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lichtungen Ausgabe 161 Schwerpunkt: Katalanische Literatur
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lichtungen Ausgabe 161 Schwerpunkt: Katalanische Literatur
Kritik

Das nächste Dorf ist immer das nächste

Hans Thills neues Buch zwischen Reisebericht und Kulturgeschichte
Hamburg

Ich fange an der Oberfläche an, bleibe zunächst auf Distanz, bevor ich mich in die Dörfer schlage, von denen Hans Thill in seinem neuen Buch berichtet. Ich fahre mit dem Finger über den Buchrücken, auf dem Titel und Autorenname sich wie in Baumrinde geschnitzt anfühlen. Dann ist die Rast vorbei, ich schultere meinen Rucksack und gehe nicht ins erste Dorf, sondern ins nächste. Mir fallen die Worte eines bekannten Sportphilosophen ein, die ich abwandle und denke: „Das nächste Dorf ist immer das nächste.“ Ein etwas flapsiger Kurzschluss vielleicht, doch die Texte im Buch der Dörfer beginnen nun einmal alle mit den Worten „Das nächste Dorf…“ und sind verbunden mit einer Vielzahl von Assoziationen, Fabuliertem, Zitaten, Erdachtem und Erträumtem.

Hans Thills neuer Band ist eine Sammlung von kurzen, poetischen Prosatexten, die das Dorf als Lebens- und Erfahrungsraum, Erinnerungsort und Ideenreservoir ausloten. In vier Teilen zu je sechs Kapiteln nimmt Thill eine gewisse Kategorisierung vor, so gibt es zum Beispiel die mühseligen, die bescheidenen, die fleißigen, die kühnen und die ungelobten Dörfer. Doch viel wichtiger als diese Einteilung, die ja nur ein Versuch sein kann, der gar nicht mal so überschaubaren Welt der Dörfer habhaft zu werden, scheinen die tatsächlichen Besuche in den Orten, die man in unterschiedlicher Reihenfolge besuchen kann. Denn auffällig ist, dass man Das Buch der Dörfer nur dann linear lesen sollte, wo gleichlautenden Textanfänge aufeinander folgen. Abgesehen davon ist es eine Reise, die Autor und Leser eine größtmögliche Lektürefreiheit einräumt. Denn es geht fernab von allem Urbanen nicht nur querfeldein über fiktive Dörfer; es geht auch kreuz und quer durch Ideenwelt und Kulturgeschichte. Das heißt nicht, dass die vorliegende Textgestalt willkürlich entstanden ist. Doch sie scheint vielmehr nur ein Vorschlag, eine von unzähligen Möglichkeiten zu sein.

Doch ganz egal für welchen Weg man sich entscheidet, immer bewegt man sich in einem riesigen Referenzrahmen, der Das Buch der Dörfer nicht nur zu einem alternativen Reisebericht, sondern auch zu einer Weltgeschichte der Dörfer macht. Darin begegnet man nicht nur Dichtern von Opitz bis Jandl, sondern auch alten Bekannten wie Napoleon oder den Humboldts.

DAS NÄCHSTE DORF gehörte den Humboldts, die nahmen den Schlüssel mit, wenn sie auf Reisen waren. Die günstigen Winde wurden in einen Rucksack mehr gestopft als gefaltet, ein paar Australier ließen sich nicht lange bitten und tanzten mit Katzen. Wer hat den Teich ausgetrunken, wer stellte das Geschirr zu den Pferden im herrschaftlichen Stall? Zurück von hoher See, hobelten die Humboldts alle Tische platt. Alexander hatte eine neue Sprache mitgebracht, die im Februar fieberte und dann verstarb.

Allerdings findet die Reise durch die Dörfer nicht ausschließlich in der Vergangenheit bzw. der Geschichte statt. Obwohl ich beim Lesen immer wieder an den Simplicissimus oder Johann Gottfried Seumes Spaziergang nach Syrakus denken musste, ging mein erster Gedanke bei folgendem Gedicht in Richtung Heiligendamm.

DAS NÄCHSTE DORF sah über blühende Gräser und Elektrozäune bis ans Meer. Die Eingeborenen hielten sich die Nase zu, sprechen und tauchen war eins. Wir auf Bänken oder in Sätteln tauften die Winde nach Ankunft und Größe. Auch das Salz blühte zu unterschiedlichen Zeiten. Nach dem Vorbild der Fische standen Kinder hinter den Steinen, reglos und stumm.

Hans Thill
Das Buch der Dörfer
Matthes & Seitz
2014 · 163 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-95757-009-3

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