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Kritik

Hitotsu: Es gibt kein Zweitens

Longlist Deutscher Buchpreis 2016
Hamburg

Der zweiundvierzigjährige Gerold Ebner sitzt auf einem Felsen nah am Abgrund des österreichischen Bocksberges und schreibt seinen Lebensbericht. Zehn Stunden Zeit hat er, bis die Sonne im Westen und seine Erzählung in Dunkelheit versinken. Dann wird er das Heft unter einen Stein legen und seinen letzten Schritt machen.

So beginnt der Roman "Am Rand" von Hans Platzgumer. Es gibt einen Trailer auf youtube, in dem, unterlegt mit dem Text, die Bergbesteigung Schritt für Schritt visualisiert ist. Es war diese Szene, die mich in Sprache und Inhalt hineingezogen hat. Dabei begegnet der Leser einem Protagonisten voller Widersprüche, der selbst nicht so genau weiß, warum er diesen Bericht überhaupt schreibt.

Vielleicht ist es dieses Bedürfnis, mich mitzuteilen, ein Vermächtnis der christlichen Weltsicht, die von Anfang an unablässig in mein Hirn gepresst wurde. Hat meine Mutter also doch erfolgreich auf mich eingewirkt, sosehr ich mich dagegen sträubte? Der Fels ist mein Beichtstuhl und ich öffne mich Ihnen einem Unbekannten.

Der Unbekannte ist vordergründig der ahnungslose Wanderer, der die Aufzeichnungen findet. Er soll sie lesen und sich ein Urteil über Gerold Ebners Taten bilden, aber gleichzeitig kann sich auch der Leser davon angesprochen fühlen. Zwei Menschen hat Gerold umgebracht und ein Kind entführt. Immer im Glauben, im Recht zu sein, etwas Gutes zu tun. Und doch scheint er Gewissensbisse zu haben, denn er bittet den Unbekannten, ihn nicht als Monster zu sehen.

Wenn Sie sich ein Urteil über mich bilden, vergessen Sie nicht, dass es nicht gerecht sein kann, weil über andere zu urteilen bloß selbstgerecht ist.

In der Tat macht Hans Platzgumer es dem Leser nicht leicht, Gerold immer zu verstehen. Staunend verfolgt man die Geschichte dieses Protagonisten, die für ihn selbst völlig logisch zu sein scheint. Doch der Reihe nach. Gerold Ebners Familie stammt aus Südtirol, das sie als Optanten unter Mussolini verlassen hat. Er wächst im rauen Klima einer Südtiroler-Siedlung in Bregenz auf, wo er unter Nachbarn aus Anatolien und dem Balkan das Gefühl der Identitätslosigkeit, des Nirgends-Dazugehörens hat. Hurensohn wird er genannt, weil seine Mutter sich und ihn ehemals mit Prostitution durchgebracht hat. Jetzt ist sie allerdings geläutert und büßt ihre Verfehlungen durch aufopferungsvolle Krankenpflege. Gerold als Schlüsselkind gehört zur Kinderbande A-Südtirolers, mit der er Kämpfe und gefährliche Mutproben besteht. Als junger Mann schlägt er sich als Bauarbeiter und Getränkelieferant durch. Dann lernt er die menschenscheue, aber als Lektorin und Ghostwriterin tüchtige Elena kennen.

Der Augenblick, als ich Elena zu ersten Mal sah, verlangte mein persönliches Zutun nicht. Alles geschah von selbst, willenlos wurde ich hineingezogen.

Dies ist nicht die einzige Stelle, an der Gerold vorgibt, er habe nicht anders handeln können.

Mein Leben war von Zufällen bestimmt. In alles wurde ich marionettenhaft verwickelt, konnte bloß noch reagieren, nie über mein Schicksal regieren.

Allein der Begriff "Beichte" am Ende seines Lebens zeigt, dass er doch Gewissensbisse hat. Der erste große Einschnitt in seinem Leben wird erreicht, als der tyrannische Großvater, vor dem die Mutter einst geflohen ist, bei ihnen einzieht. Vom ersten Moment an hasst Gerold ihn, erträgt nicht, wie seine Mutter unter dem Großvater leidet. Als dieser krank und hilflos im Bett liegt, bringt er ihn ziemlich kaltblütig um, indem er ihn mit einem Handtuch erstickt.

Ich fühlte, wie dieser Augenblick ganz mir gehörte. Der Alte war mir vollkommen ausgeliefert. Ich dachte über nichts nach, wartete nur, ob er die Augen aufschlagen würde. Insgeheim wünschte ich mir das.

