachfragen, ob eine Moderne, die so lauthals nach tradierten Schreibweisen beißen zu müssen glaubt, sich nicht selbst demaskiert als aufmerksamkeitsheischendes bellendes Hündchen, das Passanten auf ihrem anderen Weg hinterherkläfft.

Enzensbergers Pointen sind wirklich gut. Und die Gedichte handeln von durchaus zeitgemäßen Themen, angefangen von der Notdurft über kosmisches Hintergrundstrahlen bis zur Narkosespritze und einer fatigue im Banne des Hotellebens, sie halten Rückschau (da ist das Alter bestimmt ein Ort von lehrreichen Perspektiven) auf Zeiten linker Systemkritik und verwiegen die „schweren Koffer“ der Vergangenheit, oft aus einer ironischen Distanz heraus und einer verkühlten Supervision.
Und im letzten Nachsatz beginnt die Kritik formulierbar zu werden: es sind ambivalente Positionen, die man erfühlen kann. Auf der einen Seite um Authentizität bemüht, auf der anderen Seite immer wieder um die Inszenierung einer bewunderungswerte Klugheit garantierenden Distanz. Echtheit und Schauspiel – das paßt nicht zusammen. Enzensberger verwackelt zwischen diesen Aufscheinungen und verwirrt bis hin zur Unglaubwürdigkeit. Es gibt zwar kaum jemanden in Deutschland der in seinen Texten Brecht so wunderbar aktualisieren kann wie Enzensberger, doch oft mit Positionen hinterlegt, die unklar aufscheinen und von denen man nicht weiß, ob sie jetzt in der Sache begründet sind oder einem erwünschten Selbstbild des Sachlichkeit predigenden Dichters. Der in der modernen Lyrik sich durch tausenderlei psychische Irritationen manövrierende Leser jedoch empfindet den gespielten Souverän angesichts der Herausforderungen der Zeit als unangebracht und arrogant und dessen Eigen-„Lob der Inkonsequenz" als faulen Apfel. Michael Braun hat in vielen Dingen Recht.
Und auch der Satz mit dem Feuer spielt vielleicht hier hinein. Er fordert wahrscheinlich gar nicht die Hitze der Jugend, sondern ein klareres Engagement, das nicht verraucht ist von klandestinem Zündeln.

Manchmal durchdringt ein anderer Ernst die Gedichte, der aus transpersonalen Tiefen rührt. Dann aber wird Enzensberger zu einer gereiften, ehrwürdigen Größe, die nach wie vor gültige und wunderbare Gedichte schreibt.

Spielplatz

Geduckte Baracken, versteckt
unter verkrüppelten Kiefern.
Aus zerbrochenen Fenstern
ein vager Geruch nach Teer,
Karbid oder Kreosot.
Eingestürzte Latrinen,
rostige Schienen ins Nirgendwo.
Metallisch glänzend im Sand
verrottete Munition: Messingringe
und tote Zünder. Ameisen
hausten dicht am blechernen Napf
eines Arbeitssklaven. Ja,
dort, in unterirdischen Bunkern,
haben wir nach der Schule
manchmal Versteck gespielt.

Hans Magnus Enzensberger
Rebus
Suhrkamp
2009 · 120 Seiten · 19,80 Euro
ISBN:
978-3-518420522

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