Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Bosnien-Herzegowina

Land der guten Literatur
Hamburg

Dieses Buch bezieht sein beeindruckendes Profil aus zwei  Quellen: Zum einen, und vor allem, aus dem textualen Nachweis, dass unser Nachbar Bosnien-Herzegowina lyrisch auf der Höhe ist; zum anderen daraus, dass sich die deutschen Übersetzer – allesamt selber Literaten und Lyriker – zu Höchstleistungen ermutigt sahen, weil mehrfach zwei Übertragungen eines BiH-Originaltextes abgedruckt würden, einmal sogar drei (Gedicht „Una“). Wenn aber alle Übertragungen aufgrund der Interlinearversion einer Person, hier verdienstvollerweise von Hana Stojić, erfolgen, könnten sich Fragen einstellen: Ist die Rohübersetzung fehlerfrei – was in dieser Reihe des Wunderhorn-Verlages (Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter) sicher gefordert wird -  und dürfen auch deutschsprachige Übersetzer ran, die die Ausgangssprache selber beherrschen und deshalb ggf. weiter abweichen möchten?

Die Übersetzer oder nachempfindenden Kollegen und Kolleginnen in diesem Fall sind: Sünje Lewejohann, Brigitte Oleschinski, Richard Pietraß, Axel Sanjos, Kathrin Schmidt, Ron Winkler.

Fein überträgt Kathrin Schmidt in „Oh, wie du gefeiert wirst, mein Vater!“, indem es ihr hervorragend gelingt, Ton, Aussage und Reim abzubilden.

Richard Pietraß, der erfahrene Dichter, wechselt passend zwischen hoher dichterischer Eigenfärbung und Interlinear-/Ausgangstext-Nähe: Samo da nije ni klan ni strijeljan! (Gedicht „Der treue Stern“)

bleibt bei ihm Mag er nur nicht geschlachtet oder erschossen sein!, während Axel Sanjos hier plakativer sein möchte: Mög er nur Gewalt und Massenmord entgehen.

Auch Sünje Lewejohanns und Ron Winklers Übertragungen können sich sehen lassen.

Brigitte Oleschinski scheint immer gut. Glückwunsch zur angemessen schwungvollen Titel-Übersetzung: Flieh aus diesen Fetzen, meine Seele !

Die Übertragungen, ihre Gegenüberstellungen vor allem  (ein feiner demokratischer Akt übrigens, recht undeutsch eigentlich: mein Gott, ist der/die etwa anders, besser?) sind sehr gelungenes Resultat der Übersetzerwerkstatt 2011 des Künstlerhauses Edenkoben. Hans Thill selber, der Herausgeber, ließ es sich nicht nehmen, ein spritziges Auftaktgedicht voranzustellen.

Und dann also die bosnisch-herzegowinischen Dichterinnen/Dichter mit ihren Gedichten! Die altersmäßig Reifen: Marko Vešović (geb. 1945), Stevan Tontić (1946), Mile Stojić (1955) neben den jüngeren Faruk Šehić (1970), Tatjana Bijelić (1974) und Tanja Stupar-Trifunović (1977). Dichter und Dichterinnen. Geburtsorte, die in drei Fällen im heutigen Bosnien-Herzegowina (BiH) liegen, in zweien im heutigen Kroatien, in einem im heutigen Montenegro. Solche, die die Aggression auf ihr Land (1992-1995) vor Ort durchstanden (Vešović); andere, die aus dem Exil heraus mitzuleiden hatten (Stojić etwa in Wien). Solche, die jenen Schrecken in ihren Gedichten herausragendes Gewicht verleihen; jene, die Geschlechterbeziehung, Beruf, Konsumverhalten – nicht nur in ihrem Land - thematisieren.

Mile Stojić setzt den ersten Impuls in diesem Buch: Verletztheiten, körperlicher Verfall, Zivilisationskritik, Kritik, d.i.Selbstkritik auch an den literarischen Kreisen in Sarajevo, die, wie alle anderen, nicht loskommen von jüngerer Vergangenheit und, schlimmer noch, schwarzen Prognosen: Am schnellsten gehen wir hoch bei Fragen der Nationalität./Wer schuld sei am Krieg, wer als erster geschossen habe,/wir prophezeien das Blutbad der Zukunft. In seltenen Momenten,/wenn wir uns einig sind, verfluchen wir Gott, der uns/in diesem rußigen Kessel ausgesät hat. (Gedicht „Dichter aus Sarajevo“).