Anders reagiert er bei seinem engen Freund Guido Senoner. Dieser war die einzige Konstante in seiner Kind- und Jugendzeit. Mit ihm hat er nicht nur die Bandenkriege im Viertel geführt, sondern – noch wichtiger – jahrelang eine Karateschule besucht. Anders als sein Freund ist Gerold nicht besonders gut in Karate, weil er – wie später auch bei seinen Versuchen als Romanautor – nicht die Energie und das Können für eventuelle Gürtel bzw. Plots aufbringt. Aber die Lehren, die ihnen der strenge Sensei beibringt, bestimmen Gerolds ganzes Leben. Eine der Regeln lautet, dass alles gleichbedeutet, nichts wichtiger, nichts weniger wichtig als anderes ist. "Hitotsu!" Erstens! mussten sie im Training brüllen:

es gab kein Zweites, kein Drittes, alles genoss dieselbe Priorität.

Aber was bedeutet das für das Leben? War die Hilfe für die Mutter, sie vom Großvater zu befreien, gleichberechtigt mit dessen Recht auf Leben? Diese Frage wirft der Roman auf und der Erzähler beantwortet sie in seinem Sinn, indem er seine Lebensbeichte in einzelne Kapitel mit Vor- und Rückblicken einteilt, die er mit "Hitotsu" betitelt. Und wahrscheinlich ist dies der Schlüssel dazu, um Gerold zu verstehen. Die einzige Antwort, die man auf die Befehle des Meisters als Zeichen der Gehorsamkeit antworten durfte lautete: "Os!"

Wie stark Karate die beiden Jungen geprägt hat, zeigt die lange und ergreifende Szene, in der Gerold seinen Freund auf dessen Verlangen tötet. Guido hat auf einer Baustelle eine ätzende Reinigungsflüssigkeit getrunken, die jemand versehentlich in eine Wasserflasche gefüllt hat. Danach kann er nur mit Hilfe von Apparaten atmen, sprechen, leben. "Töte mich", schreibt er auf einen Zettel und als Gerold seinem Wunsch nachkommt, greifen die beiden ehemaligen Karateschüler auf die Regeln dieser Kunst zurück. Während Gerold beim Großvater wollte, dass dieser während seines Totenkampfes die Augen öffnet, um zu sehen, wer ihn tötet, muss ihm Guido versprechen, die Augen geschlossen zu halten.

Guido versteht meine Dringlichkeit, versteht, dass er gehorchen muss. Ein letztes Mal drückt er seine Sprechkanüle und sagt: Os.
Es war sein allerletztes Wort…
Auch ich antworte Guido auf Japanisch. Mokusõ, sage ich. Der Karate-Befehl zur Mediationsphase. Schließ die Augen. Konzentriere dich auf deinen Atem. Konzentriere dich auf deinen letzten Atemzug, Guido, denke ich.

"Todesengel" nennt sich Gerold selbst. Kann man mit so einer Selbsteinschätzung ein normales Leben führen? Er versucht es mit Elena. Sie leben zurückgezogen, auf sich konzentriert. Einzig Elenas unerfüllter Kinderwunsch überschattet ihre Beziehung. Und so zögern weder Elena noch Gerold, das in einem Motel von irgendjemanden zurückgelassene Kleinkind Sarah zu entführen. Wie immer bei seinen Rechtsbrüchen findet er auch hier eine Begründung.

Mir war nicht bewusst, was ich tat, ich handelte einfach, tat, was getan werden musste.

Das Glück der kleinen Familie währt nicht lange. Gerade als sie dabei sind, nach einer Lösung zu suchen, mit Sarah in ein anderes Land zu fliehen, stürzt Elena mit dem Kind auf ihrer Schulter bei einer Bergwanderung ab. Ein paar Wochen später folgt ihnen Gerold nach. Hans Platzgumer hat einen vielschichtigen Roman geschrieben. Obwohl ich durch Vorausblicke um all das Unglück in Gerolds Leben weiß, habe ich die Handlung ähnlich wie den youtube-Trailer mit Spannung verfolgt. Gerold selbst ist mir mal fremd, mal nah. Vielleicht war sein Schicksal, dass er Elena, Guido, seine Mutter zu sehr liebte. Aber urteilen Sie selbst, würde er sagen.

 

 

Hans Platzgumer
Am Rand
Zsolnay / Deuticke
2016 · 208 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
208 Seiten

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