Töne von Optimusmus - nach der traumatischen Belagerungserfahrung, die er unerbittlich verdichtet (s. Gedicht „Unsterblicher Augenblick“) - finden sich bei Marko Vešović: Es gibt noch Momente .../Wo die ganze Größe des Daseins wie ein Mondstrahl/auf das Gesicht/meines schlafenden Kindes scheint.(Gedicht „Es gibt noch Momente“)

Stevan Tontić legt dichterisch, d.h. dichte, beeindruckende Allegorien vor auf den Zerfall Jugoslawiens, auf maffiöse Politik; vor allem aber das wunderbare Gedicht „Wüstenkönig“ (in der Übersetzung von R. Pietraß) über die Not des Exils: Strich bin ich, zugleich die Summe. Scham möchte der Seele nahelegen, den Körper zu verlassen. (Gedicht „Flieh aus diesen Fetzen, meine Seele“)

Faruk Šehićhebt mit einem angemessen derb gehaltenen Gedicht aus dem Gefecht heraus an, Rock und Drogen begleiten: ich schiss auf eine schaufel im schlamm hinter der stellung/und schmiss die heiße scheiße ins niemandsland (Gedicht „die young and leave a good-looking corpse“). Dann die Liebeserklärung an seinen Fluss, die Una. Vielleicht pathetisch, aber hier viel eher: einfach nötig. Versteht man etwa nicht? Herzblut! Gutes! Šehić ist derjenige, der Ivo Andrić, Karlovačko pivo, ulica Maršala Tita broj 89, Che Guevara und – Jasenovac in einen Text bringt. Pop und Ernst. Diesmal tödlich.

Tatjana Bijelić geht dem westlichen Leser entgegen, indem sie Ironie und Kritik an Kaufrausch und Konsumglück verdichtet, den Handlungsort London mit ihrem Herkunftsland verbindend. (Gedicht „Jedes siebte gratis“) In wunderbar leichten, prosanahen Schwüngen liefert Bijelić einen humorvoll poetischen Bericht über einen Kurs Kreatives Schreiben: sie sagen, ich habe ihnen nicht genug/Musik, Worte, Inspiration vermittelt/alle bis auf ein ungeschminktes Mädchen/das schrieb sein Sonett mühelos (Gedicht „Janet (44), Leiterin des Kurses für kreatives Schreiben“) Ähnlich in „Shirley Lee (27), Tanzlehrerin“: hier sind die Refreshments/lasst uns noch einmal tanzen./Schaut die ersten fünf Minuten nur auf meine Rippen/ich habe tagelang nur Ananas gegessen. Köstlich!

TanjaStupar-Trifunović bricht ihre Lanze für die Frau auf andere Weise, schwerblütiger, erdiger: sie tragen das leben und den tod immer bei sich gehen spazieren/und lächeln/als ob es diese wunde nicht gäbe (Gedicht „die frauen“, das sich phasenweise wie eine Weiterentwicklung von A. B. Šimić liest).

Auch programmatischer: oh Junge die Welt der großen Männer ist ein düsterer Ort eine Scholle/die mit Lügen gepflügt ist (Gedicht „Die Entdeckung der Welt der Mütter“).

Wenn wir nun alle dieses augenöffnende Buch gelesen haben, wird vielleicht einmal ein Nachwort

wie das von Hana Stojić kürzer ausfallen können. Dann werden wir - wer’s glaubt, wird selig- keine elementarsten Grundkenntnisse bekommen müssen über ein Land, das bei uns nur erwähnt wird, wenn ein Bauer erfolgreich mit einem Bären ringt. Dabei sehr, sehr gute Dichterinnen und Dichter hat die Fülle!

Hans Thill (Hg.)
Geständnis eines Despoten
Dichter übersetzen Dichter
Wunderhorn
2013 · 24,80 Euro
ISBN:
978-3-88423-392-4

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